Wiener Uni-Beauftragter: "Freier Hochschulzugang in Ehren, aber gleichzeitig muss man über die Qualität des Studiums reden"
In den Mund nehmen will der ehemalige Bundessprecher der Grünen, Alexander Van der Bellen, das Wort Zugangsbeschränkungen nicht. Darauf angesprochen sagt er allerdings: "Freier Hochschulzugang in Ehren, aber gleichzeitig muss man über die Qualität des Studiums reden." Er selbst sei ein "Geschädigter eines Massenstudiums" und wisse daher aus eigener Erfahrung, dass in bestimmten Fächern die Reduzierung der Studierenden unvermeidlich sei, wenn die physischen Kapazitäten nicht gegeben sind.
"Blick über den Tellerrand"
Worüber Van der Bellen am Mittwoch im Rahmen einer Pressekonferenz aber eigentlich sprechen wollte, war der Bericht über ein Jahr seiner Tätigkeit als Beauftragter der Stadt Wien für Universitäten und Forschung. "Wien hat als Standort für Wissenschaft und Forschung gute Voraussetzungen", beginnt der ehemalige Wirtschaftsprofessor seine Ausführungen mit dem Positiven. Allerdings herrsche auch viel Aufholbedarf, damit Wien im internationalen Vergleich nicht zu stark an Boden verliere. Dafür sei laut Van der Bellen vor allem ein Blick über den Tellerrand nötig.
"Internationalität annehmen"
Ziel des jährlich geplanten Berichts sei es, aktuelle Entwicklungen rund um den Universitäts- und Forschungsstandort Wien mit Analysen, Empfehlungen und Aktivitäten zu begleiten. Van der Bellen streicht dabei vor allem die Vernetzung Wiens auf internationaler Ebene heraus. So sei zum Beispiel die Kooperation mit dem Forschungsstandort Brünn ein gutes Beispiel dafür, wie man über Grenzen hinweg voneinander profitieren könne. Dabei strebe man zum Beispiel die gemeinsam Nutzung von Infrastruktur und den vermehrten Austausch von ForscherInnen und Studierenden an. "Internationalität ist wichtig, also müssen wir sie auch bewusst annehmen", so Van der Bellen.
"Brain Drain" verhindern
Um qualifizierte ForscherInnen aus dem Ausland nach Österreich zu locken und jene die bereits hier sind halten zu können, müsse der Wissenschafts- und Forschungsstandort Wien attraktiver werden, sieht der Grüne Abgeordnete Handlungsbedarf. Dabei würde nicht zuletzt die budgetäre Ausstattung der Hochschulen und der außeruniversitären Forschungseinrichtungen eine wichtige Rolle spielen. "Wien wird die Finanzmisere die vom Bund ausgeht nicht ersetzen können", gibt sich Van der Bellen keinen Illusionen hin. Dennoch werde einiges getan, so gebe es etwa Fonds für die Akademie der Wissenschaften und die
Universität für Bodenkultur, aber auch den Wiener Wissenschafts-, Forschungs- und Technologiefonds (WWTF). Wien müsse sich aber auch als Land und Stadt
bei der nächsten Novelle des Fremdenrechtes "zumindest" im tertiären
Bereich für Forscher und Studierende engagieren. Derzeit würden mehr
Hochqualifizierte und gut Ausgebildete Wien verlassen, als zuwandern, wobei
das Fremdenrecht häufig eine Barriere darstelle.
ÖH sieht in Bericht Handlungsauftrag an die Stadt
"Der Bericht zeigt einige wichtige Baustellen auf", teilte die ÖH-Vorsitzende Janine Wulz in einer Aussendung mit. Auch wenn der Großteil der
Kompetenzen beim Bund liege, gebe es für die Stadt Wien als größten
Hochschulstandort Österreichs viel zu tun, um in Zukunft international mithalten zu können.
"Kostengünstiger Wohnraum, günstiger
öffentlicher Verkehr, Förderung von Forschungsprogrammen und der
Abbau von bürokratischen Hürden für Studierende aus dem Ausland
müssen ganz oben auf der Liste stehen", so ÖH-Generalsekretär Peter Grabuschnig.
VP: "Van der Bellen entbehrlicher Budgetposten"
"Dieser Bericht stellt für mich lediglich eine Alibirechtfertigung
für einen Posten dar, den Wien und die Welt nicht braucht, da es
dafür ohnehin ein eigenes Ressort samt Stadtrat gibt", kritisiert ÖVP
Wien Kultursprecherin Isabella Leeb den Statusbericht Van der Bellens. Auf 41 Seiten werde darin erklärt, dass der Bund und nicht die Stadt Wien zuständig sei. Daher wolle man im nächsten Gemeinderat auch einen Antrag auf Abschaffung der
Position des Universitätsbeauftragten der Stadt Wien stellen, hieß es in einer Aussendung der ÖVP.
(Max Daublebsky, derStandard.at, 30. 11. 2011)