Hinters Licht geführt

Reportage7. Dezember 2011, 07:09
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Ein Selbstversuch im Blindsein: Warum man Angst hat, der Himmel könnte einem auf den Kopf fallen und was man erkennt, wenn man nichts sieht

Ich habe meine Hand an den Stamm einer Birke gelegt, Grillen zirpten und die Felswand, an der ich mich entlang tastete, war rau, kühl und feucht. Ich habe im Laufschritt eine stark befahrene Straße überquert. Ich habe Kaffee gerochen, an einer Bar mit einem Holztresen. Und das alles in völliger Dunkelheit. Denn ich war blind.

Eine Stunde lang war es dunkel, wie noch nie zuvor in meinem Leben. Nicht mal mehr die kleinen hüpfenden Lichtpunkte, die sonst sichtbar werden, wenn man die Augen schließt waren da. Und selbst beim Öffnen der Augen blieb alles schwarz.

Helmut Schachinger hat mich bei der "Führung hinters Licht", einem Angebot von "Dialog im Dunkeln" begleitet. Sehende werden dabei von Blinden durch einen Parcours geführt. In vollkommener Dunkelheit. Die Idee entstand 1993 in Hamburg und wird mittlerweile in mehr als 30 Ländern angeboten. Schachinger, der seit seinem 13. Lebensjahr nichts mehr sieht, ist einer der drei Geschäftsführer des Wiener Ablegers und eine Stunde lang war seine Stimme mein Kompass in der Dunkelheit. Aber noch ist alles hell.

Abtauchen

Als mich Schachinger in Empfang nimmt, gibt der 44-Jährige eine kurze Einweisung in den Gebrauch des Blindenstocks: Egal in welcher Hand, den Zeigefinger auf die abgeflachte Stelle legen, so dass die Handflächen nach außen Zeigen. Und den Stock immer in Schulterbreite hin und her schwenken. Dann geht es ein Stockwerk tiefer, in das Kellergewölbe des Schottenstiftes im ersten Wiener Gemeindebezirk.

Wir schlüpfen durch eine Holztür. Das Licht ist weg. Stimmen. Andere Besucher. Andere Guides. "Immer meiner Stimme folgen", sagt Schachinger. Ich bin überfordert. Meine Orientierung ist weg und ich weiß nicht genau, woher seine Stimme kommt. Kurz überlege ich, ob ich nervös werden soll. Nach den Notausgängen fragen. Ich starre in die Dunkelheit. So als ob ich etwas sehen könnte, wenn ich meine Augen nur genug anstrengen würde.

Stimmen

"Wo sind wir hier? Was ist das für ein Boden?" Schachingers Fragen lenken meine Aufmerksamkeit wieder auf die Umgebung. Ich scharre mit den Füßen. Es ist weich. "Was sind das für Geräusche?" Vögel zwitschern, Grillen zirpen und im Hintergrund rauscht etwas. "Die Belüftungsanlage", frage ich. "Nein, ein Bach", löst Schachinger das Rätsel auf. Wir sind im Wald. Und ich sehe Baumwipfel, moosigen Boden, einen sprudelnden Bach. In meinem Kopf entsteht ein Bild der Umgebung. 

"Immer meiner Stimme folgen", dieser Satz Schachingers wird für die Dauer des Parcours mein visuelles Geländer, an dem ich mich entlang hantle. Die Guides gehen die Tour rückwärts, immer zum Besucher gewandt. Eine besondere Herausforderung für die Guides: Sie müssen spiegelverkehrt denken. Insgesamt arbeiten 17 Personen bei "Dialog im Dunkeln", zehn davon begleiten Gäste durch die Dunkelheit. Die übrigen Sieben sind Sehende. Sie übernehmen Kassadienste oder Büroarbeit. Führungen machen Sehende nicht.

Schachinger hat lange Zeit als Telefonist gearbeitet. Nebenbei begann er bei "Dialog im Dunkeln" durch die Dunkelheit zu führen. Nachdem 2009 der damalige Betreiber Konkurs angemeldet hatte, haben Schachinger und drei weitere Angestellte den Betrieb übernommen.

Himmel auf den Kopf fallen

Dank seiner jahrelangen Erfahrung fallen Schachinger auch Kleinigkeiten auf: "Sie brauchen nicht gebückt zu gehen", sagt er. "Die Räume sind hoch genug". Erst jetzt bemerke ich, dass meine Schultern etwas zusammengezogen sind und mein Kopf leicht Richtung Boden gebeugt ist. Ich gehe durch die Dunkelheit, als würde ich mich davor fürchten, dass mir gleich der Himmel auf den Kopf fällt. Ein Zeichen meiner Unsicherheit und der Vorstellung, ich müsste Richtung Boden schauen, um Hindernisse besser erkennen zu können. Völliger Schwachsinn. Schachinger hat an meiner Stimme meine Körperhaltung erkannt.

Bilder der Umgebung entstehen während der gesamten Zeit durch Beschreibungen. "Wir gehen rechts durch eine Tür und sind in einem Laden. Dort gibt es verschiedene Gegenstände, die auf einer Verkaufsfläche aufgestellt sind. Was zum Beispiel ist gleich das Erste rechts neben Ihnen?" Das Erste rechts neben mir ist kalt, aus Hartgummi, und noch was anderem, Stahl vielleicht, und dann wieder Gummi. Und die Teile aus Gummi sind rund. "Ein Tipp: Fast jedes Kind hat so was." Und dann, ganz langsam entsteht aus den Versatzstücken ein Bild. Es fühlt sich an wie Puzzeln im Kopf. Dann ist das Bild da: Ein Dreirad. In meiner Vorstellung ist es grün und weiß. Vielleicht weil mein Dreirad so ausgesehen hat.

Unfallangst

Nächste Station: Ich höre ein regelmäßiges Ticken. Wir sind an einer Ampel. Das Tickintervall wird kürzer. Das Zeichen loszugehen. Obwohl ich weiß, dass hier in diesem Kellergewölbe kein fahrendes Auto über den Zebrastreifen rasen und mich in den Unfalltod reißen wird, zögere ich. Schachinger nimmt mich an der Hand und wir gehen zügig über die Straße. Schneller als ich üblicherweise Straßen überquere. Aber da habe ich den Luxus zu sehen, wann es gefährlich wird.

Nach dieser Aufregung führt mich mein Guide in eine Bar. Ich taste mich den hölzernen Tresen entlang. Wir nehmen an der Theke Platz. Sven, der Kellner, begrüßt uns und zählt die verschiedenen Getränke und deren Preise auf. Ich nehme einen Espresso mit ein bisschen Milch. Den Aludeckel vom Milchbehältnis zu ziehen, dauert ein wenig länger als gewohnt. Beim ersten Schluck setze ich die Tasse rund zwei Zentimeter unter meinem Mund an. Während ich mit Schachinger plaudere, fällt mir auf, dass die Dunkelheit dazu verführt, die Regeln der Höflichkeit außer Acht zu lassen: Denn ich schaue ihn während des Gesprächs nicht an. Sobald ich es bemerke, drehe ich mich zu ihm.

Ich zahle mit einem Zehn-Euro-Schein. Ob das Retourgeld korrekt ist, kann ich nicht überprüfen. Ich spüre lediglich Papier und unterschiedlich große Münzen zwischen meinen Fingern. Wir gehen.

"Jetzt auf den Boden schauen und vielleicht hin und wieder blinzeln", warnt Schachinger. Und da durchdringt ein winziger Lichtkegel die Dunkelheit. Ganz zaghaft kann ich Umrisse erkennen. Wir biegen zweimal um die Ecke. Das Licht wird stärker. Aus Umrissen werden die Wände des Gewölbes, der Boden und ich erkenne das Grün von Schachingers T-Shirt. Mit seinen dunkelblonden Haaren, den verkniffenen Augen, dem runden Bäuchlein und dem guten Schmäh wirkt er wie ein freundlicher Igel. Ich bin wieder im Licht. Aber es ist nicht so, dass ich im Dunkel nichts gesehen hätte. (mka, derStandard.at, 7.12.2011)

  • So viel war während der einstündigen Tour zu sehen.
    foto: christian fischer

    So viel war während der einstündigen Tour zu sehen.

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