Großeltern als Opfer häuslicher Gewalttaten

29. November 2011, 18:12
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Nicht immer ist's daheim am schönsten: Aus der Pflege-Herausforderung wird leicht Überforderung

Eisenstadt - Zum Begriff "häusliche Gewalt" assoziiert man normalerweise "Kinder" und "Frauen". Damit liegt man zwar richtig, aber nicht flächendeckend richtig, wie die Caritas, die Gewaltschutzzentren und das Familienministerium nun mit einer eigenen Broschüre ausdrücklich unterstreichen wollen. Denn was Helmut Qualtinger einst kabarettistisch als "Ahnlvergiften" thematisiert hat, sei nämlich ein immer noch - angesichts der sozialen Überalterung zunehmend - virulentes Problem: die Gewalt gegen ältere, alte, betagte, greise Menschen.

Annemarie Reiss präsentiert als Leiterin des burgenländischen Gewaltschutzzentrums keine diesbezüglich ins Kraut schießende Zahlen. Bedenke man allerdings, meint sie, dass nur die Extremfälle bekannt würden, so sei es schon besorgniserregend, dass von den heuer burgenlandweit bekannt gewordenen 602 Fällen doch 26 Menschen über 70 betroffen waren. Die dahinterstehende Dunkelziffer - so würden alle seriösen Statistiker schätzen - sei allerdings deutlich höher, "man geht von bis zu zehn Prozent aus".

Sache des Blickwinkels

Wobei das halt auch eine Sache des Blickwinkels sei, wie nicht nur Annemarie Reiss meint. Franz Horvath, der in der Caritas den Hospiz- und Palliativbereich betreut, erklärt, dass es gerade diesbezüglich einen recht großen Graubereich gebe. "Die Unterscheidung von Täter und Opfer ist nicht immer ganz leicht." Gerade in Pflegeverhältnissen, in die hauptsächlich Frauen eingespannt seien, wachse aus der "Herausforderung" eine "Überforderung", aus der eine "Erschöpfung" und aus der dann "Aggression".

Auf das Thema, so die burgenländische Caritas-Direktorin Edith Pinter, gebe es keine eindeutigen Antworten außer den Caritas-Grundsätzen von der Würde ("jeder Mensch hat das Recht, in Würde zu leben und zu sterben"), aber man müsse aufmerksam machen, die Menschen sensibilisieren. Und, so Annemarie Reiss, man müsse sich schon auch gesetzliche Regelungen einfallen lassen. "Das Gewaltschutzgesetz von 1997 kann nicht 1:1 auf die älteren Menschen übertragen werden, man könnte sich aber zum Beispiel Krisenunterbringungs-Möglichkeiten in den Frauenhäusern überlegen."

Nicht immer sind es die Jungen, denen die Alten über den Kopf wachsen. Annemarie Reiss berichtet von geradezu Aberwitzigem. Da wurde einer 81-Jährigen von ihrem deutlich älteren Mann andauernd mit dem Umbringen gedroht und sie ein ums andere Mal niedergestoßen. Eine 78-Jährige wurde von ihrem pflegebedürftigen, alkoholkranken Mann attackiert.

Die nun erschienene Broschüre versammelt zumindest die einschlägigen Notrufstellen. (Wolfgang Weisgram/DER STANDARD-Printausgabe, 30.11.2011)

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    Die Hand, die füttert, kann einerseits gebissen werden, andererseits aber auch zuschlagen.

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