"Kunst, Kultur? Dafür hom mia koa Göd..."

Leserkommentar30. November 2011, 09:38
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Offener Brief an die Kulturbeauftragten österreichischer Kommunen, im Speziellen an die Räte der Gemeinde Ludersdorf/Wilfersdorf

Geschätzte Gemeinderäte und Kulturbeauftragte, geschätzte Künstlerkollegen!

Kunst und Kultur werden von öffentlicher Hand gefördert, Kunst und Kultur sollen von einer öffentlichen Seite unterstützt und gefördert werden. Die Damen und Herren Räte der schönen Gemeinde Ludersdorf aber sind anderer Meinung. Und gemäß dieser handeln sie.

Kommunalpolitik ist Günstlings- und Vetternwirtschaft

Derlei Um- oder eben Zustände sind, lassen Sie es mich so sagen, bitter und beschränken sich letztlich nicht auf die Gemeinde Ludersdorf/Wilfersdorf. Gehe ich recht in der Annahme, wenn ich behaupte: Kommunalpolitik ist Günstlings- und Vetternwirtschaft, ist Klientelpolitik in Reinkultur? Und wer will mir eine Antwort darauf geben? Wie heißt es so schön im Lexikon: "Die Grenzen zu Phänomenen wie Korruption, Lobbyismus und Nepotismus sind fließend." Von einer Stammtischpolitik wiederum kann man profitieren oder eben gar und zur Gänze nicht.

Brauchtum, Kunst, Kultur

Anfang Oktober 2011 reichen die Künstler, Kunstarbeiter, Brauchtums-Instrumentenerzeuger und Musiker Anna M. Fürpaß und Andreas P. Tauser bei ihrer Heimatgemeinde Ludersdorf einen Antrag auf Kunst-, Kultur und Brauchtumsförderung ein. (Wohl gemerkt: Kunst hat ebenso viel oder eben nur eben so wenig mit Kultur zu tun, wie Brauchtum mit Kunst.)

Ein Auszug aus dem Schreiben: "Seit 1998 und somit seit nunmehr dreizehn Jahren bin ich (Anm.: Andreas P. Tauser) als Bürger Ihrer Gemeinde gemeldet. Seit ebenso langer Zeit bin ich als Künstler aber auch als Kulturschaffender, Brauchtumspfleger aktiv und mit dieser Arbeit (weit) über die Gemeindegrenzen hinaus erfolgreich. (...) Literatur. Mundart. Brauchtumspflege. Teufelsgeigenerzeugung. (...) Es ist nun des Weiteren so, dass mir sowohl bei den insgesamt mehr als 30 in und um Schloss Freiberg organisierten Veranstaltungen, als auch bei meinen Lesetouren und Bühnenprogrammen und bei anderen Kultur- oder Brauchtumsprojekten (trotz mehrmaligem Anfragen) nicht mehr an monetärer Zuwendung gewährt wurde, als die Kosten für einmalig 50 Stück A3-Kopien im Jahre 2005. (...) Zu meinem Anliegen: Zur Realisierung bzw. bei der Vorbereitung und Bewerbung meiner Projekte benötige ich die finanzielle Unterstützung offizieller, öffentlicher Instanzen. (...) Sieht man es sachlich und wirklichkeitsgetreu, hat man zu erkennen, dass die meine Person eine der wenigen Berufskünstler und professionellen Brauchtumspfleger in Ihrer/unserer Gemeinde ist. Und ebenso das Verhältnis dreizehn Jahre Tätigkeit zu 1500 Euro Unterstützung ist ein absolut faires und wohl hochgradig bescheidenes. (...)"

"Wir ham ka Geld."

Die Antwort des Bürgermeisters, den ich telefonisch erreichte: "Jo, du, Herr Tauser, des schaut nicht gut aus. Wir ham kein Geld. Selbst dann nicht, wenn wir wollen täten."

Bedauernswert: Immer noch werden Antragstellende und nicht unterstützte Kunstschaffende, Kunsthandwerker und Brauchtumspfleger von Freizeit- und Möchtegernpolitikern für dumm gehalten, indem man sie mit der Pauschalrechtfertigung "Budgetknappheit" abfertigen will. Alleine dies ein Beleg für eine bedauerliche Absenz von Kreativität und Einfallsreichtum.

Geldmangel also die Kollektivursache, obgleich Gemeindearbeiter landesweit immer noch nicht als die Sprinter unter den Werktätigen gelten. Auch wenn das am Schaufelstiel lehnend einschlafende Exemplar des Gemeindestraßen-Ausbesserers nicht von jedem erspäht werden kann, so meine ich doch, dass etwa private Kleinunternehmen an einer in öffentlichen Bereichen üblichen Personalpolitik zugrunde gehen würden.

Kulturauftrag an die Kommunen übertragen

Unser Landesförderungsgesetz überträgt den Kommunen einen klaren Kulturauftrag. Wo bleibt die Umsetzung desselben?

Das Unternehmen www.kunstarbeit.at und die beiden Schaffenden hinter diesem Projekt, Anna M. Fürpaß und Andreas P. Tauser, die ihren Haupt- bzw. Nebenwohnsitz in der Gemeinde Ludersdorf haben, werden - wie viele andere außerhalb der Zuständigkeitsbereiche von Städten lebende Künstler - monetär nicht unterstützt von öffentlichen, zumindest nicht von kommunal-öffentlichen Instanzen.

Kompetenz gefragt

Geld ist in diesem Zusammenhang nun die eine Sache, Fachkompetenz die andere. Denn während die an Ludersdorf angrenzende Stadtgemeinde Gleisdorf (wie etwa auch die Stadtgemeinde Weiz) über kompetente Riegen an Kultur- und Event-Verantwortlichen verfügen, während dort also seit Jahrzehnten sämtliche entsprechende Positionen besetzt werden mit Personen, die auf der Basis von Engagement und Sachverstand agieren, werden in unserer Heimatgemeinde Ludersdorf, wie eben in kläglich vielen anderen ländlichen Regionen, die Sektoren Kunst, Kultur und Brauchtum lediglich nebenbei und also quasi zwischen Abwassersparkundgebungen und Straßenbegrenzungs-Linienerneuerungsausschüssen mit behandelt.

Welche Vereine sind zu fördern?

In diesen Regionen regiert noch eine erdig echte Unduldsamkeit, in diesen Regionen ist man stolz, Kunst nicht nur als Nebensache, sondern als Überflüssigkeit zu empfinden, Kultur gemeinsam mit Sportvereinen in einem Ausschuss zu behandeln. Und, meine Damen und Herren Räte meiner Heimatregion, die Zuschüsse, die jährlich an den örtlichen Singkreis, den Golf- und den Tennisclub, die fünf Eisschützen-, die zwei Spar-, die zwei Reit- und all die Jagd-, Fußball und Orts-Verschönerungsvereine ergehen, können beim besten Willen nicht als Engagement für Kunst und noch nicht einmal für Kultur gelten gelassen werden. Wie steht es doch auf der verdeckten Rückseite Eurer Ortwappenschilder geschrieben: "Fia sou an Schoaß hom mia koa Göd. Aus. Basta."

Der österreichische Staat verdient jährlich Milliarden an einem Kunst- und Kulturbetrieb, Kunst und Künstler werden nur allzu oft als Allgemeingut gesehen, und auf kommunaler Ebene aber wird der Kunstschaffende an einer der letzten Stellen gereiht. (Leser-Kommentar, Andreas P. Tauser, derStandard.at, 30.11.2011)

Autor

Andreas P. Tauser, Jahrgang 1974, ist Autor, Musiker, Brauchtumsinstrumentenerzeuger. Veröffentlichungen in diversen Literaturzeitschriften. Zwei Bücher. Drei Literaturpreise (u. a. den Christian Schölnast Volks- und Heimatkundepreis). Initiator des "KleinKunstKellers", des Gleisdorfer Poetry Slams u.v.m;

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