Erneut beschäftigt die Behörden in Wien ein Asylverfahrensfall, bei dem so ziemlich alles schiefging - Die Leidtragenden: eine Roma-Familie aus Serbien, die seit sechs Jahren voll integriert ist
Wien - Eine unendlich langsam arbeitende Behörde, Schlampereien und Ungenauigkeiten auf beiden Seiten, versäumte Fristen: Am Ende einer langen Kette unglücklicher Umstände steht der 14-jährige Denis Vuckovic, aus Serbien stammender Rom, Vorzugsschüler im Realgymnasium für Leistungssportler in der Maroltingergasse, Basketballjungstar bei Union West Wien - und Auszuweisender, wenn es nach dem Asylgerichtshof geht. Sechs Jahre haben die Asylbehörden für diesen Spruch gebraucht, sechs Jahre, in denen sich Familie Vuckovic längst in Wien integriert hat. Alle sprechen akzentfrei Deutsch, beziehen keine staatliche Unterstützung, Denis' Schwester Jovana ist ebenfalls Vorzugsschülerin. Der Falter, der Denis' Fall aufgegriffen hat, schreibt von der Familie als einem "Paradebeispiel gelungener Integration" und sieht einen "neuen Fall Arigona in Wien".
Aber, sagt Innenministeriums-Sprecher Karl-Heinz Grundböck zum Standard: "Von einer drohenden Abschiebung kann noch keine Rede sein." Der Asylgerichtshof habe zunächst nur den "Auftrag zur Ausreise" gegeben, das heiße nicht automatisch, dass die Vuckovics demnächst aus ihren Betten geholt würden.
Um Fristverlängerung ansuchen
Anwalt Andreas Lepschi will beim Asylgerichtshof noch einmal um Fristverlängerung ansuchen, weil, wie er sagt, "die Betroffenen keine Gelegenheit bekamen, persönlich angehört zu werden". Dass sie diese nicht hatten, müssen freilich auch jene NGOs auf ihre Kappe nehmen, welche die Familie unterstützen sollten. So hatte der (ehemalige) NGO-Anwalt sowohl die Aufforderung des Asylgerichtshofs zur Stellungnahme als auch den negativen Bescheid nicht weitergeleitet - ebenso wenig meldete er den Behörden, dass er das Mandat für die Familie gar nicht mehr innehatte.
Dennoch, sagt der jetzige Anwalt Lepschi, hätte der Gerichtshof "bei einem Fall, wo es um Kinder geht", mehr Sorgfalt aufwenden können, um die Betroffenen ausfindig zu machen.
Mittlerweile beschäftigt der Fall auch die Politik: Peko Baxant, Wiener SPÖ-Gemeinderat und Präsident des Wiener Basketballverbands, hält den Fall Vuckovic für "katastrophal" und "ein klassisches Beispiel für lebensferne Gesetze". Baxant will sich für ein humanitäres Bleiberecht für die Familie einsetzen - "und auch mit Integrationsstaatssekretär Kurz darüber reden". Ein solches Bleiberecht sei vom Anwalt der Familie jedoch nocht nicht beantragt worden, heißt es seitens der zuständigen Gemeinde Wien. (Petra Stuiber/DER STANDARD-Printausgabe, 30.11.2011, ergänzt von derStandard.at)
Auch Tiroler Judoverband kämpft gegen Abschiebung eines Mitglieds
Die armenische Familie Hoysepyan soll am Dienstagabend nach Eriwan abgeschoben werden. Der Vater und die beiden fünfjährigen Töchter wurden am Montag vom Flüchtlingsheim in Imst, die Mutter vom Krankenhaus in Zams in das Familiengefängnis in der Wiener Zinnergasse überstellt.
Der 18-jährige Sohn der Familie, Narek, befindet sich noch bei Freunden in Tirol. Er trainiert erfolgreich im Tiroler Judoverband. Dessen Präsident, Martin Scherwitzl, kritisiert die bevorstehende Abschiebung seines Mitglieds: "Unabhängig von der bestehenden Rechtslage sehe ich als Trainer die Sache aus sportlicher und menschlicher Sicht. Bei Narek handelt es sich um einen sehr fleißigen Sportler, der kein Training auslässt und bei seinen Trainingskameraden sehr beliebt ist. Aus meiner Sicht ist Narek so integriert, wie es in dieser kurzen Zeit überhaupt möglich ist."
Narek ist Mitglied der Bundesligamannschaft, der Landesligamannschaft und gewann heuer die Tiroler Meisterschaften. "Er hätte eine große sportliche Zukunft, wenn ihm diese ermöglicht werden würde. Ohne in gesetzliche Belange eingreifen zu wollen, wären wir sehr froh darüber, wenn Narek bei uns bleiben könnte", so der Trainer. "Vielleicht könnte man in so einem Fall, in dem der Sportler in einem Verein mit über 1000 Mitgliedern, derart positiv integriert ist, einmal Gnade vor Recht ergehen lassen. Die Gründe dafür wären mit etwas gutem Willen leicht sichtbar." (red/derStandard.at)