"Der Fahrer schaut nur die halbe Zeit auf die Straße"

29. November 2011, 19:18
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Das Auto ist ein Mikrokosmos, in dem Technologien den Fahrer unterstützen, jedoch auch ablenken können. - Das rollende Entertainmentcenter ist schon Realität, meint Manfred Tscheligi

STANDARD: Durch interaktive Technologien bekommen Autos eine Ahnung von der Welt, in der sie sich bewegen. Ist das dieselbe Welt, wie sie der Fahrer sieht?

Tscheligi: Der Fahrer sieht die Welt aus einem eingeschränkten Blickwinkel. Wir haben uns deshalb das Ziel gesetzt, den Fahrer nicht isoliert zu untersuchen. Das Auto ist eigentlich ein Mikrokosmos, mit dem nicht nur gefahren wird, sondern es passieren dort auch eine Menge anderer Dinge. Beispiel: Der Beifahrer schreckt sich, weil der Fahrer spät bremst. Da geht es um einen Vertrauensverlust, der darauf basiert, dass der Beifahrer zu wenig Informationen hat. Nun könnte dieser den Fahrer grundsätzlich unterstützen, aber womöglich stört er eher. Zusätzlich hat der Fahrer immer mehr Aufgaben gleichzeitig zu bewältigen - die Interpretation von Assistenzsystemen gehört etwa dazu. Das Auto hat zwar oft die besseren Informationen, aber diese müssen erst einmal verarbeitet werden.

STANDARD: Die wichtigste Aufgabe des Fahrers ist noch immer, sicher ans Ziel zu kommen. Inwieweit hindert ihn die Technik daran?

Tscheligi: Wir haben dazu Studien gemacht. Es gibt darunter Daten, die belegen, dass der Fahrer nur mehr die Hälfte der Zeit auf die Straße schaut. Die Belastung für den Fahrer wird laufend größer, weil während der Fahrt immer mehr erledigt wird. In Zukunft kommt sogar noch einiges dazu - also sicher bald auch E-Mail-Schreiben während der Fahrt. Insofern hindert einen die Technologie auch beim Fahren.

STANDARD: Wie kann Technologie den Menschen dann dabei unterstützen, seine Reaktionsfähigkeit einzusetzen und Entscheidungen zu treffen?

Tscheligi: Ziel muss es sein, die Belastung des Fahrers zu reduzieren. Der Mensch kann in normalen Situationen einiges parallel bewältigen - zusätzliche visuelle Informationen oder ein vibrierendes Lenkrad reduzieren seine Belastung. Dadurch werden also sogar Kapazitäten für die Konzentrationsfähigkeit frei. Aber in einer Stresssituation geht es dann vielmehr darum, auszusortieren, was der Fahrer in diesem Moment wirklich braucht. Dazu müssten etwa laufende Telefonate unterbrochen oder Dienste automatisch weggeschaltet werden - zum Beispiel die sonst sinnvollen Infos eines Navigationsgeräts.

STANDARD: Was hilft dem Fahrer denn eher: akustische oder visuelle Informationen?

Tscheligi: Das hängt letztlich nur von der Aufbereitung ab. Akustische Informationen werden aber insgesamt seltener eingesetzt - dadurch schenken wir ihnen auch mehr Aufmerksamkeit. Die ständige visuelle Information, dass ich bald tanken muss, kann demnach sogar kontraproduktiv sein: Wenn ich das immer wieder sehe, vergesse ich es erst recht.

STANDARD: Auf der internationalen Konferenz für Benutzerschnittstellen im Auto sollen unter anderem völlig neue Konzepte von User-Interfaces thematisiert werden. Worauf basieren diese?

Tscheligi: Die Gestik als Interaktionsform im Auto kommt nun immer stärker in den Fokus - Hintergrund sind Entwicklungen aus dem Spielesektor. Die Überlegung dabei ist, wie mit Bewegungen grundlegende Aktionen weitgehend ohne Ablenkung gesteuert werden können. Eine konkrete Umsetzung in Fahrzeugen wird aber noch eine Zeitlang dauern.

STANDARD: Ein Teil der Technik in Fahrzeugen dient bereits dazu, den Lenker selbst zu überwachen - sie checkt seine Vorhaben und seine Aufmerksamkeit. Was ist in diesem Bereich künftig machbar?

Tscheligi: Manche Entwicklungen sind dabei gar nicht so neu: die Augenbewegung des Menschen mit Kameras zu überprüfen etwa. Diese Eye-Tracking-Technologie ist aber zumindest während der Fahrt noch kaum nutzbar. Es wäre dennoch sehr sinnvoll, dem Fahrer dieses Feedback in einem Rückkanal zur Verfügung zu stellen. Die Beobachtung von Müdigkeit oder Ablenkung selbst ist nicht so schwer zu realisieren - die Frage ist in Zukunft eher, was mit dieser Information geschieht.

STANDARD: Sie haben das Auto einen Mikrokosmos genannt. Wird es nicht langsam auch zu einem rollenden Entertainment-Center?

Tscheligi: Das ist es schon. Allerdings nutzen es Familien auf vielfältige Weise: Etwa um dort wieder einmal miteinander zu sprechen, da man einander "auf Gedeih und Verderb" ausgeliefert ist. Die Funktion als Kommunikationszentrum nimmt also deutlich zu - weil die "tote Zeit" einer Autofahrt generell produktiver genützt wird, ohne dass dadurch automatisch die Sicherheit gefährdet wäre. Wenn aber überdies Kinder drei Stunden oder mehr ruhig auf der Rückbank sitzen müssen, sollte ich ihnen irgendwas zu tun geben. Da spielt wiederum die Unterhaltungselektronik eine große Rolle, was an und für sich auch noch kein Problem für den Fahrer ist. Allerdings kann ich nicht beliebige Gegenstände einfach so aus dem Wohnzimmer mitnehmen und der Meinung sein, dass ihre Benützung nicht stört im Auto. Ablenkungseffekte entstehen immer dann, wenn diese Systeme nicht angepasst sind.

STANDARD: Und einfach darauf zu verzichten wäre keine Lösung?

Tscheligi: Das Auto ist von jeher ein sozialer Raum. Es muss sich dort bloß alles in einer Balance befinden, die den Fahrer nicht vom primären Ziel abhält: anzukommen. (DER STANDARD, Printausgabe, 30.11.2011)


Manfred Tscheligi beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren mit der Mensch-Maschine-Interaktion und deren Benutzerfreundlichkeit. Im Rahmen des Christian-Doppler-Labors für Contextual Interfaces betreibt er an der Uni Salzburg Grundlagenforschung im Bereich Automotive User Interfaces (AUI). Zu diesem Thema findet von 30. November bis 2. Dezember die 3. internationale AUI-Konferenz in Salzburg statt.

Link
www.auto-ui.org

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    Verkehrs- und Informationsstau: Die Belastungen für Autofahrer werden immer höher. In Stresssituationen soll die richtige Technik parat sein.

  • Manfred Tscheligi: "Die Gestik als Interaktionsform im Auto kommt immer stärker in den Fokus - durch Entwicklungen aus dem Spielesektor."
    foto: urban

    Manfred Tscheligi: "Die Gestik als Interaktionsform im Auto kommt immer stärker in den Fokus - durch Entwicklungen aus dem Spielesektor."

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