Völkerrecht

Staatswerdung unter dem Schutzmantel der Uno

Analyse | Adelheid Wölfl, 29. November 2011, 19:16

Völkerrechtliche Unterschiede zwischen Kosovo und Palästinensergebieten

Wien - Es war ein langer Kampf um Territorium, ein geopolitisches Spiel von Großmächten, eine Frage von militärischer Überlegenheit und regionaler Sicherheit. Es gibt Parallelen zwischen dem Weg des Kosovo zu seiner Unabhängigkeit und Staatlichkeit, und dem Weg zu einem möglichen palästinensischen Staat. Doch kann man die beiden Entwicklungen völkerrechtlich überhaupt vergleichen?

Jene Staaten, die die Unabhängigkeit des Kosovo unterstützen, verweisen ja stets auf die Sondersituation (Nato-Angriffe, humanitäre Intervention), um jeglichen Vergleich zu unterbinden. Dennoch. Durch die Politik der Kosovo-Albaner wurden Fakten geschaffen, von denen heute niemand mehr absehen kann. Der Wiener Völkerrechtler August Reinisch spricht von einer "gewissen Vorbildwirkung" des Kosovo. Völkerrechtlich gesehen gibt es aber große Unterschiede in den beiden Fällen.

Ein Staat ist dann ein Staat, wenn er über drei wesentliche Elemente der Staatlichkeit verfügt: ein Staatsgebiet, ein Staatsvolk und eine effektive Staatsgewalt. "Kosovo ist demnach definitiv ein Staat, er wird zwar belächelt, aber ist Mitglied im Club", sagt der Linzer Völkerrechtler Franz Leidenmühler. Im Fall Palästina gebe es hingegen keine effektive Staatsgewalt. Auch Reinisch meint, es fehle wahrscheinlich in diesem Fall an ausreichender Staatlichkeit.

Denn völkerrechtlich relevant ist, dass die Staatsgewalt nach außen unabhängig ist, eine Aussicht auf Dauer hat und nach innen effektive Kontrolle ausgeübt wird. Diese Elemente können aber durch einen Prozess "entstehen", bei dem auch die Anerkennung durch andere helfen kann. Reinisch vergleicht deshalb die Palästinenser-Gebiete mit Bosnien-Herzegowina (BiH) im Jahr 1991. Auch in BiH wurden Teile des Landes von Kräften kontrolliert, die nicht hinter der Unabhängigkeit standen (von den bosnischen Serben). Die Anerkennung von BiH durch andere Staaten war dann eine Starthilfe.

Reinisch verweist aber darauf, dass die Anerkennung prinzipiell nur "deklaratorische Bedeutung" hat. So wurde Palästina von 128 Staaten, der Kosovo erst von 85 der 193 UN-Mitgliedstaaten anerkannt.

Anders als im Fall Kosovo würde es sich bei einem palästinensischen Staat zudem nicht um eine Sezession handeln. Weil jeder Staat das Recht hat, eine Sezession zu verhindern, hätte aus völkerrechtlicher Sicht nichts dagegen gesprochen, wenn Serbien versucht hätte, diese niederzuschlagen, erklärt Leidenmühler. Allerdings hatte Serbien zu diesem Zeitpunkt schon längst keine Kontrolle mehr über das kosovarische Territorium, weil es sich nach der Nato-Intervention 1999 zurückziehen musste. In den Jahren danach konnte der Kosovo dann unter dem Schutzmantel der UN-Verwaltung eine effektive und unabhängige Staatsgewalt bilden.

Voraussetzung dafür war die UN-Resolution 1244. Wenn Palästina eine solche UN-Resolution hätte, dann könnte unter dem Schutzmantel der UN auch in den Palästinensergebieten "Staatlichkeit wachsen", meint Leidenmühler. Allerdings kann sich Leidenmühler nicht vorstellen, dass die USA einer internationalen Verwaltung der Palästinenser-Gebiete zustimmen würde.

Die Kosovaren wollen mittlerweile die Resolution 1244 lieber loswerden. Denn Serbien pocht auf 1244, um eine weitere Anerkennung des Staates Kosovo durch andere Staaten zu unterbinden. Völkerrechtlich, so Leidenmühler, sei 1244 aber schon längst obsolet, weil die internationale Verwaltung ja praktisch keine Rolle mehr spielt. "Wir bräuchten eine neue Resolution", sagt er. Dass der kosovarische Staat keine effektive Kontrolle im serbisch besiedelten Norden hat, hat laut Leidenmühler keine negativen Auswirkungen auf dessen Staatlichkeit. Ein Staat müsse nur effektive Staatsgewalt im Kernterritorium ausüben, erklärt er. (DER STANDARD-Printausgabe, 30.11.2011)

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Posting 1 bis 25 von 44
1 2
Paja Patak
11
1.12.2011, 12:23
und noch ein interessanter Artikel

http://ef-magazin.de/2008/10/3... n-verloren

derrabe
01
1.12.2011, 09:56

So läuft das also.....

na dann kann ja die rs auf bosnien schei*en und sich einfach abspalten.

voodoo
00
1.12.2011, 18:24

Ob das was bringen würde.....

Paja Patak
26
30.11.2011, 14:07
Interessanter Bericht zum Thema

http://hpd.de/node/12396

Kurt Kunislav Kupfer
21
30.11.2011, 13:02
Ein Staat müsse nur effektive Staatsgewalt im Kernterritorium ausüben, erklärt er.

Serbien hatte in seinem Kernterritorium zu jeder Zeit die Staatsgewalt - nur in dem 15%-Anhängsel namens Kosovo seit 1999 nicht.

Die selbsternannte "Republik Kosovo" (bzw. die sie unterstützenden internationalen Organisationen) hat eine Art Staatsgewalt in ihrem "Kernterritorium" - nur in dem 15%-Anhängsel oben nicht.

stan73
11
2.12.2011, 09:05
Genau so wurde Kosovo und sein Volk auch von Serbien immer behandelt; als Anhängsel

Die Operation ist geglückt, das "Anhängsel" wurde aus dem serbischen Körper vollständig entfernt.

kerihuelo
14
30.11.2011, 08:04

der unterschied zw. palästina und kosovo ist also die nato - interessant!

Bertel Mann
16
30.11.2011, 05:50
Mich interessiert ja, ob diese "Experten" sich noch im Spiegel ansehen können

Aber die passend gemachte Expertise wird ihr Schaden nicht sein.

Andererseits gehe ich davon aus, dass der Standard zukünftige Berichte aus den Staaten Südossetien und Abchasien nicht mehr unter "Georgien" einordnet und diese Staaten auch nicht mehr als "abtrünnige Provinzen" bezeichnet. Schließlich erfüllen sie alle Anforderungen an einen Staat. Und die geringe Anzahl an internationalen Anerkennungen stört ja nicht, da diese bloß "deklaratorische Bedeutung" haben...

Yossarian
27
30.11.2011, 05:25
UN-resolution 1244 legt fest,

dass der Kosovo eine Provinz Serbiens ist und Verhandlungen über eine Selbstverwaltung zu führen sind. Die Anhänger der einseitigen Unabhängigkeit des Kosovo handeln also gegen die UN-Resolution.

Bezüglich der Palästinenser gibt es hingegen genügend Beschlüsse der UN-Vollversammlung, die eine 2-Staaten Lösung befürworten.

stan73
22
30.11.2011, 07:59
1244 ist, wie der Bericht zeigt, nicht mehr sinnvoll in Kosovo.

Da nun eine viel höherwertige Regelung Bestand hat.

Yossarian
00
30.11.2011, 22:30

Eine UNO-Resolution ist solange gültig bis die UNO etwas anderes beschliesst.

UNMIK und KFOR werden übrigens durch genau diese Regelung überhaupt ins Leben gerufen.

Pierre d´Aubusson
00
30.11.2011, 22:25

Wie man auch in Libyen gesehen hat (Flugverbotsüberwachung durch Bombenabwurf, obwohl sonst kein Flieger am Himmel...) sind Resolutionen nurmehr das Feigenblatt.
Und irgendwie fällt sowas auch auf die UNO zurück.
Da wird sich doch nicht schon ein neues Völkerbundschicksal abzeichnen?

Wenn die UNO ernstgenommen werden will, dann soll sie rechtzeitig für die Einhaltung der Resolutionen sorgen. Vielleicht sogar durch Truppenentsendung...

Stani83
10
30.11.2011, 10:18
OK. ABer warum beruft sich dann die KFOR bei ihren Einsätzen gegen die Barikaden und Grenzposten genau auf diese Res?

stan73
12
30.11.2011, 12:52
Ich glaube definitiv nicht, dass das Recht auf Bewegungsfreiheit für ALLE explizit NUR in 1244 steht

Das bezieht ja auch sich auf den Passus in der Resolution, nämlich die:

"territoriale Integrität von Jugoslawien" einem längst vergessenen Vielvölkerstaat :-)

Das man keine Soldaten mit Steinen oder anderen Waffen angreifen sollte, braucht übrigens nirgends zu stehen, um zu wissen, dass das eine

"äußerst dumme Idee" ist ....

Yossarian
12
30.11.2011, 22:32

Nicht die VR Jugoslawien steht in der UNO-Resolution sondern die BR Jugoslawien (bestehend aus Serbien und Montenegro), deren Rechtsnachfolger Serbien ist.

stan73
21
2.12.2011, 09:13
Es gibt überhaupt kein Jugoslawien mehr, falls Ihnen das nicht mitgeteilt wurde.

Weder VR noch BR, noch sonst wie.

Die UN ist in meinen (und in vielen anderen auch) Augen, eine Organisation, in der das Veto-Recht dringend abgeschafft werden muss.

Glauben Sie wirklich, dass die Welt sich noch länger von China und Russland an der Nase herumspielen lässt? Wenn diese zwei Zentren der Menschenverachtung und Freiheitsverweigerung sich niemals dazu entschließen, einem Verbrecher das Handwerk zu legen, sondern im Gegenteil diesen Verbrecher auch noch kontinuierlich (wenn seine Verbrechen längst klar sind) weiter mit Waffen und sonst. Mitteln unterstützen, brauchen Sie alle sich nicht zu wundern, dass Resolutionen nur noch auf dem Papier stehen.

Warum gab es den Arthisaari-Plan? Weil RU und CN in der UN alles geblockt haben!

Bari
 
21
30.11.2011, 07:44
Serbien ist nicht so weit..

Dass es ein zwei Staaten Lösung finden kann, wie soll es das auch sein, wen noch heute die Milosevic Partei in der Regieurung sitzt und nicht viel seit Milosevic geändert hat. Die Albaner haben stehts Kompromisse gemacht und sind auch viele iengegangen, nur Serbien kämpft lieber gegen seine ehemaligen Bürger anstatt mit Ihnen zu reden, wie auch heute wo es laut dem nato Generall militante Gruppen in Nordkosovo finanziell und organisatorisch unterstützt.

Yossarian
11
30.11.2011, 22:37
Ja, es gab und gibt viele kompromissbereite Albaner

Leider lassen die radikalen Albaner, z.b. die UCK-Terroristen, wenig Spielraum.

Der Kosovo-Albaner Sinan Hasani zum Beispiel hat sich immer für ein friedliches Zusammenleben aller Volksgruppen eingesetzt. 1987 war er sogar Staatspberhaupt von Jugoslawien.

Leider konnte er im Kosovo nicht mehr sicher leben, musste in den Norden Serbiens flüchten, wo er letztes Jahr verstorben ist.

Für mich sind solche Menschen die wahre Helden, nicht die Terroristen und Organhändler.

CortoMaltese
03
29.11.2011, 23:48
offensichtlich kann mann es beigen und verdrehen...

wie man will, je nach dem auftraggeber und machthaber.
und wie wäre das ganze jetzt an Südossetien anwendbar? lassen sie uns raten...

binGeladen
12
29.11.2011, 23:38

niemals wird kosovo unabhängig! der professor muss es wissen. ohne zustimmung serbiens geht das nicht.

Kreshnik Krasniqi
11
30.11.2011, 15:12

85 Staaten behaupten aber was anderes,das müsstest du aber Wissen.

Bari
 
22
30.11.2011, 07:46
Niemals?

Das können sie sich weiterhin einreden, ein Besuch in Kosovo wird sie jedoch das gegenteil beweisen, sie können auch gerne das deutsche oder österreichische Parlament fragen falls sie keine Lust haben Kosovo einmal live zu erleben. Den anscheinend haben Sie nicht viel Ahnung über mein Land.

K 3
00
30.11.2011, 04:06

Doch natürkich geht das, denn der Vatikan ist mittlerweile UNO-Mitglied, also darf die UNO statt dem Papst Staaten erklären.

stan73
11
30.11.2011, 08:02
Und außerdem steht oben im Text auch, was zu einem Staat gehört, um es als Staat zu deklarieren.

Staatgebiet
Staatsvolk
Kontrolle über das Gebiet

Da steht nichts davon, dass Serbien seinen Segen dazu geben muss.

Yossarian
00
5.12.2011, 08:13

Dann kann sich ja der Nordkosovo oder die Republika Srpska recht einfach zum Staat erklären.

So einfach, wie sich das der Herr Leidenmühler vorstellt, ist es zum Glück nicht. Nord-Zypern, Transnistrien, Abchasien, Süd-Ossetien etc. wären dann ja auch alles schon Staaten.

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