Die einsame Nacht des Fliegers

Reportage6. Dezember 2011, 06:39
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Im Einsatz mit den Flugrettern: Wie der ÖAMTC-Hubschrauber Christophorus 9 jäh zum Feierabend gezwungen wird

Wenn er es für nötig hält, legt Robert Holzinger kurz den internationalen Flugverkehr still. Heute hält er es nicht für nötig. Statt die höchste Priorität für die Überquerung des Flughafens anzufordern, wartet er, bis ihm der Tower von Wien-Schwechat ein Zeitfenster dafür zuweist.

"Fünfzig Sekunden", meldet der Lotse. So lange hält Holzinger den Hubschrauber "Christophorus 9" fast bewegungslos in der Luft. Dann drückt er den Steuerknüppel nach vorne, vier Minuten später kommen die Flugretter im niederösterreichischen Mannersdorf an. Verdacht auf Überdosis bei einem 29-Jährigen, Rettung und Polizei sind bereits vor Ort.

Auf dem Weg zum "Willi"

Sanitäter Wolfgang Heiden und Notarzt Michael Süssenbacher verlassen den gelben Helikopter nach der Landung als Erste und versorgen den Patienten. Als die Rotorblätter zum Stillstand kommen, steigt auch Holzinger aus. "Schon lang nicht mehr gesehen", begrüßt ihn der diensthabende Polizist. Sie kennen einander von früheren Einsätzen.

Der Patient hat einen Cocktail aus Alkohol und Tabletten im Blut. Beim Start wird er unruhig. "Hubschrauber?" murmelt er in die Kabine, die rasch den fauligen Geruch von Alkohol annimmt. Augenblicke danach verliert er das Bewusstsein. Notarzt Süssenbacher überwacht die Körperfunktionen an den klinischen Geräten. "Willi?" fragt er in das am Helm befestigte Mikrofon und meint das Wilhelminenspital in Wien-Ottakring. Pilot Holzinger bestätigt und landet den Hubschrauber wenig später auf dem Heliport des Krankenhauses.

Vier Millionen Euro teures Arbeitsgerät

Als die Crew der Flugrettung zum Stützpunkt am Rand des ehemaligen Flugfelds Wien-Aspern zurückkehrt, ist es früher Nachmittag. Holzinger setzt den vier Millionen Euro teuren Helikopter mittig auf der kleinen Plattform vor dem Hangar ab.

Es war bereits der vierte Einsatz an diesem grauen Herbsttag. Zuvor hatte der Hubschrauber wegen konstanten Nebels drei Tage am Boden bleiben müssen. In diesem Fall übernehmen Notarztwagen die Aufträge, die sonst geflogen werden. "An eine so lange Zeit ohne Flug kann ich mich nicht erinnern", sagt Holzinger, während er die Einsatzdaten am Rechner protokolliert. Im Aufenthaltsraum läuft das Radio, Hubschraubermodelle in verschiedenen Materialien und Größen stehen auf Regalen oder hängen an Nylonschnüren von der Decke.

Von der Morgen- zur Abenddämmerung

Für Holzinger, Süssenbacher und Heiden hat der Dienst wie immer mit Sonnenaufgang begonnen. Und wie immer soll er bei Sonnenuntergang enden. "Wenn du in der Früh aufstehst, weißt du nie, was dich erwartet", sagt Holzinger und stellt ein Fertiggericht in die Mikrowelle.

Der 41-Jährige ist Stützpunktleiter und einer von drei Piloten am Wiener Standort der ÖAMTC-Flugrettung. 1983 übernahm der Verkehrsclub einen Teil des Luftrettungsbetriebs vom Innenministerium und baute ihn kontinuierlich aus. Heute unterhält der Club über den Christophorus Flugrettungsverein eine Flotte von 24 Hubschraubern an 16 Standorten in ganz Österreich.

Kostendebatte

Rund 15.000 Einsätze fliegt die ÖAMTC-Staffel pro Jahr, in Wien waren es im Vorjahr mehr als 1.700. Die Sozialversicherung sei aber nur bereit, einen Bruchteil der tatsächlichen Ausgaben zu ersetzen, erklärt Holzinger. "Wenn wir eine Querschnittslähmung und die Folgekosten verhindern, ist das Geld wieder herinnen. Aber so sieht das fast keiner", sagt der ausgebildete Bundesheerpilot.

Die Kostendebatte führte 2008 zur Kündigung des Vertrags zwischen ÖAMTC und Bund. Mit Februar 2012 wird die Flugrettung an die Länder abgegeben. Weil von Aspern aus Notfallorte in Wien und Niederösterreich etwa halb und halb angeflogen werden, beteiligen sich beide Bundesländer – und werden unter neu verhandelten Konditionen weiterhin den ÖAMTC beauftragen. Die Entlohnung der Notärzte und der Sanitäter bestreitet das Land Wien über die MA 70, die Berufsrettung, schon heute.

Ungewöhnliche Freizeitbeschäftigung

Einer der 15 fliegenden Notärzte am Stützpunkt Aspern ist Michael Süssenbacher. Der in Wien niedergelassene Allgemeinmediziner verrichtet zwei Diensttage pro Monat bei der Flugrettung – bezahlt, aber in der Freizeit. "Den Job würden viele Ärzte gern machen", sagt Süssenbacher und streicht sich mit der Hand über den rötlichen Bart. Er sitzt neben Holzinger auf der blauen Eckbank im Aufenthaltsraum, als sein Handy läutet. Süssenbacher liest die SMS, lacht.

Es hätte auch ein Einsatzbefehl sein können. Die Notrufe gehen heute per Telefon, Funk und Internet ein – gleichzeitig bei allen Crewmitgliedern. Drei Minuten danach müssen sie in der Luft sein.

"Besser einmal zu oft fliegen"

Ob der Helikopter aufsteigt, entscheidet die zentrale Rettungsleitstelle. Meist sind es besonders zeitkritische Fälle, und manchmal, wie bei Wirbelsäulenverletzungen, wird der Helikopter als schonendere Transportvariante angefordert. Obwohl es für die Entscheidung einen festgelegten Kriterienkatalog gibt, folgt rund jedem zehnten Notruf ein Fehleinsatz. Auch heute war schon einer darunter. Stornos in dieser Zahl seien aber auch international üblich, sagt Holzinger: "Besser einmal zu oft fliegen, als einmal zu wenig."

Ist der Job in der Luft so riskant, wie seine Beschreibung klingt? Natürlich gibt es Risikofaktoren, etwa Stromleitungen oder Sturmböen, die die Landung erschweren – und weil sich Route oder Flughöhe von Christophorus 9 jederzeit ändern können, müssen andere Fluggeräte als mögliche Hindernisse ständig mitgedacht werden. "Aber an eine wirklich gefährliche Situation kann ich mich nicht erinnern", sagt Sanitäter Wolfgang Heiden. Er ist seit 1991, dem Beginn der Flugrettung in Wien, dabei.

Einfach ist seine Arbeit dennoch nicht immer: "Wenn Kinder abgeholt werden müssen, bleibt das oft unterbewusst im Kopf", meint Heiden. Wie seine neun Kollegen, mit denen er sich im Dienstrad abwechselt, fungiert er als Mittler zwischen Pilot und Notarzt, übernimmt Navigation, Funk und medizinische Aufgaben.

Speibsackerl zurückgewiesen

"Im Dienst ist man nie auf Null, eine gewisse Bereitschaft ist immer da", sagt Holzinger. Telefonläuten unterbricht ihn und übertönt auch das Radio. Am anderen Ende der Leitung spricht der Redakteur einer Tageszeitung. Auch ihn kennt der Stützpunktleiter mit Vornamen. Der Redakteur fragt nach Fotos von einem früheren Einsatz an diesem Tag. Verkehrsunfall auf der B10, vom Auto blieb nur ein weißer Metallklumpen übrig. Der Lenker überlebte, das Angebot eines Speibsackerls im fliegenden Helikopter lehnte er trocken ab: "Wenn's is, dann macht's die Tür'n auf und ich speib ausse."

Obwohl die Flugretter oft mit dem Tod konfrontiert werden, ist ihr Job ein dankbarer Lieferant für Anekdoten. Vor ein paar Jahren habe Bill Gates bei einem Wien-Besuch vergeblich eine Landeerlaubnis für den Heldenplatz beantragt. "Ein paar Tage später sind wir dort ohne irgendein Ansuchen gelandet. Das kannst du dir auch als reichster Mensch der Welt nicht kaufen", sagt der Rettungspilot grinsend und nicht ohne Stolz.

Mit 240 Stundenkilometern nach Bruck an der Leitha

Draußen schultert Holzinger einen Schlauch und mustert den vorm Hangar geparkten Hubschrauber. Heute ist sein siebter Arbeitstag in Folge, der letzte vor einer dienstfreien Woche. "Vor der Übergabe an den nächsten Piloten wird der Flieger gründlich geputzt." Wenn sie über den Helikopter sprechen, nennen ihn die Luftretter immer nur den Flieger.

In dessen Frontscheibe spiegelt sich die tief stehende Nachmittagssonne. Laut Kalender wird sie an diesem Tag kurz vor 17.00 Uhr untergehen, Dienstschluss für die Crew.

Wie um zu beweisen, dass sich Notfälle nicht an Dienstschlüsse halten, bricht eine halbe Stunde davor der Alarm los. Eine Frau habe eine stark blutende Wunde am Hals, funkt die Leitstelle. Holzinger, Süssenbacher und Heiden gehen in ihren roten Overalls rasch, aber ohne Hektik zum Hubschrauber. Sekunden später tragen die Rotorblätter sie mit 240 Stundenkilometern nach Bruck an der Leitha.

Kamerahandys dokumentieren die Landung

Weil die Gasse vor dem Haus der Patientin zu eng für eine Landung ist, setzt Holzinger den Hubschrauber in einem nahen Hof zwischen Miethäusern ab. Fahrräder und Müllcontainer fallen im Luftsog um wie Spielzeug, Kamerahandys werden aus den Fenstern der umliegenden Wohnungen gestreckt.

Während sich Heiden und Süssenbacher um die Patientin kümmern, verdichtet sich der Nebel minütlich. Holzinger verfolgt auf seinem Tablet-PC die Wetterverhältnisse und wird unruhig.

Als er den Hubschrauber schließlich startet und Richtung AKH steuert, mischt sich die Dämmerung in den Nebelschleier. Wenn er jetzt hoch genug aufsteigt, um die Starkstromleitungen sicher zu überfliegen, würde der Pilot den Sichtkontakt zum Boden verlieren. Dafür könnte er rechtlich belangt werden.

Der Flieger bleibt hier

Holzinger weiß aber auch aus Erfahrung, dass er die Sicherheit der Insassen so nicht länger gewährleisten kann. Er landet auf einem Acker zwischen Bruck an der Leitha und Wien. Ein Rettungswagen bringt die Patientin ins Spital, ein anderer die Crew zum Stützpunkt. Christophorus 9 aber verbringt seine Nacht hier.

Am nächsten Tag, dem ersten freien seit einer Woche, wird Holzinger um sechs Uhr früh auf dem Feld stehen und den Helikopter an seinen Kollegen übergeben. "Einmal im Jahr passiert so etwas", sagt er mit leichtem Ärger in der Stimme. Gleichzeitig schwingt darin etwas mit, als hätte er einen Freund zurücklassen müssen. Der Flieger, die Frontscheibe provisorisch mit Leintüchern abgedeckt, verschwindet langsam aus den Rücklichtern des Rettungswagens. (Michael Matzenberger, derStandard.at, 6.12.2011)

Hintergrund

Der Christophorus Flugrettungsverein ist eine 100-prozentige Tochter des Verkehrsclubs ÖAMTC. Neben einigen kleineren Privatunternehmen deckt er die in Österreich gesetzlich vorgeschriebene Flugrettung ab. Die 24 Hubschrauber der Christophorus-Flotte sind ausnahmslos vom Typ EC 135 des Herstellers Eurocopter, einer Tochter des Eurofighter-Produzenten EADS.

Ansichtssache: Im Einsatz mit den Flugrettern

  • Christophorus 9, der in Wien stationierte Hubschrauber der ÖAMTC-Flugrettungsstaffel, am Dach des Lorenz-Böhler-Unfallkrankenhauses.
Mehr Bilder finden Sie in der Ansichtssache.
    foto: michael matzenberger/derstandard.at

    Christophorus 9, der in Wien stationierte Hubschrauber der ÖAMTC-Flugrettungsstaffel, am Dach des Lorenz-Böhler-Unfallkrankenhauses.

    Mehr Bilder finden Sie in der Ansichtssache.

  • Notarzt Michael Süssenbacher, Pilot Robert Holzinger und Sanitäter Wolfgang Heiden (von links). Die Crew bespricht einen Einsatz.
    foto: michael matzenberger/derstandard.at

    Notarzt Michael Süssenbacher, Pilot Robert Holzinger und Sanitäter Wolfgang Heiden (von links). Die Crew bespricht einen Einsatz.

  • Die Kabine des Helikopters mit der Kennung OE-XEC ist wie ein Notarztwagen mit den notwendigen klinischen Geräten ausgestattet.
    foto: michael matzenberger/derstandard.at

    Die Kabine des Helikopters mit der Kennung OE-XEC ist wie ein Notarztwagen mit den notwendigen klinischen Geräten ausgestattet.

  • Als Flugrettungssanitäter ist Wolfgang Heiden nicht nur für medizinische Aufgaben zuständig, sondern unterstützt auch den Piloten.
    foto: michael matzenberger/derstandard.at

    Als Flugrettungssanitäter ist Wolfgang Heiden nicht nur für medizinische Aufgaben zuständig, sondern unterstützt auch den Piloten.

  • Robert Holzinger landet den Hubschrauber zentriert auf der dafür vorgesehenen Plattform vor dem Hangar.
    foto: michael matzenberger/derstandard.at

    Robert Holzinger landet den Hubschrauber zentriert auf der dafür vorgesehenen Plattform vor dem Hangar.

  • Der Aufenthaltsraum am Stützpunkt der Flugretter in Wien-Aspern.
    foto: michael matzenberger/derstandard.at

    Der Aufenthaltsraum am Stützpunkt der Flugretter in Wien-Aspern.

  • Die Crew wird zu einem schweren Verkehrsunfall im Burgenland gerufen. Robert Holzinger landet den Hubschrauber auf der von der Polizei abgesperrten B10.
    foto: michael matzenberger/derstandard.at

    Die Crew wird zu einem schweren Verkehrsunfall im Burgenland gerufen. Robert Holzinger landet den Hubschrauber auf der von der Polizei abgesperrten B10.

  • Am Ende des Tages steht der Flieger auf einem Acker in Niederösterreich – der Weiterflug hätte den Sicherheitsauflagen widersprochen.
    foto: michael matzenberger/derstandard.at

    Am Ende des Tages steht der Flieger auf einem Acker in Niederösterreich – der Weiterflug hätte den Sicherheitsauflagen widersprochen.

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