Studentenprojekt will Verborgenes, Verdrängtes, Zerstörtes und Imaginiertes sichtbar machen
Graz - Ein neuer Faltplan führt an 16 wenig bekannte Orte jüdischer und muslimischer Geschichte
in Graz. Er soll Bewohnern und Besuchern der Stadt
erleichtern, Spuren der Vergangenheit zu sehen und ein Bewusstsein dafür
entwickeln, wie multikulturell und religiös die Geschichte von Graz war und ist,
so Ulrike Bechmann vom Institut für Religionswissenschaft der Uni Graz.
"Graz war als Dreh- und Angelpunkt zwischen der christlichen, jüdischen und
muslimischen Kultur seit jeher multireligiös. Heute sind hier allerdings nur
mehr vereinzelte Spuren jüdischen und muslimischen Lebens vorhanden", wie
Bechmann erläuterte. In ihrem Seminar "Interreligiöse Begegnungen in Geschichte
und Gegenwart" haben Studierende der Uni Graz den Stadtplan entwickelt, der vor
allem das Verborgene, Verdrängte oder Zerstörte sichtbar machen soll.
So weist er z. B. auf ein Detail der ältesten Grazer Stadtansicht, dem
"Gottesplagenbild" an der Außenmauer des Grazer Doms aus dem Ende des 15.
Jhdts., hin: Es stellt die drei "Landplagen" - Heuschrecken, Pest und
Türkeneinfälle - bildlich dar. Oder er führt zum Arkadengang des Palais Langhaim
in der Bürgergasse, wo Sgraffiti-Bilder (eingeritzte Wandbilder, Anm.) aus dem
16. Jhdt. karikierende Darstellungen von Osmanen zeigen. "Interessant ist, dass
die Osmanen auf ihren Feldzügen niemals nach Graz kamen", hält die Grazer
Religionswissenschafterin Beckmann fest. Jahrhunderte lang wurde in der
steirischen Landeshauptstadt allerdings das Bewusstsein einer türkischen
Bedrohung bei den Menschen lebendig gehalten.
Älteste jüdische Relikte
Was wahr ist und was Legende, wie mit Tatsachen gespielt und Fakten lange
verdrängt wurden, versucht der Stadtplan durch erläuternde Kurztexte zu den
jeweiligen historischen Orten und Denkmalen, die sich v.a. in den inneren
Stadtbezirken befinden, darzustellen. Er führt u.a. zum ältesten Artefakt
jüdischer Besiedelung in Graz (Grabstein des Rabbi Nissim aus dem 14. Jhdt. in
der Grazer Burg), zum Wohnhaus des zweiten und bis heute letzten Rabbiners der
Stadt Graz, David Herzog, oder zum interkonfessionellen Teil des Grazer
Zentralfriedhofs. (APA, red)