532 Tage nach der Wahl steht sein Programm
Elio Di Rupo ist ein politischer Marathonmann. Er gibt einfach nie auf.
Das hat ihn das Leben - und vor allem seine Mutter - gelehrt. An
Rückschlägen hatte es in der Familie nicht gefehlt - und an
Korruptionsaffären von Parteifreunden in seinem Parti Socialiste, den er
seit 1999 anführt.
Aber so wie seine "Maman" rappelte sich der Sohn italienischer
Einwanderer immer wieder auf. So auch Mitte der 1990er-Jahre, als ein
junger Mann Di Rupo zu Unrecht beschuldigte, ihn missbraucht zu haben.
Damals war er immerhin Vizepremier. Aber er stand den "Skandal" durch,
bekannte sich offen zu seiner Homosexualität. Heute wird Di Rupo für
seine Offenheit und Toleranz gelobt.
Sein Vater, der einst in die Wallonie im Süden Belgiens gekommen war, um
als Arbeiter in der Schwerindustrie sein Geld zu verdienen, starb, als
Elio ein Jahr alt war. Die Mutter musste drei ihrer sechs Kinder in ein
Waisenhaus geben. Sehr arme Verhältnisse. Aber der feinsinnige begabte
Elio bekam eine Chance, als ein Lehrer sein Talent in
Naturwissenschaften erkannte. Mit Stipendien gefördert schaffte er es
schließlich an die Universität und bis zur Promotion in Chemie.
Gleichzeitig startete er die politische Karriere als Funktionär der
sozialistischen Studenten in Mons. Politisch ist Di Rupo ein
traditioneller Linker, der auf Staatsprogramme und Steuereinnahmen
setzt. Und ein eher stiller und zäher Kämpfer. Dieser Stil und die
Eigenschaft, größte Widersprüche zu Kompromissen zu führen, werden ihn
knapp nach seinem 60. Geburtstag im vergangenen Juli jetzt zum größten
Erfolg seiner Laufbahn führen: Er wird - wenn nicht noch in letzter
Minute etwas schiefgeht, was man in der zersplitterten
Parteienlandschaft des Landes nie ausschließen kann - neuer
Premierminister in Belgien werden.
König Albert II. möchte ihn unbedingt so rasch wie möglich angeloben,
nicht zuletzt, um ein Signal der Stabilität des höchst verschuldeten
Landes an die Märkte abzugeben, die den belgischen Staatsanleihen hart
zusetzen. Es wurde auch Zeit. Die Regierungsverhandlungen dauerten
bisher 532 Tage, Di Rupo, der mit mehr als 33 Prozent Wähleranteil im
Süden großer Gewinner war, hatte des Königs Auftrag zwischenzeitig
zweimal und vorläufig zurückgelegt. Nun brachte er Christdemokraten,
Liberale und Sozialisten auf einen Nenner. Sein derzeitiges Amt -
Bürgermeister von Mons - wird er wohl angeben müssen. Die Sanierung von
Belgien ist eine Herkulesaufgabe. (DER STANDARD-Printausgabe, 30.11.2011)