Tanz das Thema deiner Dissertation

29. November 2011, 18:54
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Bereits zum vierten Mal fand heuer der internationale Wettbewerb "Dance your Ph.D." statt - Insgesamt 55 Dissertanten reichten ein - Vergangene Woche wurde in Brüssel der Sieger ausgezeichnet

Im Jahr 2008, als "Dance your Ph.D." (auf Deutsch: "Tanze Deine Dissertation") zum ersten Mal ausgetragen wurde, gab es nicht ganz zufällig eine besonders rege Beteiligung österreichischer Wissenschafter. Schließlich fand die Premiere des Wettbewerbs damals auch im Biocenter in Wien statt - leider damals noch unter weitgehendem Ausschluss der Öffentlichkeit.

Einige der Höhepunkte der damaligen Veranstaltung, die zum Glück auf Youtube für die Ewigkeit konserviert wurden: der Vogerltanz des Genetikers und Imba-Direktors Josef Penninger, der seine schon etwas länger zurückliegende Dissertation zur "Analyse thymischer Mutterzellen im Huhn" in Bewegungen verwandelte und das Publikum mit gekonntem Hüftschwung begeisterte. Gar einen ersten Platz ertanzte CeMM-Chef Giulio Superti-Furga mit seinem Team, und auch das Video dieser Aufführung ist zum Glück für die Wissenschaftsgeschichte erhalten geblieben.

Der Klassiker: Josef Penninger und sein Vogerltanz (Quelle: YouTube)

Der Gewinner: Giulio Superti-Furgas Siegesperformance 2008 (Quelle: YouTube)

Die Idee zu dieser Veranstaltung hatte der Wissenschaftsjournalist John Bohannon, der gemeinsam mit dem US-Wissenschaftsmagazin Science in diesem Jahr bereits zum vierten Mal um Videoeinreichungen von Tanz-Performances bat. Erlaubt ist bei dem Wettbewerb alles, was gefällt und geeignet ist.

In diesem Jahr war die Resonanz besonders stark: Insgesamt 55 Kandidaten reichten ihre Bewerbungen ein. Doktoranden aus allen Fachrichtungen und Kontinenten, die ihre Dissertation der Öffentlichkeit vorstellen wollten. Auch diesmal kannte der Ideenreichtum keine Grenzen: getanzte Collagen, Slapstickeinlagen, Pantomime und vor allem Ausdruckstänze jeder Art.

Um den Gewinner zu ermitteln, hat die Jury - bestehend aus Künstlern und Wissenschaftern - drei Kriterien festgelegt: die wissenschaftliche Relevanz, die artistische Qualität der Choreografie sowie die Fähigkeit, das Thema der Dissertation tänzerisch umzusetzen.

Im Oktober wurden zunächst zwölf Finalisten ausgewählt, ehe dann eine weitere Fachjury die Gewinner in vier Kategorien ermittelten. In den Sozialwissenschaften etwa siegte Emma Ward, die in ihren Tanz das Sozialverhalten von Tauben umsetzte - und dafür 500 Dollar gewann.

Für den Hauptgewinner gab es einen Preis von 1000 Dollar, unsterblichen Ruhm als Youtube-Geek sowie eine Reise nach Brüssel. Dort wurde vergangene Woche nämlich der erste Preis bei der TEDx-Brüssel-Konferenz feierlich überreicht. Wissenschafter und Künstler konnten bei innovativen Vorträgen und Performances "einen Tag in der fernen Zukunft" verbringen.

Der glückliche Gewinner des Hauptpreises war Joel Miller von der Universität Perth in Australien, dessen Anreise in die belgische Hauptstadt entsprechend langwierig war. Er hatte die Jury nicht nur in der Kategorie Physik mit seiner Abhandlung über die mikrostrukturellen Gesetze von Titanbestandteilen (im englischen Original: "Microstructure-Property relationships in Ti2448 components produced by Selective Laser Melting") überzeugt.

Der schlaksige Forscher mit kahlem Kopf inszenierte in einer grotesk-komischen Reihe von 2000 Fotos (da er keine Videokamera hatte) die Liebesgeschichte von "Titanium-Mann" und "Knochenfrau". In dem Stück schreitet Miller mit einer Frau in weißem Gewand wie ein Hochzeitspaar über eine Wiese, um sich hernach ein schwarzes T-Shirt überzustülpen. Alsbald verdunkelt sich das Bild, zwei Protagonisten in leuchtender Kleidung treten heran und greifen ihm unter die Arme. Die Bilder haben etwas Kafkaeskes.

Miller lässt die Hosen fallen, dann schiebt sich wie von Geisterhand eine rote Unterhose seinen Unterleib hinauf. Das Stück ist zum Schreien komisch - und vor allem instruktiv. Miller brachte die Wechselwirkung von Alpha- und Beta-Titan plastisch zum Ausdruck. Erst wenn sie zusammenfinden, ist Titanium-Mann ausdauernd und zugleich flexibel. Millers Forschungsarbeit könnte in Zukunft dazu beitragen, verträglichere und haltbarere Knie- und Hüftgelenke aus Titan zu entwickeln. (DER STANDARD, Printausgabe, 30.11.2011)

  • Die beste tänzerische Umsetzung einer Doktorarbeit 2012: Der australische Physiker und "Titanium-Mann" Joel Miller findet seine Knochenfrau (Sara Fontaine).
    foto: joel miller

    Die beste tänzerische Umsetzung einer Doktorarbeit 2012: Der australische Physiker und "Titanium-Mann" Joel Miller findet seine Knochenfrau (Sara Fontaine).

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