10 Jahre PISA

Studienautor bezweifelt Sinn der Teilnahme an PISA-Studie

29. November 2011, 14:49
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    foto: apa/jaeger

    Die PISA-Studie wurde 2001 das erste mal veröffentlicht. Zehn Jahre danach herrscht Skepsis über die Sinnhaftigkeit der Studie.

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    Die PISA-Ergebnisse der vergangenen zehn Jahre im Überblick.

Bildungswissenschaftler Hopmann: "Sagt nichts über Leistungen der Schüler"

Wien - Zehn Jahre nach Veröffentlichung der ersten PISA-Studie am 4. Dezember 2001 stellt Josef Lucyshyn, Direktor des für die Durchführung in Österreich zuständigen Bundesinstitut für Bildungsforschung (Bifie), im  die Sinnhaftigkeit einer weiteren Teilnahme Österreichs an der OECD-Studie infrage. "Warum nehmen wir an PISA wieder teil, wenn die Politik - und damit meine ich nicht die Unterrichtsministerin (Claudia Schmied, SPÖ), sondern die Regierungsparteien - seit zehn Jahren nicht wirklich bereit ist, Daten und Ergebnisse aus den Untersuchungen zur Kenntnis zu nehmen und nachhaltige Reformen umzusetzen?"

Der Bifie-Direktor kritisiert auch den Umgang mit den Daten. Er ortet einen ideologischen Missbrauch der Ergebnisse, wenn diese etwa im Streit darüber, welche Schulform die bessere sei, instrumentalisiert werden, obwohl sie in dieser Frage keine Empfehlung aussprechen. "Wenn Experten eine Interpretation der Daten mitliefern und Vorschläge unterbreiten, müsste sich die Politik auch ernsthaft mit diesen Daten auseinandersetzen. Sonst unterstützt sie nur eine Maschinerie, die mittlerweile weltweit ein Geschäftszweig geworden ist." 

"Politik drückt sich vor systemischen Reformen"

Für Lucyshyn erteilt PISA "ein beeindruckendes Zeugnis über Versäumnisse der österreichischen Bildungspolitik": Die Studien zeigten, dass die Leistungen in unserem Bildungssystem eher schlechter als besser werden, dass ein Drittel der Schüler "eine so verheerende Lesekompetenz hat, dass man eigentlich mit größter Sorge in die Zukunft blicken muss" und dass Kinder mit Migrationshintergrund und aus sozial schwächer gestellten Familien systematisch benachteiligt werden. Vor systemischen Reformen - aufeinander abgestimmte Maßnahmen im Bereich der Lehrpläne, der Unterrichtsgestaltung, der Lehrerausbildung, der Betreuung von Kindern an ganztägigen Schulformen oder in der frühkindlichen Erziehung - habe man sich "gedrückt", kritisiert er. 

Lese-Onkels als "Aktionismus"

Dafür brauche es nämlich einen politischen Konsens. Da sich die Wirksamkeit solcher Maßnahmen erst nach vielen Jahren zeige, könnten die Politiker ihren Reformerfolg politisch nicht mehr umsetzen. Deshalb würden stattdessen lieber "Kleinstmaßnahmen" wie z.B. Aktionen mit Leseonkel und -tanten gestartet. "Das ist gut für eine Schlagzeile, aber ein solcher Aktionismus bleibt an der Oberfläche und löst die Probleme nur scheinbar."

Auswirkungen der PISA-Ergebnisse auf das Schulsystem habe er - im Gegensatz zu Deutschland - in Österreich nur wenige wahrgenommen. Eine wichtige, indirekte Folge sei allerdings die Einführung der Bildungsstandards und der Zentralmatura. 

Schleicher zieht positive Bilanz

Der "Erfinder" der PISA-Studie, Andreas Schleicher zieht im Interview mit der APA eine positive Bilanz über die vergangenen zehn Jahre. "Vor PISA hatten Bildungssysteme den Blick nach innen und haben sich oft abgeschottet gegen die Außenwelt und gegen andere Bildungssysteme. Das hat sich sicherlich verändert, wir haben heute einen nach außen gerichteten Blick: Die Schulen schauen auf die nächste Nachbarschule, Lehrer auf andere Lehrer, Bildungssysteme auf andere Bildungssysteme", so Schleicher.

Im Gegensatz zu Lucyshyn sieht Schleicher sehr wohl Reformen in Österreich, die auf die Studie zurückgehen. "Ich glaube, auch in Österreich ist relativ viel passiert, von früher Förderung bis zur Neuen Mittelschule. Das alles sind Themen, die vorher sehr schwer zu diskutieren waren, weil es große ideologische Gräben gegeben hat. Da hat man heute eine objektivere Basis", sagt er. Noch deutlicher sehe man den Einfluss von PISA in Brasilien und Deutschland, wo sich "enorm viel verändert" hätte.

Hopmann: "PISA ist tot"

Bildungswissenschaftler Stefan Hopmann spricht im Interview mit der APA der PISA-Studie ab, ein wissenschaftliches Projekt zu sein. "Die PISA-Studie ist primär eine OECD-Strategie, um das bildungspolitische Thema am Kochen zu halten und die Mitgliedsländer zu mehr Investitionen im Bildungsbereich zu veranlassen. In diesem Sinne hat das ja auch durchaus funktioniert", sagt Hopmann. Die PISA-Studie würde nur klar machen, wie gut die Schüler und Schülerinnen im PISA-Test sind und nicht wie gut ihre Leistungen generell sind.

"Man kann mit solchen Tests nur das beschreiben, was ich in allen Ländern gleichzeitig testen kann und das ist ein relativ kleiner Ausschnitt aus der Breite des Wissens", so der Bildungsiwissenschaftler. PISA sei eine "Kartographie", wie ein bestimmter Typus Wissen in bestimmten Ländern verteilt ist. "Aber alles, was darüber hinausgeht - ob das das richtige Wissen für unser Land ist, ob die Schulqualität passend ist, das Zusammenspiel von Schule und Gesellschaft, Schule und Wirtschaft gut ist - kann PISA nicht beantworten", sagt Hopmann. PISA sei "jetzt schon tot", weil man mit solchen Daten "zwar die Leute erschrecken", aber nichts verbessern könne.

Schmied hält an Studie fest

Für Unterrichtsministerin Claudia Schmied kommt ein Ausstieg Österreichs aus der PISA-Studie nicht infrage. "Ich nehme die OECD sehr, sehr ernst und will die Zusammenarbeit weiter intensiv gestalten", so die Ministerin. "Die Studien sind für mich eine zentrale Grundlage, um Bildungspolitik faktenbasiert zu argumentieren und ein wesentlicher Faktor, um sie von ideologischen Fesselungen zu befreien." (APA)

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1 2
Balalon
00
Lese-Onkels...

Auweia.

sonne-licht
 
10
8.12.2011, 16:26
bildung eines bildungswissenschaft(l)er?

"Aber alles, was darüber hinausgeht - ob das das richtige Wissen für unser Land ist, ob die Schulqualität passend ist, das Zusammenspiel von Schule und Gesellschaft, Schule und Wirtschaft gut ist - kann PISA nicht beantworten", sagt Hopmann.

genau das sagt es aus, das es bei uns nicht funktioniert!

also wenn bildungswissenschaft(l)er einfache dinge nicht verstehen können, wundert es mich nicht wenns dann in der bildungspädagogik kindern auch nichts beigebracht werden kann!

wie würde dieser bildungswissenschaft(l)er über pisa-studie denken wenn österreich an erster stelle wäre?

mountaineer
02
7.12.2011, 17:41

Am Sinn der PISA-Studie muss man zweifeln, aber daran, dass die NEUE MITTELSCHULE ein Sprung zurück auf die Bäume ist, daran gibt es keinen Zweifel, denn wer wünscht sich den Zweiten Klassenzug der Hauptschule zurück? Wenn das ganze aber als "NEUE MITTELSCHULE" verkauft wird, schluckt man plötzlich die bittere Pille!

videoopa
00
7.12.2011, 11:36
Sach+Sozial+Selbstkompetenz statt PISA Mathematik

http://www.youtube.com/videoatta... 1_8QMzYmoE

potz
02
4.12.2011, 20:34

das ist halt immer das ernuechternde wenn man als wissenschafer mit der politik in kontakt kommt: politik und wahrheit gehen einfach nicht zsam.

in der politik zaehlt der besoffene wirtshaustischaltpräsigedankenf**z noch immer mehr als eine nachgewiesene tatsache, solange der präsi ein paar zerquetschte stimmen bringt.

f.j.neffe
 
01
4.12.2011, 14:38
PISAken wir doch lieber mal nach oben als nach unten!

Unsere "Tests" sind nur dazu angelegt, ständig das alte System zu reproduzieren. Sie kommen immer VON OBEN HERAB und sind VON UNTEN HINAUF "undenkbar".
Als Ich-kann-Schule-Lehrer meine ich aber sehr wohl, dass man auch einmal VON UNTEN HINAUF TESTEN sollte. Das ist schon überüberfällig.
Ich grüße freundlich.
Franz Josef Neffe

konichiwa
 
01
30.11.2011, 14:44

Mich würde ja mal interessieren wie das Ergebnis der PISA-Studie unter Erwachsenen aussehen würde.

Rosa Stahl
00
30.11.2011, 16:56

Bezirksweise verschieden.

ingeniosus
02
30.11.2011, 13:39
Motivation zu Bildung ist das Ziel

Wenn die Bildung gefördert werden soll, ist die PISA-Studie eben nicht geeignet. Sie bewirkt ja, dass wir die Freude an Bildung verlieren und nicht dass die wahren Gründe der schlechten Ergebnisse aufgedeckt werden.
Reine Beschäftigungstherapie ist in der Bildungspolitik zu wenig.
Wenn das abgefragte Wissen in Österreich nicht wichtig ist, ist die Teilnahme an der Pisa-Studie für Österreich eher mehr Schaden als Nutzen.
Eine Alternative besteht nur darin, dass man die teilnehmenden Schüer auch entsprechend vorbereitet, sonst bleibt es bei der Negativwirkung.

videoopa
00
7.12.2011, 11:38
Tethys
01
30.11.2011, 14:09
Wenn das abgefragte Wissen in Österreich nicht wichtig ist

Da ging es um sinnerfassendes Lesen, grundlegende Rechenaufgaben usw.

Inwiefern soll das für Österreich nicht "wichtig" sein?

stretfordender
02
30.11.2011, 12:13
Danke, Hr. Hopmann!

aber das darf man in Österreich nicht zu laut sagen, sonst verliert Rot-Grün sein Argument (?) für die Gesamtschule.
Lustig dazu ja auch die Aussage von Schmied, sie wolle die Bildungspolitik von ideologischen Fesselungen befreien, während sie in Wirklichkeit genau das Gegenteil tut.

|]3R |-|3RR |]1R3K70R
20
30.11.2011, 13:17

man kann blidung nicht von ideologie trennen... jeder der etwas anderes behauptet ist ein heuchler... den die qualität der bildung wird ja mit blick auf ein gewolltest ergebnis, welches ideologisch gewählt ist, bewertet.

stretfordender
00
30.11.2011, 13:34

kann ich eigentlich vollinhaltlich unterschreiben :)

1116er
00
30.11.2011, 11:28
dass ein Drittel der Schüler "eine so verheerende Lesekompetenz hat, dass man eigentlich mit größter Sorge in die Zukunft blicken muss"

diese mangelnde kompetenz lässt sich mit keiner bildungsreform beheben.

hingegen würden sanktionen gegen die eltern von leseschwachen kindern wunder wirken!

ps.: ICH habe zu weihnachten noch bücher geschenkt bekommen und diese mangels spielekonsole und ähnlicher dinge sogar GELESEN. (gibt es eigentlich noch die viel kritisierten "schundheftl", die ich mit meinen schulfreunden getauscht habe?)

Radio Eriwan
27
30.11.2011, 05:59
Lauter kleine Banker

Hopmann spricht verschämt von einem anderen Wissenstypus. Stellen wir doch klar: Der OECD geht es um die globale Ökonomisierung von Bildung. Im Prinzip soll in den Pflichtschulen die Allgemein- durch Berufsvorbildung ersetzt werden. Die Bankerin auf dem Ministersessel ist sich natürlich nicht zu schade bei dieser neuen Internationalen hurtig mitzuwirken. Ist sie auf das verlogene Wortgeklingel der OECD-Macher hineingefallen? Die Sozialisten waren in dieser Richtung freilich immer schon affin, mit Kreisky als großer Ausnahme. Bloß, geistig schwächelnd haben die Hochroten den zwischenzeitlichen globalen ökonomischen Wandel nicht mitbekommen und vermögen ihm auch keinen neuen Widerstandsbegriff entgegen zu setzen. Reine Mitmach-Sozialisten!

videoopa
00
7.12.2011, 11:39
richtig!

Nach Pisa,Pirls kommt Bologna
was kommt noch ?
http://www.youtube.com/videoatta... 1_8QMzYmoE

Nathaniel Winerib
10
29.11.2011, 23:31

Wie beim Songcontest: Weil wir eh dauernd Vorletzter werden, machen wir gleich gar nicht mehr mit...

D/E
06
30.11.2011, 12:35
Bei PISA sind wir nicht annähernd "Vorletzte".

Doch was die Relevanz des "Bewerbs" betrifft, kann man ihn sehr wohl mit dem europaweiten Wettjaulen vergleichen.

Freu dich - es gibt Keinen der dich liebt
14
29.11.2011, 21:42
Aus dem selben Grund

könnte Österreich dann die Teilnahme an der Fussball Weltmeisterschaftsqualifikation verweigern

milk for breakfast
00
29.11.2011, 22:46

bzw könnte man österreich wie bei der weltmeisterschaft einfach ausschließen..

wg 1980
00
29.11.2011, 20:36
Offenbar werden nur die unfähigsten unter den Politikern Minister...

Nach ernsthaften Hearings oder ACs oder gar nach der Eignung wurde keiner dieser .... Regierungsmitglied.

normal citizen
05
29.11.2011, 20:24
Den Lehrern meine Hochachtung

fast alle leisten tolle Arbeit, für die sie zuwenig Anerkennung erhalten.

Leider überlassen die Lehrer ihr Feld der Öffentlichkeit
ausschliesslich den Gewerkschaften, die unter Bildung nur die Gehaltsbildung verstehen und in der Öffentlichkeit das Bild der Arbeitsscheuen zeichnen.

Schade

moki328
11
30.11.2011, 00:39
Danke! Leider gibt es keine Öffentlichkeit für die engagierten Lehrer!

So sehr ich die Reformmaßnahmen unter Bildungsministerin Schmied schätze, so hat sie doch auch das Feld für eine kreative Zusammenarbeit mit engagierten Lehrkräften zerstört, als sie 2 Unterrichtsstunden zusätzlich an Gratisarbeit verlangte und die Lehrer samt und sonders dem Boulevard zum Fraß vorwarf. Reformschritte durchzusetzen wäre wesentlich einfacher, wenn man die Lehrer einbinden würde und nicht von oben herab arbeiten würde. Also genauso mit Lehrern umginge, wie man erreichen will, dass sie dies mit Schülern tun. Produktive Wettbewerbe, Teamarbeit fördern etc. Führungsmethoden wie sie in der Privatwirtschaft funktionieren sind in der Bildungspolitik kontraproduktiv.

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