"Wir sitzen nicht hinter einer Glaswand"

30. November 2011, 18:26
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Thomas Einwaller zählt zu Öster­reichs besten Schieds­richtern. Er hört auf. Obwohl er den Druck bewältigt hätte

Standard: Was empfanden Sie, als Sie vom Suizidversuch Ihres deutschen Kollegen Babak Rafati erfuhren? Tage später wollte sich ein belgischer Schiedsrichterassistent das Leben nehmen.

Einwaller: Man macht sich viele Gedanken. Es hat mich nicht großartig überrascht, dass es irgendwann passiert. Der Druck steigt, und relativ wenige Schiedsrichter befassen sich mit der Thematik. Es nimmt kaum einer psychologische Betreuung in Anspruch.

Standard: Werden Sie betreut?

Einwaller: Seit 2004 arbeite ich mit einem Psychologen. Das Hauptproblem ist, dass man in Österreich noch immer schief angeschaut oder belächelt wird, wenn man das zugibt. Ich habe mir gesagt, ich gehe diesen Weg, damit kein Problem entsteht. Mein Ansatz war die Vorsorge.

Standard: Man hat den Eindruck, dass der Spitzensport zu viel verlangt, er frisst seine Kinder auf. Die Fälle von Burnout und Depression scheinen sich zu häufen. Zumindest werden sie publik.

Einwaller: Man muss sich bewusst sein, dass es sich um Spitzensport handelt. Ist man dort tätig, steht man in der Öffentlichkeit. Ich kann nicht oben mitspielen wollen und keinem Druck ausgesetzt sein. Das gilt auch für Skifahrer, das gilt für Ärzte, Künstler, Politiker ebenso. Die Schiedsrichter müssen sich selbst an der Nase nehmen. Wir sitzen nicht hinter einer Glaswand. Die Frage ist, wie man damit umgeht.

Standard: Warum wird man Schiedsrichter? Weil man beschimpft werden möchte?

Einwaller: Nein. Weil man die Liebe zum Fußball im Blut hat. Und man muss ein Förderer der Gerechtigkeit sein.

Standard: Merken Sie einen Verfall der Kultur, wird der Umgang miteinander respektloser?

Einwaller: Auf dem Fußballplatz, innerhalb der Linien, wird es eher respektloser, das ist eine völlig andere Welt geworden. Außerhalb des Feldes, wenn die Kameras und die Mikrofone abgeschaltet sind, ist der Umgang aber noch okay.

Standard: Nach einem Match werden Schiedsrichter mitunter in ein winziges TV-Studio gezerrt. In drei Zeitlupen wird ihnen dann gezeigt, dass sie einen Fehler gemacht haben. Hat das nicht etwas von einer Gerichtsverhandlung, von einem öffentlichen Tribunal?

Einwaller: Bei klaren Dingen gebe ich Irrtümer zu, es macht keinen Sinn, eine deutliche Abseitsstellung zu leugnen. Generell stelle ich die Fernsehinterviews infrage. Sie bringen einem Schiedsrichter nichts. Stehst du jede Woche dort und gestehst dauernd Fehler ein, geht das in die falsche Richtung. Die Medienlandschaft hat sich verändert, in diversen Foren wird anonym gelästert und gedroht. Nicht lesen ist leider keine Lösung. Journalisten sind sich nicht bewusst, dass sie in unserem Sport extreme Meinungsbildner sind. Man muss endlich sagen: im Zweifelsfall für den Schiedsrichter.

Standard: Fans schütten Schiris mit Bier an, schreien "schwarze Sau". Wie gehen Sie mit dieser Form der Dummheit um?

Einwaller: Man kriegt das zwar mit, aber man ist derart konzentriert, dass es einen nicht belastet. Ich höre das "schwarze Sau", es irritiert mich nicht. Man hat andere Sorgen. Da gibt es eine kritische Situation in der fünften Minute, du entscheidest, hast aber Zweifel. Diesen Zweifel musst du sofort löschen, sonst hast du die restlichen 85 Minuten ein Problem mit dem Spiel und mit dir selbst.

Standard: Ist das Spiel fürs menschliche Auge zu schnell?

Einwaller: Fakt ist, dass man erst durch das Fernsehen vieles erkennt. Technische Hilfsmittel wie Torkameras lösen die Probleme nicht. Die Frage, ob ein Ball hinter der Linie war oder nicht, stellt sich zweimal im Jahr. Wir haben zwei Problemfelder, den Strafraum und das Abseits. War es ein Foul? War es eine Schwalbe? Hätten wir den Videobeweis, und ich bin grundsätzlich für alles, was unsere Arbeit erleichtert, hätten wir zwei verschiedene Sportarten. Fußball im Amateurbereich und Fußball im Profibereich. Das wäre schade. Der Reiz ist, dass von der Kreisklasse bis zur Champions League die gleichen Regeln gelten.

Standard: Es hat Schiedsrichter gegeben, die Matches im Auftrag der Wettmafia manipuliert haben. Wurde jemals versucht, Sie zu bestechen? Wären höhere Gagen ein Mittel gegen die Versuchung?

Einwaller: Gott sei Dank wurde ich nie damit konfrontiert. Ich glaube, dass die Bezahlung in der österreichischen Liga mittlerweile korrekt ist. 1000 Euro brutto pro Partie passen absolut.

Standard: Sie hören im Sommer 2012 auf. Dann sind Sie erst 35, Sie könnten noch zehn Jahre pfeifen. Was waren die Beweggründe für diesen Entschluss?

Einwaller: Ich höre auf, weil ich hohe Ansprüche an mich stelle. Ich will und kann den Aufwand nicht mehr betreiben. Ich muss viermal in der Woche trainieren, habe kaum Flexibilität. Ich bin 20 Jahre Schiedsrichter, schaffte es in die höchste Ebene. Ich habe zwei Kinder, arbeite in der Bank, 80 Tage Urlaub sind zu viel. Ich lebe in Tirol, von dort ist die Welt weit. Vor fünf Jahren war mir das egal, da wollte ich nur nach Madrid. Jetzt sind die Reisestrapazen zu groß. Wegen des Drucks höre ich nicht auf. Aber ich stelle mir schon die Frage, warum in Deutschland der schlechteste Schiedsrichter gewählt wird. Was bringt das? Der Fall Rafati sollte auch eine Chance sein.

Standard: Die Träume von einer WM-Endrunde oder von einem Champions-League-Finale bleiben unerfüllt.

Einwaller: Ist man Realist, weiß man, dass das für einen Österreicher wahnsinnig schwierig ist. Da müsste man bereit sein, alles aufzugeben. Sogar die Familie.

Standard: Ihr Highlight?

Einwaller: Das schönste Erlebnis war die Bronzemedaillenpartie zwischen Brasilien und Belgien bei Olympia 2008 in Peking. Sie fand in Schanghai statt. Das hatte Charme. Der Einwaller aus einem kleinen Nest in Tirol pfeift im riesigen Schanghai.

Standard: Waren Sie Trainern oder Vereinsfunktionären, die sich manchmal im Ton vergriffen haben, je böse?

Einwaller: Viele kommen nach den ersten Emotionen auf ein Gespräch und entschuldigen sich für ihre Äußerungen. Ich frage mich trotzdem, wie man solche Emotionen produzieren kann. Es ist leider Show dabei. Es wird zu viel gespielt im Fußball.

Standard: Was wird Ihnen fehlen?

Einwaller: Das weiß ich jetzt nicht. Ganz ohne Schiedsrichterei halte ich es wohl nicht aus. Vielleicht werde ich Funktionär in Tirol.

Standard: Verspüren Schiedsrichter den Drang, im Mittelpunkt zu stehen? Wollen einige Stars sein?

Einwaller: Schiedsrichter sollen sich nie in den Mittelpunkt stellen. Sie geraten durch Entscheidungen in den Mittelpunkt. Ich bin wahnsinnig kritisch. Ich analysiere meine Partien und entdecke Schwächen, die keine Kamera mitbekommt. Wir können zwar richtig stehen, aber wir können nicht fliegen. Und wir können eine Situation nicht gleichzeitig von vorne, von hinten und von der Seite begutachten. Das wird und soll so bleiben.(Christian Hackl, DER STANDARD Printausgabe 1.12.2011)

 

Zur Person:

Thomas Einwaller (34) aus Scheffau am Wilden Kaiser debütierte 2001 als Schiedsrichter in der österreichischen Bundesliga. Seit 2005 ist der Tiroler international tätig. Einwaller ist verheiratet, hat zwei Kinder, jobbt als Bankangestellter in Kufstein.

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    "Der Reiz ist, dass von der Kreisklasse bis zur Champions League die gleichen Regeln gelten."

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