Ein Europa ohne Euro

30. November 2011, 15:40
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…hätte genauso viele Währungskonflikte wie heute – und noch viele andere Probleme

In den vielen Postings zu meinem letzten Blog, einem Appell zur Rettung des Euro, gab es viele, die die Einführung der Gemeinschaftswährung als Fehler und ihre Abschaffung als besten Ausweg aus der jetzigen Krise bezeichnet haben.

Tatsächlich basiert der Euro auf falschen Annahmen und brüchigen Fundamenten, woraus sich viele der heutigen Konflikte erklären lassen. Aber sein Ende würde nur wenige Probleme lösen und viele neue schaffen.

Erstens ist der Ausstieg aus einer Währungsunion technisch und wirtschaftlich unglaublich schwierig und lässt sich mit Sicherheit nicht ruhig und ordentlich abwickeln. Das daraus folgenden wirtschaftliche Chaos könnte die ganze Welt in eine Depression reißen.

Zweitens hat der Euro ganz konkrete Vorteile gebracht, wie eine leichtere Planbarkeit von Außenhandel und Investitionen zwischen den Euroländern, ein Ende des teuren Geldwechselns, ein leichterer grenzüberschreitender Preisvergleich und dadurch mehr Wettbewerb. All das wäre bei einer Rückkehr zu nationalen Währungen und schwankenden Devisenkursen verloren.

Und drittens verursacht ein flexibles Wechselkurssystem in einem eng verflochtenen Wirtschaftsraum massive ökonomische Probleme. Es war wegen dieser Probleme, weshalb die europäischen Staaten seit Mitte der achtziger Jahre in Richtung Währungsunion marschiert sind. Diese würden bei einem Zerfall der Eurozone sofort wieder zurückkehren.

Wer immer heute sagt, „früher war es besser“, den muss man fragen: „Wann eigentlich?“

Es stimmt, unter dem Bretton-Woods-System hatten die europäischen Staaten eigene nationale Währungen und feste Wechselkurse. Das bot gleichzeitig wirtschaftspolitische Flexibilität und währungspolitische Stabilität – ein paradiesischer Zustand.

Aber der war nur möglich, weil es bis in die späten sechziger Jahre kaum einen grenzüberschreitenden Kapitalverkehr gab und dieser strikt reglementiert war. Eine Rückkehr zu diesem Zustand ist weder möglich noch wünschenswert. Oder will man wirklich wieder bei der Nationalbank ansuchen müssen, wenn man Devisen zum Import erwerben will?

Die Liberalisierung des Kapitalverkehrs und das Wachstum der Finanzmärkte untergrub das Bretton-Woods-Systeme, sodass es zwischen 1971 und 1973 zusammenbrach – ja zusammenbrechen musste. Seither waren die europäischen Staaten damit beschäftigt, Wege zur Währungsstabilisierung zu finden – von der „Schlange“ zum Europäischen Währungssystem (EWS) bis schließlich zur Währungsunion (EMU).

Österreich entschied sich früh zum Beitritt eines Proto-Euro: dem D-Mark-Block. Wir banden so wie die Niederlande den Schilling fest an die D-Mark und gaben damit unsere eigene Geldpolitik praktisch auf.  Das Zinsniveau in Österreich wurde in Frankfurt entschieden, ohne Mitsprache aus Wien.

Italien war damals nicht dabei, sondern hatte die Freiheit zum Abwerten. Das taten die Italiener mit Gusto, jeweils gefolgt von Inflationsschüben. Die Folge waren ständige Wettbewerbsverschiebungen zwischen den Handelspartnern Österreich und Italien und eine wachsende Verschuldung beim südlichen Nachbarland. Der Großteil der italienischen Schulden von heute stammt aus den siebziger und achtziger Jahren.

Die Versuche, die Wechselkurse in Europa zu stabilisieren, ohne die nationalen Währungen aufzugeben, scheiterten jedes Mal, solange die Notenbanken in Rom und Paris ihre eigene Geldpolitik betrieben. Erst nach 1983, als sich die Regierung Mitterrand inmitten einer tiefen Wirtschafts- und Währungskrise entschloss, sklavisch dem deutschen Vorbild zu folgen, konnte das EWS funktionieren, blieben die Wechselkurse stabil.

Aber das hatte einen hohen Preis: Geldpolitik wurde nur noch in Deutschland und von Deutschen entschieden, und dennoch blieben die Zinsen in den anderen Ländern relativ hoch, weil die Märkte der Währungsstabilität nicht ganz glaubten.

Die EWS-Krise von 1992/93 hielt Europa monatelang in Atem und war mit der heutigen Situation vergleichbar.

Die Schaffung der Währungsunion war ein logischer nächster Schritt, um aus dem instabilen Zwischenstadium in ein festes System zu gelangen. Und mit der Ausnahme von Griechenland gab es bei jedem Teilnehmerland gute Argumente für den Beitritt.

Das Ende des Euro oder auch nur ein Ausscheiden von Italien, Spanien, Portugal und Irland würde Europa in die frühen achtziger Jahre zurückwerfen.

Und diese Zeit war währungspolitisch mindestens so chaotisch wie die heutige.

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