Wahlen in Ägypten

Islamisten liegen klar vorn

Analyse | Gudrun Harrer , 30. November 2011, 18:40

Muslimbrüder gewinnen erste Runde der Parlamentswahlen - Offizielle Ergebnisse am Donnerstagabend

Offizielle Ergebnisse gibt es zwar erst am Donnerstagabend, aber dass die Muslimbrüder die erste Runde der Parlamentswahlen gewinnen werden, ist klar. Aber auch die radikalen Islamisten mischen mit.

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Kairo/Wien - Die ersten Wahlergebnisse, die am Mittwoch nach Abschluss der ersten Runde der Parlamentswahlen in Ägypten durchsickerten, wiesen auf einen klaren Sieg des islamistischen Lagers hin. Er könnte noch eindeutiger ausfallen, als Umfragen erwarten ließen. Die Schätzungen von Beobachtern gingen am Mittwoch bis zu 65 Prozent der Stimmen.

Die ägyptische Wahlkommission will die Ergebnisse am Donnerstagabend verkünden. In vielen Wahlbezirken dürften in einer Woche Stichwahlen stattfinden. Aber in etlichen Fällen werden sich die Wähler und Wählerinnen dabei zwischen einem gemäßigten und einem radikalen Islamisten entscheiden müssen.

Laut Al-Jazeera liegt die Partei der Muslimbrüder FJP (Freiheit und Gerechtigkeitspartei) mit rund 40 Prozent der Stimmen vorn. Das würde zirka dem Ergebnis der gemäßigt islamistischen Ennahda-Partei in Tunesien entsprechen. Allerdings haben in Ägypten nach ersten Schätzungen die rechts von der FJP stehenden Salafisten mit ihrer größten Partei Nur (Licht) weitere etwa acht Prozent gewonnen.

Von den im Ausland lebenden Ägyptern hätten sogar siebzig Prozent die Muslimbrüder-Partei gewählt, meldete der TV-Sender Al-Arabiya.

Da können die Säkularen - "zivil" genannt, weil "säkular" eine negative Konnotation hat - nicht mit: Der Ägyptische Block käme laut Al-Jazeera auf 15, die ebenfalls liberale Wafd, die keinem Bündnis angehört, auf acht Prozent. Andere Ergebnisse standen noch aus, etwa das des Blocks "Die Revolution dauert an".

Der Wahltermin 28. und 29. November war nur der erste von drei, die nächsten folgen Mitte Dezember und Anfang Jänner, jeweils zwei Tage mit ebenfalls zweitägigen Stichwahlen eine Woche später. Das heißt, es wird über einen Zeitraum von eineinhalb Monaten an zwölf Tagen gewählt. An jedem dieser Termine wählen neun der 27 ägyptischen Provinzen, Kairo und Alexandria waren beim ersten Termin dabei.

Genau das gleiche Prozedere gilt dann für die Ende Jänner beginnenden Wahlen für die Schura, die zweite Parlamentskammer. Die Wahlen werden also insgesamt erst Mitte März abgeschlossen sein, nach zusammengerechnet 24 Wahltagen.

Die Bekanntgabe von Wahlresultaten vor Abschluss der Gesamtwahlen wird als problematisch angesehen, denn es könnte die nächsten Wahlrunden beeinflussen. Der kurz auf den Wahltermin folgende Stichwahltermin macht jedoch eine Veröffentlichung nötig.

Die "Freiheit- und Gerechtigkeitspartei" der Muslimbrüder ist eine Neugründung nach dem Sturz von Hosni Mubarak im Februar, als Partei waren die Muslimbrüder ja verboten. Die behauptete Unabhängigkeit der FJP von der Brüderschaft ist jedoch eine Augenauswischerei: Ihre Führung wurde von den Muslimbrüdern bestellt, und alle Anhänger der Muslimbrüder wurden aufgefordert, ihr beizutreten.

Die eindrucksvolle Performance der Muslimbrüder ist ein Schlag ins Gesicht derer, die in der vergangenen Woche auf dem Tahrir-Platz gegen die Allmacht des Militärrats (Scaf) demonstrierten. Die Muslimbrüder hatten sich von diesen Demonstrationen ferngehalten, weil sie zuvor mit dem Scaf einen Deal abgeschlossen hatten - zu dem die pünktliche Abhaltung der Wahlen gehörte. Dafür macht das Militär Konzessionen bezüglich der Besetzung der Verfassungskommission, aus der es zuerst das Parlament - und damit die Islamisten - heraushalten wollte. Auch das wird den Säkularen nicht gefallen.

Der neue Premier Kamal Ganzoury verhandelt indes mit einzelnen Parteien, seiner Regierung ein "Beratungsgremium" zur Seite zu stellen. Wenn das eintritt, sind die Pläne für eine "Regierung der Nationalen Rettung", die die Demonstranten auf dem Tahrir-Platz verlangen, ad acta gelegt. In Kairo griffen Schlägerbanden am Dienstagabend die auf dem Tahrir-Platz in Kairo kampierenden Demonstranten an. Dabei wurden dutzende Menschen verletzt.(DER STANDARD, Printausgabe, 1.12.2011)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 93
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Der Troll
01
1.12.2011, 15:52

Wen sollen die Massen an Analphabeten wählen außer die Islamisten. Kennen doch seit 1400 Jahren nichts anderes. Persönlich hoffe ich auf die Salafisten und das diese den Fremdenverkehr abwürgen. Ein Konkurrent weniger.

Liberaler Atheist
27
1.12.2011, 12:46
Offenbar müssen wir zur Kenntnis nehmen...

...dass eine klare Mehrheit der Bevölkerungen im arabischen Raum nach den menschenrechtsverachtenden vormittelalterlichen Regeln des Koran leben will und nichts dagegen hat, diesen Lebensstilauch allen Bewohnern aufzwingen. Darauf laufen die Wahlergebnisse hinaus. Im Alltagsleben wird es auch keine Rolle spielen, ob angeblich "moderate" Muslimbrüder oder Salafisten regieren.

Die laizistische Minderheit tut mir jetzt schon leid, sie wird auswandern müssen oder im Gefängnis oder wo immer landen.

Bei den Beziehungen zu diesen Ländern sollten wir allerdings ab nun berücksichtigen, dass die Menschenrechte noch weit stärker verletzt werden werden als unter den "autoritären" Vorgängerregimes.

Arbeiter
31
1.12.2011, 18:23
Gestatten sie, Atheist, dass ich für den Islam argu.mentiere, denn sie nennen sich ja "liberaler"

Der Islam ist keinesfalls "menschenverachtend". Er sieht eine Gesellschaftsordnung vor, die das Gute fördert und das Böse vermeidet. Gut sind z.B. Ehe und Familie mit Kindern, Beten, Fasten, Pilgerfahrt. Ein massvolles, keusches Leben. Sorge für die Kinder und die Alten. Die Männer müssen Frauen gut behandeln. Diese Ordnung greift auch in Europa Platz, weil Wirtschaftsinteressen und gute Menschen von Rot und Grün und Christlich das so wollten. Also matschkern sie nicht! Wahr ist schon, dass die islamische Ordnung um Häuser konservativer und strenger ist als die Christliche, die noch Kinder hervorbrachte, so ungefähr bis 1970. Aber wer wollte die schon?

Ernst Guevara
01
1.12.2011, 12:21
die symbiose aus militärdiktatur, alten eliten des mubarak-regimes und islamisten gewinnt leider an macht. zu wünschen wäre den ägypterInnen jetzt, dass die muslimbruderschaft auseinanderbricht. allerdings weiss ich nicht, wie die chancen für eine

solche entwicklung stehen. aber man hört doch, dass sich viele, vor allem junge anhänger von den muslimbrüdern abwenden, weil sie ihnen verrat an der revolution vorwerfen. darin besteht eine chance, nämlich dann, wenn diese progressiven, ehemals islamistischen kräfte sich der demokratiebewegung anschliessen. denn der eigentliche konflikt in ägypten verläuft weniger zwischen islamismus und demokratie, sondern zwischen dem machtblock aus militär, alten mubarak-eliten und islamisten einerseits und der demokratiebewegung andererseits. es wird sich noch zeigen, wie dieser konflikt ausgeht, die wahlen sind in dieser hinsicht jedenfalls nur ein placebo.

http://jungle-world.com/artikel/2... 44432.html
http://ipsnews.net/news.asp?... ews=106050

Liberaler Atheist
12
1.12.2011, 12:49
Keine Chance

Der gesellschaftliche Rollback findet dort schon seit 30 Jahren statt. Im Grunde hat das Mubarak-Regime nur das ärgste verhindert. Der islamische Gottesstaat steht vor der Tür und die Mehrheit der Ägypter sagt: "Endlich!"

Ich weiß schon, warum mir die Araber (als Volk, nicht als Einzelpersonen) unsympathisch sind.

Maria Lacina
00
11.1.2012, 19:06
naja,..

das wird die Araber (Ägypter sind übrigens keine "Araber" *LOL*) wohl ziemlich kalt lassen, genau so wie es dir vermutlich egal ist, dass du mir nicht symphatisch bist.

Liberaler Atheist
00
11.1.2012, 23:28

Letzteres stimmt sicher;-)

Maria Lacina
00
12.1.2012, 00:14
erstetes...

...stimmt auch.

Zinsenfeger
02
1.12.2011, 11:41

Nach Umstürzen gewinnt nicht die Partei mit dem besten Programm. Es gewinnt diejenige mit der besten Organisation. Die Muslimbrüder sind perfekt organisiert, sie haben ihre Strukturen schon vor Jahrzehnten aufgebaut. Sie waren unter Mubarak verboten, was ihnen einen Touch von Opposition verleiht.

Es ist ungerecht, aber die Dissidenten gehen am Ende so gut wie immer leer aus: ob seinerzeit im ehemaligen Ostblock, beim Zusammenbruch der Sowjetunion oder eben jetzt in der arabischen Welt.

Rechts/neoliberal/katholisch
21
1.12.2011, 11:23
Aus westlicher Sicht sind manche Völker wohl nicht reif für Demokratie.

Jetzt gehts los. Auf dem Tahrir Platz, wo für die Freiheit gekämpft wurde, wird dann ab jetzt wohl die tägliche Hinrichtung einer Ehebrecherin stattfinden, im Vorprogramm gibts Händeabhacken und im Anschluss lustiges Flaggenverbrennen.

Stephan Schaefer
 
00
1.12.2011, 15:54

Haben nicht die USA und gesamte westliche Welt Mubarak an der Macht gehalten und dessen Vergehen stillschweigend übersehen?

Rechts/neoliberal/katholisch
00
2.12.2011, 12:35
Ja eh. Aus gutem Grund wie wir jetzt sehen werden.

Alp Arslan - der Türkei-Experte
02
1.12.2011, 11:19
Muslimbrüder-Hamas

Sollten die Muslimbrüder in Ägypten die Alleinherrschaft erringen, dann wird Israel ein großes Problem haben.

Die Hamas wurde von der Muslimbruderschaft gegründet und wird heute finanziell und auch politisch von ihr unterstützt!

Ägypten ist das bevölkerungsreichste und einflussreichste Land in der Arabischen Welt und vorallem im Palästinaproblem! Zusätzlich ist es das einzige Arabische Land, dass mit Israel einen "Friedensvertrag" hat!

Daher stelle ich mal die Frage. Was geschieht in Gaza, wenn der große Bruder der Hamas in Ägypten an die Macht kommt?

Wie werden die Muslimbrüder die Außenpolitik Ägyptens gegeüber Israel führen?

Die Welt wird ein neues Problem haben.

Es lebe der Arabische Frühling! ;-)

Stephan Schaefer
 
00
1.12.2011, 16:02

--- Daher stelle ich mal die Frage. Was geschieht in Gaza, wenn der große Bruder der Hamas in Ägypten an die Macht kommt?

Gegenfrage: Hätte Israel diesem nicht vorbeugen können mit menschlicher Politik gegenüber den Palästinensern?

Alp Arslan - der Türkei-Experte
11
1.12.2011, 11:02
Arabischer Frühling wird mit dem Sieg der Islamisten enden!

Der Westen hat die Revolten in den Arabischen Ländern sehr begrüßt. Die Diktatoren und Tyrannen, die Ägypten, Tunesien und Libyen geherrscht haben sind weg oder tot. In Syrien wehrt sich Assad gegen die Neuordnung des Nahen Ostens!

Der Arabische Frühling würde viel umjubelt und als ein Meilenstein auf dem Weg der Demokratisierung der Araber gesehen!

Was ist jedoch daraus geworden?

In Libyen wurde die Scharia eingeführt. In Tunesien haben die Islamisten gewonnen. In Ägypten werden die Muslimbrüder bei den Wahlen die Absolute erreichen und den Staat islamisch regieren!

Kurz gesagt, wird der Arabische Frühling mit dem Sieg der Islamisten enden!

Wir der Westen dies akzeptieren?! Das ist jetzt die Frage!

anders and
 
20
1.12.2011, 15:25

was wäre denn die Alternative für den Westen?

Es bleibt ihm nichts anderes übrig als die jeweiligen Regierungen anzuerkennen, einzubinden und mit finanziellen Zuwendungen zu lenken.

Oder denken Sie die NATO könnte mit einer Million Soldaten in Nordafrika einmarschieren und dort für Ruhe sorgen?
Selbst wenn Sie so viele Soldaten einsetzen könnte (was sie nicht kann): das ist mit einer ähnlichen Truppenstärke (auf Einwohnerzahl und Fläche) schon im Irak nicht gelungen.

Uncle Ethan
00
1.12.2011, 10:59

das wird noch ein steiniger weg. aber wenigstens weiß man jetzt, wie die menschen denken :-(

imir
00
1.12.2011, 10:07

Das größte Glück der Herrschenden ist die Dummheit der Beherrschten.
A.H.

delysid
20
1.12.2011, 09:53
Und?

In Europa regier(t)en doch auch viele "christliche-soziale" Parteien.

Manche mit besonders heftiger Ausprägung:
http://images.derstandard.at/2010/06/0... 627124.jpg

Chien de Pique
00
1.12.2011, 13:29

Was haben die noch für ein Interesse an Religion, welche Rolle spielt die in ihrem Programm? Keine.
Über kollektiven Kirchgang der Parteiführung bei bestimmten Anlässen geht das praktisch nie hinaus.
Da wäre - mit viel Bauchweh und Augenzudrücken - die AKP als Pendant zu nennen (für die Religion durchaus noch ein Thema ist, wie vielleicht für die christkonservativen Parteien für 50-60 Jahren) aber sicher nicht die Muslimbrüder, die die Erfinder des modernen Islamismus sind!
Sogar die gestürzten laizistischen Parteien der arabischen Welt waren bei weitem religiöser als die christlich-sozialen Europas es sind (oder hätten die bei uns jemals zB die Bibel als die Quelle der Gesetzgebung eingeführt?)

Zinsenfeger
00
1.12.2011, 11:36

da fehlt aber das "sozial" ganz gewaltig

renatus79
 
02
1.12.2011, 10:43
wie kann man "christlich/soziale"...

mit islamisten/salafisten vergleichen?
wann hätte sich z.b. die ÖVP das letzte mal für die kirche eingesetzt, bzw. erwähnt?

nicht alles was hinkt ist ein vergleich.
vergleichbar wären islamisten mit der inquisition, mehr schon nicht.

anders and
 
11
1.12.2011, 12:24

Bis in die 1960er entsprachen einige christliche Parteien Europas in vielen Punkten durchaus den Muslimbrüdern.

Heute ist dieser vergleich Unfug, sieht man von einzelnen Ausnahmen (Polen) ab.

1,3,7-Trimethylxanthin
12
1.12.2011, 09:44
Ich bin gespannt,...

...wie hier die Kurve gekratzt wird.
Bisher wurden ja die Muslimbrüder als mustergültige Demokraten und Menschenfreunde dargestellt. Warum auch immer.
Irgendwann wird sich das wohl ändern müssen.

Mr. Anti Danti
11
1.12.2011, 09:42
Wie feige sind wir denn heute wieder?

Warum bitte herrscht hier so die angst vor dem Wort "Islamisten"??? Sorry aber die haben die Wahl gewonnen! Wenn der "Westen" jetzt wieder hergeht und meint "nein mit den ach so bösen Islamisten wollen wir nix zu tun haben". Dann gute Nacht!
Das ist die Chance zu zeigen das wir die Unterstürzung bei den Revolutionen ernst gemeint haben! Wir (die Medien) müssen einer "frei" gewählten Regierung eine Chance geben ansonsten => Iran 2.0

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