Bärtige Aktivisten fordern getrennten Unterricht für Frauen und Männer
Tunis/Hamburg - In der tunesischen Hauptstadt Tunis haben
radikale Islam-Anhänger am Montag den Betrieb einer Universität
massiv gestört. Etwa 50 Demonstranten besetzten den Zugang zu
Manouba-Universität im Westen der Stadt, teilte das tunesische
Ministerium für Hochschulwesen mit. Die Männer in traditionellen
Gewändern hätten vor der Uni campiert und Studenten den Zugang zu den
Fakultäten für Englisch und Französisch verwehrt, berichtete "Spiegel
Online" unter Berufung auf Agenturberichte.
Die Demonstranten kritisierten, dass Männer und Frauen an der
Universität gemeinsam Seminare besuchen, und forderten
geschlechtergetrennte Lehre und ein Ende des Kopftuchverbotes an
tunesischen Hochschulen. Ein Professor berichtete einem lokalen
Radiosender, er und seine Studenten seien in seinem Büro von
"bärtigen Männern" festgehalten worden. "Diese Gruppe von mehr als 40
Leuten hat uns verboten, mein Büro zu verlassen, bis wir ihre
Forderungen akzeptieren", sagte Habib Kazdaghli, Leiter der
literatur- und geisteswissenschaftlichen Fakultät dem Sender
"Shems-FM".
Die Uni schreibt auf ihre Internetseite, bei den Besetzern habe es
sich um Salafisten gehandelt. Der Direktor habe mit den Besetzern
gesprochen und ihnen gesagt, sie müssten die Regeln der Uni
akzeptieren. Die Salafisten repräsentieren eine konservative Strömung
im sunnitischen Islam.
Nicht zum ersten Mal gab es Aktion gegen das säkulare
Hochschulwesen in dem nordafrikanischen Land: Im Oktober stürmten
Anhänger der salafistischen Glaubensrichtung eine Universität in
Sousse. Die Hochschule soll einer vollverschleierten Frau die
Einschreibung verweigert haben, lautete damals der Vorwurf der
religiös motivierten Demonstranten.
Tunesien war im Jänner 2011 das erste Land unter den Staaten des
sogenannten arabischen Frühlings, das sich seines Diktators
entledigte, Ägypten und Libyen folgten. Bei den Wahlen zur
verfassungsgebenden Versammlung im Oktober holte die islamistische
Ennahda-Partei mit 41 Prozent die meisten Stimmen. Die Wahl galt als
Ohrfeige für die meist westliche geprägte Elite des Landes. Die
Kinder dieser Elite besuchen in Tunis und anderen Städten oft
liberale Hochschulen. Sie hatten auf den zentralen Plätzen des Landes
mit ihren Protesten großen Anteil am Sturz der Ben-Ali-Diktatur und
fürchten seitdem wegen der erstarkenden, religiösen Gruppen um ihre
erkämpften Freiheiten. (APA)