Zweiter Wahltag in Ägypten

"Verzeiht die Fehler, das ist neu für uns"

Anna Giulia Fink aus Kairo, 29. November 2011, 13:51

Innenministerium entschuldigt sich für Fehler bei Wahl - Erste Berichte über chaotischen Wahlverlauf

Kairo - Das ägyptische Innenministerium hat sich am Dienstag für die Fehler rund um die seit Montag stattfindenden Parlamentswahlen in Ägypten entschuldigt, berichtet die unabhängige ägyptische Tageszeitung Al-Shorouk. „Verzeiht uns die Fehler. Das ist eine gänzlich neue Erfahrung für ganz Ägypten", wird ein Sprecher zitiert.

"Fehler"

Zur Wahlbeobachtung eingeteilten Richtern wurde nicht mitgeteilt, in welchen Wahllokalen sie beobachten sollten; gar keine oder nicht ausreichend Stimmzettel; vertauschte Dokumente; nicht vorhandener Schutz durch die Armee - dafür macht die High Elections Commission (HEC), die die Wahlbeobachtung durchführt, das Innenministerium. HEC-Chef Abdel Moez Ibrahim sagte: „Wir werden uns nicht entschuldigen. Es ist klar, wer die Schuld an den Verspätungen trägt - sie sollen sich auch entschuldigen."

Auch von Wahlbetrug ist immer wieder die Rede. So sperrten Mitarbeiter der HEC in Armant al-Heit in Luxor ein Wahllokal, nachdem sie einen Polizisten beim Ankreuzen eines bestimmten Kandidaten auf mehreren Stimmzetteln erwischt hatten. Der Richter Tharwat Ahmed Helmy, Wahlbeobachter in der Volksschule in Helwan (Kairo), hat der HEC gemeldet, dass ein Mitglied der Muslimbrüder versucht habe, ihn zu bestechen. Der Richter ist allerdings nicht zu weiteren Stellungnahmen bereit.

Einen ersten Lagebericht gibt auch der ägyptische Ableger der NGO One World ab. Der NGO zufolge benötigten die Ägypter im Durchschnitt fünf Minuten zum Wählen. Das ist lange, aber auch nicht verwunderlich angesichts der riesigen Stimmzettel: 6.700 Kandidaten standen insgesamt zur Wahl, über 40 Parteien traten an (mehr dazu hier). Da ähneln sich nicht nur die Namen der Parteien, sondern auch deren Logos. Und weil irgendwann die Ideen ausgingen, dienen am Schluss auch Basketbälle und Handtaschen als Parteisymbole.

Verbotene Wahlwerbung

Die Wahlwerbung musste zwar offiziell am Sonntagabend eingestellt werden, doch am Tag der Wahl selbst waren die Parteien rund um die Wahlstationen aktiv. Vor allem die Muslimbrüder machten bis zuletzt Werbung. Auch die radikal-islamischen Salafisten verteilten Essen an die Wähler, Wahlhelfer sowie die Armee, unter anderem in Agamy, Alexandria. Alexandria gilt als Hochburg der Salafisten. Auch für das säkulare Wahlbündnis "Ägyptischer Block" ging der Wahlkampf mancherorts weiter, etwa in Boulaq Abul Ela, Kairo, wo sie Decken und Essen ausgaben.

Prozedere

Am Ende des Wahlprozesses versiegeln Richter die Wahlurnen mit Wachs und übergeben sie anschließend Armeeangehörigen, heißt es bei One World. In manchen Fällen wurden am Montag Polizisten mit dieser Aufgabe betraut. In Luxor überwachten einige Richter selbst die Urnen. Die Wahllokale erhielten am Montag angesichts des enormen Ansturms an Wählern die Erlaubnis zwei Stunden länger geöffnet zu haben. Leider bekamen das nicht alle Richter mit: In Alexandria drang diese Information nicht zu allen Richtern vor, wodurch Wahllokale früher zusperrten. Die meisten Wahllokale wurden schon eine halbe Stunde bis hin zu zwei Stunden vor dem Ende (21 Uhr Ortszeit) geschlossen.

Einige Wahllokale blieben sogar gänzlich geschlossen, darunter jenes mit der Nummer 783 in der Khaled Ibn al-Waleed Schule in Helwan, Kairo. In einigen Wahllokalen reichten die Stimmzettel nicht aus, in zweien wurden sie vertauscht. In Hamoul, Kafr al-Sheikh, schlossen Soldaten das Wahllokal nach einem Bericht über abgegebene Schüsse. Die Schule wurde geschlossen, nach Waffen durchsucht, die umliegenden Straßen abgesperrt.

Angekreuzte Stimmzettel

In Assiut öffneten Richter der Wahlstationen 220 und 229 um 20.45 Uhr Ortszeit erneut die Wahllokale, nachdem Wähler vor der Tür darauf bestanden hatten. Es gibt auch eine Reihe Berichte, wonach einige Wähler gleichzeitig anstatt der Reihe nach wählten, etwa in einer Schule in Assiut. Ebenfalls in Assiut, in der Wahlstation 107 in der Al-Nasr Schule, erhielten Wähler bereits angekreuzte Stimmzettel.

Ahmed Fawzy, Chef der NGO „Egyptian Association for Community Participation Enhancement", sprach gegenüber der Tageszeitung Al Masry Al Youm von bestimmten Parteien, die Verzögerungen provoziert hätten. Er präzisierte allerdings nicht, welche Parteien er damit genau meinte. Der Richter Tharwat Ahmed Helmy, Wahlbeobachter in der Volksschule in Helwan (Kairo), hat der HEC gemeldet, dass ein Mitglied der Muslimbrüder versucht habe, ihn zu bestechen. Der Richter ist allerdings nicht zu weiteren Stellungnahmen bereit.

Unterschiedlich hohe Wahlbeteiligung, enormer Andrang

Der Wahlandrang schien enorm zu sein, allerdings gibt es noch keine offiziellen Angaben über die Wahlbeteiligung. Der stellvertretende Gouverneur Kairos geht von bis zu 80 Prozent Wahlbeteiligung in Kairo aus, schreibt die Al Ahram. Seine Quellen nannte er allerdings nicht. Die Muslimbrüder schätzten die Wahlbeteiligung am Montag auf 30 bis 32 Prozent ein. Die höchste Wahlbeteiligung hätten sie bisher mit 46 Prozent in Port Said gemessen, für Kairo vermeldeten sie mit 26 Prozent die zweitniedrigste.

Allerdings sind diese Zahlen mit Vorsicht zu genießen. Die High Elections Commission machte noch keinerlei Angaben. Bisher hieß es vonseiten der HEC nur, dass der Wahlandrang "enorm" und "unerwartet" gewesen sei. Sieben Stunden Warten auf die Stimmabgabe stellten am Montag keine Seltenheit dar. Die Carter Stiftung, die einzige Wahlbeobachtermission aus dem Ausland, die zu den Wahlen zugelassen wurde, war trotz mehrmaliger Versuche nicht für eine Stellungnahme erreichbar.

Die Wahllokale sperrten am zweiten Tag der Wahlen bereits um sieben in der Früh Ortszeit auf, innerhalb kürzester Zeit bildeten sich lange Schlangen um die Wahllokale. Es sind die ersten freien Wahlen seit mehr als 80 Jahren. Die meisten Ägypter gehen von einem Wahlsieg der Muslimbrüder aus. Erste Ergebnisse werden Ende der Woche erwartet. (fin, derStandard.at, 29.11.2011)

Commander Echelon
01
30.11.2011, 02:37
bitte nochmal vorm veröffentlichen durchlesen:

...dafür macht die High Elections Commission (HEC), die die Wahlbeobachtung durchführt, das Innenministerium.

istmirnichtmehrschnuppe
00
29.11.2011, 21:52
zum thema fehler

der junge offizier, der vor ein paar tagen durch ein video sehr bekannt wurde, wo er gezielt auf die augen unbewaffneter demonstranten zielte, und dabei offensichtlich erfolgreich war. nachdem sein name, adresse, tel.nr. bekannt wurden, wurde er offiziell vom innenministerium festgehalten bis zu einem antrag d. staatsanwaltschaft auf eine auslieferung und untersuchung. der antrag wurde gestellt, ist aber lt. polizei nie angekommen. die staatsanwaltschaft bestätigt antragstellung, stellungnahme d. innenministers: der offizier ist wohl getürmt, ob in- od. auland unbekannt. ein verdächtiger polizei offizier in sicherheitsverwahrung des innenministeriums ist unauffindbar! übersetzt: er u. seine familie werden v. der polizei gedeckt u. versteckt

Moe Joe1
00
30.11.2011, 01:45
Na no na net!!

Er war ja nur ein Handlanger seiner Befehlsgeber!!!

salman
 
01
29.11.2011, 18:58

Al- Jazeera verherrlicht die Wahlen, spricht von ca. 70% Wahlbeteiligung (ich will das nicht abstreiten), kein Wort über Manipulationsmöglichkeiten.

Die Leser in den Internetforen der großen arabischen Fermsehsender Zeitungen bejubeln ihre "Mutter der Welt" (die bescheidene Selbstattributierung der Ägypter).

O5
00
30.11.2011, 05:17

Naja, vergessen Sie nicht dass das in der arabischen Welt ja wirklich ein Novum ist. Und Ägypten als traditionelles kulturell-sozial-mediales Zentrum der arabischen Welt nutzt das natürlich auch aus - aber das ist ja noch nichts schlechtes.

Für den Staat Qatar ists übrigens durchaus interessant wenn sein Fernsehsender euphorisch über die Segnungen der Demokratie berichtet ;-)

Aber so richtig spannend wirds erst nach der Wahl - denn viele Leute dort sind mangels Demokratieerfahrung natürlich sehr naiv und glauben dass jetzt automatisch Milch und Honig fließen, es keine Korruption und Arbeitslosigkeit mehr geben wird, usw.

Die "Mühen der Ebene" kommen auf die Ägypter erst zu.

Aber dennoch: eindeutig ein Schritt in die richtige Richtung.

2010sdafrika
00
29.11.2011, 18:53
Ägypter müssen Demokratie erst lernen

Die Ägypter sind bestrebt, eine Demokratie einzuleiten. Die konkrete Rolle des Militärs jedoch bleibt nach wie vor ungewiss. Es bleibt nur zu hoffen, dass Ägypten genauso wie Tunesien die Schwelle zur Demokratie so reibungsfrei wie möglich überqueren kann: http://wp.me/pNjq9-3jP.

salman
 
00
29.11.2011, 18:49

Das Volks wird - zumindest kurzfristig erfolgreich - eingeschläfert.

Ich rechne mit massiver Wahlfälschung bzw. Manipulation (was ja bereits gegeben ist, wenn verschiedene Parteien sich nicht an Flyer- und Werbeverbote halten). Abgesehen davon gibt es mit Sicherheit Stimmenkauf en masse etc.

In Ägypten noch überhaupt keine funktionierenden Kontrollinstanzen, der Militärrat wird eigene Leute auszählen lassen ...

Wahlen sind in der Tat das geschickteste Mittel, um der Bevölkerung Freiheit zu suggerieren.

Wenn die Entschiedungsträger was verbocken, dann heißt es immer: ihr habt sie gewählt, ihr könnt ja auch eine andere Partei wählen.

Mitgehangen mitgefangen.

Dark Angel
 
03
29.11.2011, 14:44
Die Carter Stiftung, die einzige Wahlbeobachtermission aus dem Ausland, die zu den Wahlen zugelassen wurde

Warum wurde die UNO nicht mit der Aufgabe betraut? Eine Legimitation der Wahlen durch die UNO wäre eine Art Garantie-Siegel.

NONE
14
29.11.2011, 16:10

Weil das Militärregime die Macht nicht abgeben möchte.

Man sollte unverzüglich weiter demonstrieren.

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.