Eine ungewöhnliche Professur

  • An der Uni Wien wird eine Stiftungsprofessur von der LBG finanziert, für deren Besetzung es einen erklärten Favoriten gibt.
    foto: apa/georg hochmuth

    An der Uni Wien wird eine Stiftungsprofessur von der LBG finanziert, für deren Besetzung es einen erklärten Favoriten gibt.

Die Ludwig Boltzmann Gesellschaft zahlt der Uni Wien eine Professur für Biografieforschung, für deren Besetzung es einen erklärten Favoriten gibt

Es ist so etwas wie ein Präzedenzfall, der etwas über die Lage der heimischen Universitäten und der Geisteswissenschaften aussagt - und womöglich Schule machen könnte. Die Rede ist von einer neuen Stiftungsprofessur für Biografieforschung an der philologisch-kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien. Das Besondere dabei: Sie wird von der Ludwig Boltzmann Gesellschaft (LBG) finanziert. Und als Favorit gilt der Direktor des Ludwig Boltzmann Instituts (LBI) für Theorie und Geschichte der Biografie.

Professur nach Paragraf 99

Seitens der Universität Wien heißt es, dass zeitlich begrenzte und thematisch gewidmete Professuren nichts Außergewöhnliches seien. Im Gegensatz zu den "richtigen" Professuren nach Paragraf 98 handle es sich hierbei um eine nach Paragraf 99. Diese würden immer dann eingerichtet, wenn man sich noch nicht ganz sicher ist, ob es einen solchen Lehrstuhl braucht. Das Berufungsverfahren sei kürzer und laufe gerade. Die eher nicht allzu publik gemachte Ausschreibung für die neue Stiftungsprofessur endete mit dem 7. Oktober 2011, eine Entscheidung sei noch nicht getroffen.

Dass diese Professur extern finanziert ist, sei in dem Fall auch nicht weiter bemerkenswert, wiegelt man an der Uni Wien ab: Schließlich handelt es sich beim Geldgeber um die LBG, einen anerkannten Forschungsträger und nicht etwa um eine Firma mit wirtschaftlichen Interessen. Außerdem gäbe es bereits eine Zusammenarbeit mit dem genannten LBI.

Neben Forschung auch Lehre?

Einigermaßen bemerkenswert scheint aber doch, dass die LBG, die eigentlich außeruniversitäre Forschung finanzieren soll, sich nun auch in universitärer Lehre engagiert. Claudia Lingner, LBG-Geschäftsführerin, gibt zu, dass es sich bei der Professur um eine erste Initiative dieser Art handelt. Biografieforschung habe es an der Universität in dieser Form noch nicht gegeben; die Stiftungsprofessur sei mithin der Versuch, diesen innovativen Forschungsbereich universitär zu verankern.

Etwas widersprüchlich sind die Aussagen zum Weiterbestand des LBI für Theorie und Geschichte der Biografie, das im April 2005 gegründet wurde. Auf der einen Seite findet sich auf der Homepage ein Artikel, der davon ausgeht, dass das LBI eine befristete Laufzeit von sieben Jahren hat und also 2012 geschlossen wird. Auf der anderen Seite sei das Institut gerade sehr gut evaluiert worden, so Lingner, und werde wohl noch sieben Jahre weitergeführt.

Ein Verdacht und zwei Dementi

Wird da also womöglich eine Professur für den Institutsdirektor eingerichtet, dessen Institut in jedem Fall 2019 geschlossen wird? Sowohl an der Uni wie auch seitens der LBG wird dementiert: Die Universität Wien beharrt darauf, dass selbstverständlich der oder die Bestqualifizierte zum Zug kommen werde. Am Institut für Germanistik, an dem die Professur angesiedelt ist, möchte man eher nicht dazu Stellung nahmen. Und die LBG-Geschäftsführerin versichert, dass die Professur auch dann finanziert würde, sollte sie nicht an den LB-Institutsdirektor gehen.

Über den sind im Moment im Netz - zumal für einen Biografieforscher - erstaunlich wenig biografische Daten offiziell zugänglich. Seit einigen Tagen führen nämlich sowohl die Links zu seinem deutschen wie auch englischen Lebenslauf auf der Institutshomepage ins Nirgendwo. Der Lebenslauf, der nach einigem Googeln dann doch zu finden ist, gibt eigenartigerweise auch nur indirekt darüber Aufschluss, wie alt der Institutsdirektor ist: Der 1979 erfolgreich bestandene erste Studienabschnitt in Philosophie lässt auf ein Alter von 57 schließen. In Sachen Lehre gibt es regelmäßige Einträge seit 1985, im Schnitt pro Semester eine Lehrveranstaltung. Eine Venia legendi, also eine Habilitation, liegt allerdings nicht vor.

Der Biografieforscher hat unter anderem elf Bände mitherausgegeben, unter den eigenen Büchern finden sich fünf Einträge: Die publizierte Dissertation, eine 96-seitige Biografie von Mechtilde Lichtnowsky, ein Begleitbuch zur Ausstellung "Rilke in Wien". Ein ebenfalls angeführter Reclam-Band zur Interpretation von Rilkes Gedichten (2011) ist noch nicht erschienen, ebenfalls nur in Vorbereitung sind zwei Bände zur Theorie der Biografie.

Vorbild für weitere Professuren?

Wie geschrieben: Die Entscheidung, wer die beste Bewerbung abgegeben hat und Stiftungsprofessor wird, liegt bei den Gremien der Universität Wien. Was die Sache über den Einzelfall hinaus jedenfalls interessant macht: Er gibt jetzt schon Zeugnis davon, dass die Universitäten angesichts der Sparmaßnahmen solchen Stiftungsprofessuren durchaus offen gegenüberzustehen scheint. Was freilich auch noch nichts Schlimmes heißen muss.

Die LBG jedenfalls war von den Sparmaßnahmen und universitären Eingliederungen des außeruniversitären Forschungsbereichs bisher nicht betroffen: Statt der von der LBG auf seiner Homepage angegebenen Unterstützung von 3,6 Millionen vom Wissenschaftsministerium kommen von diesem laut aktuellem Budgetvoranschlag im Jahr 2011 5,3 und 2012 4,4 Millionen. Und wenn sich die LBG die Finanzierung von Professuren leistet, dann könnten das in Zukunft auch andere Einrichtungen tun - etwa die Österreichische Akademie der Wissenschaften, um den Fall etwas zynisch weiterzuspinnen.

Auch bei der ÖAW sind etliche Institute von Schließungen bedroht, zumal im Bereich der Geisteswissenschaften. Vom Wissenschaftsministerium gibt es etliche Millionen, um für jene bis zu 300 ÖAW-Forscher zu sorgen, die ihren Job verlieren. Vielleicht kann man ja die eine oder andere Million auch in Stiftungsprofessuren investieren.

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