"Wettlauf um niedrigste Kosten ist vorbei"

29. November 2011, 17:59
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Markt muss früher oder später höhere Preise akzeptieren: Hans-Otto Schrader, Chef der Otto-Gruppe, über billige Jeans und sinkende Gewinne

Wien - Der Wettlauf um die niedrigsten Kosten ist vorbei, die Karawane ist angekommen, sagt Hans-Otto-Schrader. Die internationale Textilindustrie könne nicht mehr in noch billigere Länder weiterziehen, der Markt müsse früher oder später höhere Preise akzeptieren.

Schrader steuerte einst den Einkauf der Otto-Gruppe. Seit gut vier Jahren leitet er den weltweit größten Versandhändler als Nachfolger des Inhabers Michael Otto. Einen derart starken Kostenschub in so kurzer Zeit, wie ihn China heuer erlebte, habe es noch nie gegeben, sagt er. Es sei ein Schockjahr gewesen, in dem auch Lieferzusagen nicht mehr eingehalten wurden. Otto selbst sei mit Kostensteigerungen von mehr als 100 Millionen Euro konfrontiert. Diese weiterzugeben sei nicht gelungen, der Wettbewerb lasse das nicht zu.

Der Handelskonzern stellt sich daher heuer trotz höherer Umsätze auf schmälere Margen und Gewinne ein. Die Preise für Kleidung seien zuvor über Jahre gesunken, "doch Jeans um acht Euro braucht letztlich keiner". Selbst Menschen mit gutem Einkommen hätten sich darauf eingeschossen, "es war ei- ne ungesunde Entwicklung".

Schrader sieht weiter steigende Kosten in China, dortige Gehälter würden zurecht angehoben. Reagiere der Markt nach wie vor nicht darauf, gerieten künftig auch richtig große internationale Textilketten unter Druck. Otto ist Deutschlands führender Modehändler mit einem Vertrieb von rund 250 Millionen Kleidungsteilen im Jahr. In Österreich gilt der Konzern hinter Hennes & Mauritz als die Nummer zwei auf dem Modemarkt.

Von EU-Finanz- und Schuldenkrisen sieht Schrader Otto bisher kaum belastet. Auch der sinkende Konsum treffe den Versandhandel nur zeitverzögert und schwächer. Ein Grund dafür sei der Kauf in Raten. Die Zahlungsmoral sei in Ös- terreich nach wie vor hoch, bestätigt der Österreich-Chef des Konzerns, Harald Gutschi. 99 Prozent aller Forderungen würden beglichen, obwohl man 98 Prozent der Ware auf offene Rechnung liefere.

Ein Drittel wird retourniert

30 bis 35 Prozent der bestellten Produkte werden retourniert. Allein bei Bikinis liege der Anteil bei 70 Prozent. Otto betreibt, unter anderem dafür, in Hamburg die größte deutsche chemische Reinigung.

14 Prozent mehr Umsatz erzielte Otto von Jänner bis Oktober in Österreich. Motor war der Online-Handel mit Zuwächsen von mehr als einem Fünftel. Für Weihnachten erwartet man ein Plus von 20 Prozent. Weltweit setzte Otto mit 50.000 Mitarbeitern zuletzt knapp fünf Milliarden Euro um. Expandiert wird künftig vor allem in Brasilien, der Türkei und Russland.

Der Versandhandel erziele derzeit ein Zehntel der Handelsumsätze, sagt Gutschi, dieser Anteil werde sich bis 2020 verdoppeln. Stationäre Unternehmen seien in Zukunft nur erfolgreich, wenn sie auch Online-Kanäle anbieten, ist Schrader überzeugt. "Es muss den Kunden überlassen bleiben, welche Art des Zugangs sie wählen."

Schrader verbrachte seine ganze Berufslaufbahn bei Otto. Sein Vertrag wurde erst vor kurzem verlängert, doch 2016 ist Schluss. Otto pflegt eine Altersgrenze von 60 Jahren für seine Vorstände. Ihn reize es, später kranken Betrieben unter die Arme zu greifen, sagt Schrader. Mit Golfen oder Rosenzüchten habe er es nicht so. (Verena Kainrath, DER STANDARD, Printausgabe, 30.11.2011)

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    Für Hans-Otto Schrader ist der Versandhandel weitgehend krisenresistent. Weihnachten soll Zuwächse von 20 Prozent bringen.

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