Europa, die Sau im globalen Dorf

Interview30. November 2011, 06:15
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Marktteilnehmer handeln im Krisen­fall ähnlich rational wie Schafe, meint US-Experte Josef Braml, und zweifelt gleichzeitig an Amerikas Billionending

Die USA müssen wieder um ihr Image als guter Schuldner bangen. Diesmal schlägt die Ratingagentur Fitch Alarm. Sie senkt den Ausblick für die Bewertung der Bonität der größten Volkswirtschaft der Welt von "stabil" auf "negativ". Höchste Zeit, so der US-Experte und ehemalige legislative Berater im US-Abgeordnetenhaus, Josef Braml. Im Interview mit derStandard.at kritisiert er den Umgang der Analysten mit den Euroländern und erklärt, warum und wie der Euro eine Konkurrenz zum Dollar werden könnte.

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derStandard.at: Als letzte der drei größten Ratingagenturen stimmt Fitch mit seiner Bewertung in die kritische Sichtweise der US-Schuldenbewältigung ein und droht mit einer Abstufung.

Josef Braml: Ich weiß nicht, was bei Fitch vorgeht, was die sich denken, ob diese Ratingagenturen sich überhaupt etwas dabei denken, wenn sie ihre Urteile erstellen. Sieht man sich die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Grundlagen der USA an, wäre eine Herabstufung seit langem überfällig.

derStandard.at: Die horrenden US-Defizite führen nicht zu Aufruhr an den Finanzmärkten. Was haben die USA, was Europa nicht hat?

Braml: Die US-Notenbank Fed macht ausgiebig das, was die EZB bislang nur verhalten tut. Sie kauft massiv eigene  Staatsanleihen und druckt Geld. Ein Grund, weswegen man die Europäische Zentralbank ebenfalls zur Gelddruckmaschine degradieren will. Darüber hinaus verfügt Europa über keine politische Union. Auch Amerika hat keine handlungsfähige Politik mehr, die Gewalten sind blockiert und dadurch keine Wirtschaftsförderungsprogramme mehr möglich. Steht das Land nun besser da als Europa? Vielleicht noch, es spielt aber auch viel Marktpsychologie, sprich Herdentrieb, mit.

derStandard.at: Fitch fordert von den USA bis 2013 einen "glaubhaften Plan" zur Eindämmung des Schuldenbergs von 13 Billionen Dollar. Wie könnte dieser aussehen?

Braml: Nach dem Scheitern des so genannten Super-Komitees letzter Woche wird ab dem Jahr 2013 die nächsten zehn Jahre nach dem Rasenmäher-Prinzip gekürzt. Grob gesagt, sollen etwa 1200 Milliarden Dollar im Sozial- und Militärbereich gestrichen werden. US-Verteidigungsminister Panetta hat nun die Herkulesaufgabe, neben den ohnehin vorgesehenen Kürzungen von 400 Milliarden weitere 600 Milliarden im nächsten Jahrzehnt zu kürzen. Das ist selbst für Amerika sehr viel Geld ...

derStandard.at: ... und unrealistisch?

Braml: Man kann davon ausgehen, dass der Kongress nach den Wahlen im kommenden Jahr einmal mehr das seine tun wird, um das eine oder andere Schlupfloch zu finden. Wie dann die Ratingagenturen darauf reagieren würden, ist eine andere Frage. Sie können natürlich wie in den Jahren zuvor wieder beide Augen schließen und sich erneut auf die europäische Lage einschießen, was nichts weiter als ein geschicktes Ablenkungsmanöver wäre: Solange Europa als Sau durch das globale Dorf gejagt wird, haben die USA Verschnaufpause.

derStandard.at: Was könnte die Lage verändern?

Braml: Der Dollar könnte als Leitwährung infrage gestellt werden, wenn die Kreditwürdigkeit der USA merklich herabgestuft würde. Bislang vertrauen die Marktteilnehmer nach wie vor in die schier unbegrenzte Macht der Notenbank, weiterhin Geld zu drucken. Nach zwei Runden so genannter quantitativer Lockerung, hat die US-Notenbank zuletzt einen "Twist" angekündigt, nämlich bis Mitte kommenden Jahres weitere Anleihen mit langen Laufzeiten im Volumen von 400 Milliarden Dollar zu kaufen und im Gegenzug Schuldverschreibungen mit kurzen Laufzeiten von bis zu drei Jahren zu verkaufen. Durch die Umschichtung sollen die langfristigen Zinsen weiter gesenkt werden. Begriffe wie "Twist" klingen zwar schön, aber solche Operationen können die Wirtschaft nicht ankurbeln. Noch werden dadurch der US-Immobilienmarkt und der US-Bankensektor vor einer weiteren Kernschmelze bewahrt, aber sie droht.

derStandard.at: Welche Folgen hätte das?

Braml: Es ist nicht absehbar, was das für Folgen haben würde, denn Marktteilnehmer handeln im Krisenfall ähnlich rational wie Schafe.

derStandard.at: Im Klartext?

Braml: Die Marktteilnehmer und so genannten Analysten stürzen sich auf die Probleme in der Eurozone und beschäftigen sich im Vergleich zu dem, was in Amerika im Argen liegt, mit Nebensächlichkeiten.

derStandard.at: Der IWF schätzt, dass der Schuldenstand der USA von heute 100 Prozent des BIP nur auf 115 Prozent im Jahr 2016 steigen wird. Angesichts einer Neuverschuldung von zehn Prozent pro Jahr eine freundliche Untertreibung?

Braml: Auf diese kurze Sicht könnte man gutgläubig diese Prognose gutheißen. Aber auf lange Sicht muss die demographische Entwicklung genauer mit eingerechnet werden. Die sozialen Sicherungssysteme, die zwar nicht so ausgeprägt sind wie in Europa, werden künftig massiv überlastet, wenn immer mehr Babyboomer in Rente gehen. Hier muss dann auch die Lage der Bundesstaaten mit berücksichtigt werden. Die meisten dürfen keine Schulden machen, beschäftigen aber gleichzeitig enorm viele Staatsbedienstete, für deren Pensionsforderungen noch keine Rücklagen bereitgestellt und bilanziert worden sind.

derStandard.at: Was tut Washington?

Braml: Die Politiker in Washington mussten bereits wiederholt einschreiten, weil die Einzelstaaten ihren finanziellen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen können. Die Zahl der Langzeitarbeitslosen ist auf dem höchsten Stand seit 1948 und belastet die Arbeitslosenversicherung. Normalerweise werden die Leistungen vom Bund und den Einzelstaaten gemeinsam getragen. Doch die Kassen vieler Staaten waren bereits vor der Wirtschaftskrise leer, sodass ihnen Washington seit dem Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise wiederholt finanziell unter die Arme greifen musste.

derStandard.at: Was könnte also das Schuldenproblem beseitigen?

Braml: Inflation. Sie wird meines Erachtens von den Verantwortlichen in Regierung und Notenbank bewusst vorangetrieben. Doch Inflation und auch die Strategie, den Dollar billiger zu machen, haben ihre Grenzen. Amerika muss fürchten, dass mit dem Euro eine Konkurrenz zum Dollar entsteht.

derStandard.at: Trotz oder wegen der Schuldner-Kultur der USA?

Braml: Die USA haben die letzten Jahrzehnte sehr gut von ihrer Leitwährung gelebt. Dieses "exorbitante Privileg", wie es Giscard d'Estaing nannte, gilt, solange es keinen anderen sicheren Hafen gibt als den Dollar oder US-Anleihen. Aufgrund dieser Sicherheitsvermutung müssen die USA sehr viel weniger für ihren Schuldendienst zahlen als andere Länder.

derStandard.at: Das Ausland spielt hier fleißig mit.

Braml: Das Ausland gibt den USA seine Ersparnisse de facto zum Nulltarif. Die USA haben dieses Geld dafür genutzt, Gewinne zu erwirtschaften oder ihren Konsum auf Pump zu finanzieren. In den letzten Jahrzehnten, vor allem in den zwei Amtszeiten von Präsident George W. Bush, haben sich die Realeinkommen und die Kaufkraft der Amerikaner merklich verringert. Hinzu kommt die ungleiche Verteilung: Wenige haben sehr viel vom Einkommenskuchen erhalten; sehr viele mussten sich mit wenig zufrieden geben.

Wer keine anderen Mittel mehr zur Verfügung hatte, missbrauchte unter anderem auch sein Haus als Geldmaschine: Indem das Eigentum wiederholt beliehen wurde, konnten mit den Krediten auch andere Konsumgüter gekauft werden. Doch dieses dem Schlaraffenland entlehnte Prinzip basierte auf der riskanten Annahme, dass die Preise weiter steigen würden. Mit der Blase platzte dann jedoch für viele der amerikanische Traum vom eigenen Heim und vom grenzenlosen Konsum, der durch spekulative Immobilienwerte ermöglicht wurde. Mit den bekannten weltweiten Folgen.

derStandard.at: Welche Rolle spielt China?

Braml: China hat Amerika finanziert, damit seine eigene Währung niedrig gehalten und den eigenen Export in die USA angetrieben - kurz, die eigene Wirtschaft am Laufen und damit das eigene Regime stabil gehalten. Der Preis dafür ist, dass China heute in der Dollar-Falle hängt. China kann seine US-Anleihen nicht in größerem Umfang abstoßen, weil es sich selbst massiv schaden würde: indem es zum einen den Wert der Anlagen riskieren und zum anderen die eigene Währung aufwerten und die eigene exportgetriebene Wirtschaft gefährden würde.

Ein gradueller Ausweg wären Investitionen in anderen Ländern und Währungen. Die Chinesen haben bereits die Wirtschafts- und Finanzkrise 2007-2008 genutzt, indem sie ihre strategischen Energiereserven aufgebaut und weltweit Energieressourcen erworben haben. Sie werden wohl auch die Gunst der aktuellen Stunde nutzen und in Europa das eine oder andere strategisch wichtige Schnäppchen erwerben.

derStandard.at: Die USA begrüßten die Bereitschaft der EU, alle notwendigen Schritte zu unternehmen, um die Krise zu lösen. Eine finanzielle Beteiligung schließen die USA allerdings aus. Lippenbekenntnisse?

Braml: Die USA versuchen, den Europäern den Schwarzen Peter zuzuschieben, wiewohl wir wissen, wer die Wirtschafts- und Finanzkrise ausgelöst hat. Wir wissen auch, warum Länder wie Griechenland in die Eurozone aufgenommen wurden und welche amerikanischen Geldinstitute an den Gutachten und der Bewertung beteiligt waren. (derStandard.at, 30.11.2011)

JOSEF BRAML ist seit Oktober 2006 wissenschaftlicher Mitarbeiter des Programms USA / Transatlantische Beziehungen am Forschungsinstitut der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP). Er leitet außerdem die Redaktion "Jahrbuch Internationale Politik".

Zuvor war er u.a. wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung Wissenschaft und Politik (2002-2006), Consultant der Weltbank (1999), Guest Scholar der Brookings Institution (1998-1999), Congressional Fellow der American Political Science Association (APSA) und legislativer Berater im US-Abgeordnetenhaus (1997-1998).
Zu seinen Fachgebieten gehören u.a. Transatlantische Beziehungen, amerikanische Weltordnungsvorstellungen, Sicherheits-, Energie- und Handelspolitik der USA und wirtschaftliche Rahmenbedingungen und innenpolitische Faktoren amerikanischer Außenpolitik.

Im Februar kommenden Jahres erscheint Bramls neues Buch "Der amerikanische Patient" beim Siedler Verlag.

  • Josef Braml: "Die USA versuchen, den Europäern den Schwarzen Peter zuzuschieben, 
wiewohl wir wissen, wo die Wirtschafts- und Finanzkrise ihren Ausgang 
genommen haben."
    foto: dgap

    Josef Braml: "Die USA versuchen, den Europäern den Schwarzen Peter zuzuschieben, wiewohl wir wissen, wo die Wirtschafts- und Finanzkrise ihren Ausgang genommen haben."

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    Schwein haben oder Sau sein? Die USA schludern mit ihren Schulden, Euroländer werden abgestraft.

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