Schuldenpolitik

Schulden.Bremse.Trottelei.

Kommentar der anderen | 29. November 2011, 19:05

Was die Schuldenbremse in der Verfassung für die Demokratie bedeutet. - Eine Zuspitzung - Von Alfred J. Noll

Zum Konstrukt der "Schuldenbremse" lässt sich gewiss viel sagen und schreiben. Und es mögen sich die Ökonomen darüber streiten, wessen Interessen befördert werden, wenn sich der Staat für seine Ausgabenpolitik ein derartiges Korsett schnürt. Verfassungsstrukturell ist die bis in alle Ewigkeit fixierte Begrenzung der Staatsausgaben nichts anderes als eine Trottelei und ein massiver Angriff auf die Volkssouveränität. - Beginnen wir mit Letzterem: Wenn eine Konstitution überhaupt einen Zweck hat, dann wohl den, die politische Auseinandersetzung in institutionell geregelten Bahnen laufen zu lassen. Das ist wichtig, weil nur eine verfasste - also jeweils nur unter erschwerten Bedingungen abänderbare - politische Struktur es wahrscheinlich macht, dass nicht gleich jedes tagespolitisch veranlasste Lüftchen zum Bruch mit dem Überkommenen führt.

Ein Angriff ...

Es ist just der Spielregel-Charakter der Verfassung, der bei allen politischen Akteuren die Zuversicht nährt, dass man für seine politischen Ziele werben kann - auch und gerade dann, wenn man tagesaktuell nur eine Minderheit des Wahlvolkes von seiner Programmatik und seinen personellen Vorschlägen überzeugen kann. Es gibt, anders gesagt, nur vor dem Hintergrund einer "gesicherten" Verfassung "ein Morgen" . Darin liegt auch der demokratiepolitische Sinn der von Hans Kelsen bewusst "inhaltsleer" konzipierten Bundesverfassung: Nicht das Was soll durch die Verfassung festgeschrieben werden, sondern das Wie soll außer Streit gestellt werden.

Eine gänzlich inhaltsleere Verfassung kann es nicht geben. Schon der Minderheitenschutz bzw. die Menschenrechte erfordern eine inhaltliche Festlegung. Aber auch sie zielen nicht darauf ab, "was" man mit seinen Rechten anstellt, sondern nur darauf, dass man von seinen Rechten je nach eigener politischer Überzeugung öffentlich Gebrauch machen darf. Es ist ein Wesensmerkmal auch der repräsentativen-demokratischen Verfassung, dass sich Politik und Gesetzgebung als Resultante massenhafter Grundrechtsausübung darstellen soll.

Wird der Inhalt der Politik aber von der Verfassung selbst schon verbindlich vorgegeben, dann schränkt dies den politischen Diskussionsprozess in just diesem Umfang ein. Es reicht dann nämlich nicht mehr, für meine Überzeugung streitbar zu werben, um so eine Mehrheit zu erreichen.

Man könnte entgegnen, dass durch die Festlegung einer "Schuldenbremse" im Verfassungsrang ja nicht prinzipiell verhindert werden kann, dass eine Zweidrittelmehrheit diese wieder abschafft.

Wer so spricht, hat den Sinn der Verfassung nicht begriffen: Es läge ja gerade im Telos der Verfassung, dass die am politischen Prozess Beteiligten ihre Aktionen und Argumente auf dem Boden der Verfassung austragen. Künftig wird jede Politik, die aus welch sachlichen Gründen immer für eine höhere Staatsverschuldung plädiert, mag sie auch noch so gut begründet sein, gegen das Stigma der Verfassungsfeindlichkeit ankämpfen müssen - wir haben Erfahrung mit diesem Verdikt, und wir wissen, wer davon profitiert. Die "Schuldenbremse" im Verfassungsrang ist ein Angriff auf die Volkssouveränität, weil das als verbindlich vorgibt, was sich stets erst als Ergebnis politischer Auseinandersetzungen festlegen ließe. Die "Schuldenbremse" ist demokratiefeindlich - nicht weil man sparen will (das soll man immer), sondern weil sie uns in unserer selbstbestimmten Wirtschaftspolitik eine inhaltliche Vorgabe macht, die wir uns nicht vorgeben lassen sollten.

... auf die Volkssouveränität

In der jetzt diskutierten Form ist die "Schuldenbremse" nicht exekutierbar. Und was nicht funktioniert und dennoch eingeführt werden soll, das nenne ich vertrottelt. Dass die Schuldenbremse nicht funktionieren kann, das hat einerseits pragmatische, auf die Erstellung des Bundeshaushaltes bezogene Gründe (mit der "Schuldenbremse" müssten ja auch weitere Vorgaben über die Erstellung der Haushalte aller Gebietskörperschaften und entsprechender Haftungen gemacht werden), andererseits aber auch politisch-strukturelle Gründe: Wer sich die politische Landschaft Österreich ansieht und auch nur halbwegs einen realistischen Blick bewahrt, der wird rasch die Überzeugung gewinnen, dass unser politisches Establishment nicht einmal im Traum daran denkt, die einmal eingenommenen Positionen zu räumen. Wer aus der Vergangenheit dieser Republik und aus der gegenwärtigen Besetzung politischer Positionen anderes abliest, der träumt.

Wer sparen will, soll sparen. Aber es sollte ihm auch weiterhin nicht möglich sein, sich vor Kritik dadurch zu immunisieren, dass er sich unter Hinweis auf eine verfassungsrechtliche Vorgabe als Sparefroh geriert - wenn er in Wirklichkeit doch nur den bedauerlichen Status quo des finanzmarktgetriebenen Unverstands prolongieren will. (Alfred J. Noll, DER STANDARD; Printausgabe, 30.11.2011)

Autor

Alfred J. Noll ist Rechtsanwalt in Wien und Dozent für Öffentliches Recht und Rechtslehre; der Kommentar ist der gekürzte Vorabdruck eines Beitrages in der kommenden Ausgabe der Zeitschrift "juridikum" (4/2011 t).

*Vgl. Georg Bürstmayrs Befund zur "Sparschweindemokratie"

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Posting 1 bis 25 von 105
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zeitfuchs
00
17.12.2011, 17:36
endlich einmal

eine halbwegs vernünftige Glosse zu diesem Thema.

ravenna
00
10.12.2011, 14:38

Ach, du meine Güte. Das ist tatsächlich bereits "gekürzt"?

taiga2011
01
1.12.2011, 18:31
machen, nicht wohin schreiben

Wie ernst kann man den Vorschlag die Schuldenbremse in die Verfassung zu schreiben nehmen, nach dem unsere Regierung beim letzten Budget die gesetzlichen Vorgaben einfach ignoriert hat. Schuldenbremse anwenden wirkt besser!

metall81
02
1.12.2011, 08:39
Darin liegt auch der demokratiepolitische Sinn der von Hans Kelsen bewusst "inhaltsleer" konzipierten Bundesverfassung

Hätte Hans Kelsen gewusst, was für Kapazunder dieses Land einst regieren werden, hätte er vielleicht wesentlich mehr in die Verfassung geschrieben.

memeticor
 
00
30.11.2011, 19:30
Juristendeutsch und Wirtschaftsenglisch

sind der Untergang des Abendlandes ;-O

[wozu gibts eigentlich Prinzipskizzen?]

btw (derweil halt in prosa):
- was passiert, wenn sich wirtschaftlich das Schulden machen rentieren würde ...
- oder überlebenswichtige Massnahmen gestemmt werden müssen (Pandemie, Reaktorkatastrophe, Komet ...)
- oder gar in die Zukunft investiert werden sollte (ROI - Verwaltung bringt ja keine Wertschöpfung, Kultur auch nur indirekt)
?

Bruno Flex
01
30.11.2011, 19:06
Gibt es hier

einen Noll-Stricheldienst?

Obwohl oder gerade weil ein beträchtlicher Teil der Poster den Artikel kritisch beurteilen?

Martin Blechbichl
 
01
30.11.2011, 18:56
Menschenrecht

Eine schuldenbremse ist ein meschenrecht der zukünftigen generation.
Momentan hat die pensionsgeneration unsere zukunft mit deren schuldenpolitik wenn nicht ruiniert, dann doch schwer eingeschränkt. Wie kommen zukünftige generationen dazu, von uns in der gleichen weise bezüglich ihrer sourverenität gleich, wenn nicht schlimmer eingeschränkt zu werden?

adventurer
11
30.11.2011, 18:00
Kommentar eines (vermutlich) (D)InKs

Wer für eine ungebremste Schuldenaufnahme plädiert, denkt vermutlich, für mich wirds noch reichen und was interessieren mich die Kinder anderer, die die Suppe auslöffeln dürfen. Solange die Politik anstatt mit Sachverstand von Lobbyismus und Korruption geprägt ist, ist eine Schuldenbremse leider opportun.

Peter The Great
 
21
30.11.2011, 17:52
Schuldenbremse ist eine Spielregel

Die Schuldenbremse wäre eine Spielregel der finanzpolitischen Vernunft und keine inhaltliche politische Festlegung. Eine Schuldenbremse beschränkt die Mittel, die für staatliche Aufgaben zur Verfügung stehen, sie bestimmt aber nicht, wie diese - grundsätzlich immer endlichen Mittel - verwendet bzw. verteilt bzw. vergeudet werden.
Es ist undemokratisch, den Staatsbankrott abzuwehren? Ist es die Verwirklichung von Volkssouveränität, ständigf mehr auszugeben als man einnimmt? Nein, das ist Sozialismus.Jede Hausfrau kann Ihnen erklären, dass man auf Dauer nicht mehr ausgeben kann, als man einnimmt. Also bitte Schluss mit dem "ohne Schulden keine Demokratie" Schwachsinn!

Gerhard Steingress1
12
30.11.2011, 14:52
Wem dient die Schuldenbremse?

Ich bin mit den Ausführungen von Herrn Noll voll einverstanden. Aber die rechtlich-formelle Sicht erfordert auch eine soziologische: Ist die Schuldenbremse nicht ein Instrument des globalisierte Finanzkapitals, mit dem die Souveränität der staatlich organisierten Gesellschaften und letztlich der Demokratie abgewürgt werden sollte? Die sogenannten, neoliberalistisch agierenden, Märkte (also der Finanzimperialismus) sind dabei, sich die politischen Verfassungen unterzuordnen. Wehren wir uns doch endlich gemeinsam dagegen!

ravenna
00
10.12.2011, 14:40

Wären Sie auch so nett darzulegen, wass diese bösen neoliberalen Märket von der Schuldenbremse haben? Vielleicht, dass die Staaten nicht alle pleite gehen?

Benedict de Montbéliar
01
30.11.2011, 14:48
Heftige Wortwahl. Leider notwendig.

Es ist schade bis erbärmlich, dass man als vernünftiger, sozial denkender Mensch, sich ob der politischen Zustände in diesem Lande beinahe genötigt sieht, verbal zu heftigerem Arsenal zu greifen; die Verankerung einer "Schuldenbremse" (allein das Wort...) im Verfassungsrang ist tatsächlich wieder einmal eine gezielte Verantwortungsabgabe der Volks-Treuhänder (denn nichts Anderes sind "unsere" Vertreter in Wahrheit) - damit man sich in Hinkunft eben schön zurücklehnen, und auf die Verfassungsbestimmung verweisen kann, anstatt sich sinnvoll mit unterschiedlichen Standpunkten bei Budgetstreitigkeiten auseinander setzen zu müssen.

http://www.le-benedikt.at/?p=365

Staatssekretär
04
30.11.2011, 14:11
Kann das bitte jemand für Maria Fekter ins Denglische übersetzen?

The Man with the Plan
00
30.11.2011, 16:05

Shortly.

Staatssekretär
02
30.11.2011, 14:06
Eine Regierung die es voriges Jahr nicht geschafft hat, das Budget verfassungskonform ins Parlament zu bringen...

...ausgerechnet die wollen jetzt die "Budgetdisziplin" in die Verfassung hieven. - Aber klar, voriges Jahr waren ja immerhin Landtagswahlen (in der Steiermark), wie oft kommt sowas schon vor...

Das Ganze ist eine österreichische Lösung (was als Synonym für pseudo steht), mit der eine eher auffassungsschwache Regierung glaubt, ebenso auffassungsschwache Ratingagenturen besänftigen zu können.

Statt endlich die SOUVERÄNITÄT des Volkes auszubauen - sprich Abgeordnete zu Abgeordneten machen. Und war es nicht auch einmal so gedacht, dass die Legislative die Gesetze macht?

Nein, stattdessen führt uns die Grinsekatze und diese lebendige Deix-Karikatur auf direktem Weg in die zementierte Unregierbarkeit.

Peter G
08
30.11.2011, 13:21
Argument hat was ... !

Das Argument, dass sich unsere Volksvertreter aus der Verantwortung stehlen, hat meiner Meinung nach was !

Es ist ja wirklich so:
Die ÖVP und bis zu einem gewissen Grade auch die SPÖ wollen sich durch den Verfassungsrang der Schuldenbremse jeder weiteren Diskussion über Einzelmassnahmen entziehen.

Sorry, wir haben kein Geld ! Steht so in der Verfassung! Tut Leid !

Damit wird jede INHALTLICHE Diskussion über die Sinnhaftigkeit einer Massnahme gleich zu Beginn abgewürgt.

Für die Regierenden ist das unglaublich bequem:
Weil dann brauchen Sie auch nicht Stellung beziehen, Positionen vor dem Wähler vertreten; weil - siehe oben - tut Leid, Verfassung !

</ lustig>
12
30.11.2011, 13:43
Schulden machen

muss so schwer, wie nur irgendwie möglich gemacht werden.

Sie haben nämlich in einem Staatshaushalt die unangenehme Tendenz, dass sie nicht von denen zurückgezahlt werden, von denen sie gemacht werden.

Und so wird's halt von Generation zu Generation mehr...

Peter G
00
30.11.2011, 15:10
Das Argument von Noll war ja nicht, dass man ungebremst Schulden machen soll.

Die Kritik geht ja dahin - und dem schliesse ich mich an - warum es ein Instrument der "Selbstknebelung" braucht, um das Ziel eines ordentlichen Haushaltes zu erreichen.

Mich erinnert das sehr an das berühmte Statement von KHG:
"Ein guter Tag beginnt mit einem ausgeglichen Budget".

Inhaltlich ist da zunächst nichts auszusetzten.

Aber: Was sonst noch ? Ist das dann schon das Ende jeder gestaltenden Politik ?
Das ist je ein furchtbares oder - um Noll zu zitieren - "trotteliges" Armutszeugnis.

Peter G
00
30.11.2011, 15:05
Das Argument von Noll war ja nicht, dass man ungebremst Schulden machen soll.

Staatssekretär
00
30.11.2011, 14:08

Falsch.

Staatsschulden haben die Tendenz dass sie NIE zurückgezahlt werden. - Gibt es ein Beispielt wo irgendwelche Kindeskinder die Staatsschulden der Großeltern beglichen haben?

Da hat man immer mit Staatsbankrott, Geldreform und/oder gleichzeitigem Krieg reagiert.

G. B. Corner
00
30.11.2011, 18:25

Doch, wir zahlen sehr wohl. Österreich zahlt im Jahr ca. 6Mrd (wenn ich richtig informiert bin - hab das jetzt nicht nachgeforscht). Und zwar sehr wohl auch für Schulden, die von vergangenen Generationen gemacht wurden.

Theobald Tiger
43
30.11.2011, 13:16
Wer spart, ist ein Trottel

ja, so denken alle Schuldenmacher, die im Fall des Falles auf direkte Solidarität (Transferleistungen) oder indirekte Solidarität (Inflation) der Trottel spekulieren.

</ lustig>
32
30.11.2011, 12:37
Schuldenbremse? Brauch ma ned?

Das von der Linken?
Nur zu. Verkauft die Souveränität und die Zukunft weiterhin grenzenlos.

Die Transferleistungsbezieher sollen lernen, was es heißt, wenn ein Staat pleite ist. Die Reichen sitzen das derweil in sicherer Entfernung aus. Die Kohle wird eh' schon in Sicherheit gebracht.

Käpt`n Blaubär
02
30.11.2011, 12:30
"Tatsächlich ist die Schuldenbremse die wohl größte Dummheit, die Politiker auf dem fiskalischen Sektor seit Jahrzehnten entworfen haben."

http://oeffingerfreidenker.blogspot.com/2010/08/v... gsten.html

http://www.nachdenkseiten.de/?p=3974

faxmonkey
 
00
30.11.2011, 14:41

Der "Gestaltungsspielraum" der Politik besteht ja auch hauptsächlich darin, den Leuten immer mehr ihres ehrlich erworbenen Geldes zu entziehen um es willkürlich an die eigenen Parteigänger, seien es Beamte oder Bauern oder Pensionisten umzuverteilen.
Es ist ja nicht so als ob das Geld für nachhaltige Infrastrukturmaßnahmen oder Bildung und Forschung ausgegeben wird, dafür ist schon seit Jahren kein Geld da. Wir befinden uns gerade am Rande eines Kollapses, der durch generationenübergreifende ,verantwortungslose Ausgabenpolitik Gekennzeichnet ist aber das die Politik ihren Handlungsspielraum einengt ist natürlich das wahre Problem.

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