Das hüpfende Klassenzimmer

29. November 2011, 18:33
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Mithilfe einer massiven Scoutingaktion sollen dem Skisprung in Wien noch mehr Kinderherzen zufliegen

Wien - Eine geglückte Libelle macht noch keinen Adler, aber selbst ein Thomas Morgenstern wurde nicht als Skispringer geboren. Der Weltcupsieger, Olympionike und Weltmeister ist selbst den Kleinsten in der Volksschule Hütteldorf ein Begriff. In deren Turnsaal hob am Dienstag mit gut 50 Mädchen und Buben ein Scoutingmarathon an, der vier Monate lang durch 40 Schulen im Großraum Wien führt.

6000 Kinder der zweiten, dritten und vierten Schulstufe sollen spielerisch von den Trainern der Skisprungvereine Wiener Stadtadler und Wienerwaldadler Pressbaum auf Tauglichkeit für den Sprunglauf getestet werden. Der Parcours umfasst mehrere Stationen, deren Namen durchaus für die jeweils zu zeigende Begabung stehen. Känguru (Sprungkraft) ist ebenso selbsterklärend wie Wiesel (Schnellkraft), Libelle (Koordination) oder Maulwurf (Orientierung mit verbundenen Augen).

Die 200 talentiertesten Mädchen und Buben erreichen das sogenannte Superadler-Finale am 26. März 2012 in Wien, zu dem auch Aktionspate Morgenstern, nun ja, einfliegen wird.

Wie viele Talente nach Abschluss der von ÖSV-Sponsor Volksbank alimentierten Aktion tatsächlich übrigbleiben, kann Christian Moser (38), der sportliche Leiter der Wiener Stadtadler, schwer sagen. Derzeit betreut sein 2005 gegründeter Verein 42 Kinder und Jugendliche. Die Ausbildung eines Springers von der Klasse Mosers, der 1994 in Lillehammer mit der Mannschaft olympisches Bronze gewann, braucht ihre Zeit. "Aber in unseren Altersklassen sind wir auch gegen Kärntner oder Tiroler konkurrenzfähig."

Einschlägige Beweise lieferten die Stadtadler schon mit Podestplätzen bei der seit 1999 im Sommer veranstalteten Vierschanzentournee für vorwiegend österreichische und deutsche Kinder, die in diesem Jahr über Kleinbakken in Hinzenbach (OÖ), Bischofshofen, Reit im Winkel und Berchtesgaden ging.

Geadelt fühlen sich die Stadtadler durch die Aufnahme ihres Talents Mario Mendel ins Skigymnasium Stams. "Er zählt in seiner Altersklasse zu den zehn besten Springern in Österreich", sagt Moser über den 15-Jährigen aus Wien-Mariahilf, dessen Weitenrekord nicht mehr lange bei 114 Metern liegen dürfte.

Der Sprunglauf ist für junge Wiener und Niederösterreicher weniger eine Geld- als eine Zeitfrage. Mitglied bei den Stadtadlern kann jeder werden, der auch Mitglied des österreichischen Skiverbandes ist. Der Verein verrechnet pro jungem Hüpfer und Jahr 300 Euro für Leihmaterial. Dazu kommen Übernachtungsbeiträge, denn, und das ist das größte Problem, die Schanzen stehen nicht ums Eck. Die Stadtadler haben ein Kontingent an Trainingssprüngen auf der Anlage in Mürzzuschlag. Wettkämpfe führen oft noch viel weiter weg.

Besserung, also eine eigene Anlage, ist nicht in Sicht. Die letzte Wiener Schanze am Himmelhof wurde 1980 warm abgetragen (Brandstiftung). "Skispringen ist noch nicht so im Bewusstsein der Politik", sagt Moser, der die Kosten für eine aus drei Kleinbakken bestehende, auch im Sommer zu nützende Trainingsanlage mit 2,5 Millionen Euro beziffert.

Ein Weltcupspringen in Wien, das auch schon ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel für erstrebenswert hielt, käme wesentlich teurer. Eine dafür taugliche Anlage ist nicht unter sieben bis zehn Millionen Euro zu erstellen. Ein Weltcupsieger aus Wien ist in den nächsten Jahren realistischer. (Der STANDARD-Printausgabe, 30.11. 2011)

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    Der im Jahre Schnee 2003 anlässlich des "Tags ges Sports" auf dem Wiener Heldenplatz errichtete Monsterbakken hatte keine Zukunft.

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