Newt Gingrichs Aufstieg aus dem politischen Jammertal: Der 68-jährige ist plötzlich Favorit der Republikaner
Der steile Aufstieg aus dem politischen Jammertal: Newt Gingrich, im Sommer bereits abgeschrieben, ist plötzlich das klassische Comeback-Kid, der Favorit unter den republikanischen Kandidaten für das Weiße Haus.
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Newt Gingrich kann wieder lachen. Selbstironisch erzählt er Geschichten
aus dem politischen Jammertal, als ihn alle abgeschrieben hatten. "Ich
rief die Leute an und sagte: 'Hallo, würdet ihr für mich spenden?' Und
sie sagten: 'Aber du bist doch schon tot!'" Vier Monate später ist
Gingrich zu blühendem Leben erwacht. In Umfragen rangiert er plötzlich
auf Platz eins der Konservativen für die Präsidentenwahl 2012. Wenn man
so will, ist es der vorläufige Triumph des Establishments über die
Tea-Party-Umstürzler.
Anfangs war Michele Bachmann, die Radikal-Sparerin, en vogue. Dann Rick
Perry, der stramme Gouverneur aus Texas. Ihm folgte Pizzamogul Herman
Cain. Nun schart Gingrich, der Inbegriff des Altpolitikers, all jene um
sich, die nach der Maxime "ABR" handeln: "Anyone But Romney" - Jeder
außer Mitt Romney, bei dem treue Parteisoldaten den konservativen
Stallgeruch vermissen.
Es ist ein Comeback, das an John McCain erinnert. Auch der hatte vor
vier Jahren schon fast die Segel gestrichen, bevor er an allen vorbeizog
und das Endspiel gegen Barack Obama bestritt. Nur dass Gingrichs Karren
noch tiefer im Dreck steckte: Im Juni waren seine Berater abgesprungen,
weil er lieber in der Ägäis urlaubte statt Bauernhände zu schütteln.
Doch bei TV-Diskussionen schaffte der Historiker die Wende und wirkte
souverän, sodass sich die verzweifelte Basis auf einmal ihn im Oval
Office vorstellen kann.
Der 68-Jährige mit dem schlohweißen Haar pflegt das Image, so etwas wie
der Harvard-Professor der "Grand Old Party" zu sein. Gern würzt er seine
Reden mit historischen Parabeln - mal wirkt es weltklug, mal
besserwisserisch, mal ausgesprochen giftig.
"Contract with America"
Bevor er vor zwölf Jahren aus dem Kongress ausschied, war Gingrich einer
der Hauptdarsteller in Washington gewesen. 1994 stellte er sich vor eine
US-Landkarte und schloss den "Contract with America". Keine roten
Budgetzahlen mehr, Abgeordnete sollten nach denselben Regeln leben, die
sie ihren Wählern predigten. Das kam an, prompt nahmen die Konservativen
den Demokraten von Bill Clinton die Mehrheit im Repräsentantenhaus ab.
Von einem Geniestreich Gingrichs war die Rede, der Hinterbänkler aus
Georgia wurde Vorsitzender. Allerdings trieb er das Gezerre um das
Budget so weit, dass die Bundesbehörden eine wochenlange Zwangspause
einlegen mussten - ein Pyrrhussieg.
Es ist eine Hypothek, die noch heute auf ihm lastet. Die amerikanische
Mitte sehnt sich nach parteiübergreifendem Konsens, um den Problemstau
aufzulösen. Gingrich dagegen setzt polemisch auf Rezepte wie eine
Radikalkur für die Bundesverwaltung. Damit will er 500 Milliarden Dollar
sparen. Gleichwohl ließ er sich eine Beraterrolle beim
Immobilienbankriesen Freddie Mac mit 1,8 Millionen Dollar bezahlen. Kein
Wunder, dass der Vorwurf der Scheinheiligkeit die Runde macht. "Ein
Politiker, den man jederzeit mieten kann", zürnt der konservative
Kolumnist George Will.
Gingrichs Achillesferse, zumindest bei sozialkonservativen Wählern, ist
sein Privatleben. Von seiner ersten Frau Jackie trennte er sich, als sie
nach einer Krebsoperation noch im Krankenhaus lag. Da hatte er bereits
eine Affäre mit Marianne, seiner zweiten Gattin, die wiederum seiner
blonden Assistentin Callista Bisek Platz machen musste. Das alles
hinderte ihn nicht, furios auf die Amtsenthebung Bill Clintons zu
drängen, nachdem dessen Sexspiele mit Monica Lewinsky bekannt geworden
waren.
Marianne hat es vor ein paar Monaten so zusammengefasst: "Was Newt
öffentlich sagt und wie er selber lebt, muss nicht unbedingt miteinander
zu tun haben." (DER STANDARD-Printausgabe, 30.11.2011)