Der letzte jugoslawische Premier ist tot

29. November 2011, 11:35

Ante Marković wurde Ende 1989 zum letzten Ministerpräsident Jugoslawiens gewählt. In seiner kurzen Amtszeit versuchte er alles, um das Projekt Jugoslawien am Leben zu erhalten

Der Schriftsteller Miljenko Jergović sagte in einem Interview, Bosnien sei ein Land der großen Vollidioten, aber auch ein Land der großen Persönlichkeiten. Was für das ganze Land gilt, dürfte auch für seine Städte zutreffen. Aus der kleinen bosnischen Stadt Konjic, die zwischen Sarajevo und Mostar gelegen ist, stammen zwei Männer, ethnische Kroaten, die Eingang in die Geschichte des jugoslawischen Raums gefunden haben: der eine, wie kaum ein anderer, wegen seiner Missetaten, der andere auf Grund seiner guten Taten, die eher angedeutet als vollständig ausgeführt wurden. Wie es die Ironie der Geschichte will, tragen beide Männer denselben Vornamen. Der erste hieß Ante Pavelić, er war von 1941 bis 1945 Staatsführer des großkroatischen Ustascha-Staates. Der andere war Ante Marković, letzter Regierungschef der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien.

Die Nachricht vom Ableben Ante Markovićs wurde am 28. November 2011 verkündet, nur einen Tag vor dem größten jugoslawischen Feiertag, dem Tag der Republik, dem 29. November. An diesem Datum war im Jahr 1943 in der zentralbosnischen Stadt Jajac der Grundstein für das sozialistische Jugoslawien gelegt worden.

Ante Marković wurde Ende 1989 zum Ministerpräsident Jugoslawiens gewählt. Die Berliner Mauer war schon gefallen; die Welt, in der Jugoslawien eine Brücke zwischen Ost und West gebildet hatte, war im Verschwinden begriffen. Nach Titos Tod im Jahr 1980 bestimmten ein Jahrzehnt lang Hyperinflation, Stromausfälle, Benzinknappheit, Mangel und Armut das Alltagsleben in Jugoslawien.

All dies zauberte Ante Marković weg. Unter Marković wurde die jugoslawische Währung, der Dinar, zum ersten Mal in der Geschichte stabil und konvertibel. Das Verhältnis des Dinars zur Deutschen Mark betrug während seiner kurzen Amtszeit 7:1, so viel wie das Verhältnis des österreichischen Schillings zur Deutschen Mark. Dieser Währungskurs galt noch lange als Symbol für eine Zeit, in der man sich mehr denn je und mehr denn jemals wieder als dem reichen Teil der Welt zugehörig fühlte.

Während Marković versuchte, auf der Ebene der Föderation Wirtschaftsreformen durchzuführen, erstarkte auf darunterliegenden Machtebenen der Nationalismus. Trotz ihrer großen Differenzen erkannten der Präsident Serbiens Slobodan Milošević und der Präsident Kroatiens Franjo Tudjman in Ante Marković einen gemeinsamen Feind. Im Wissen um den voranschreitenden Zerfall des kommunistischen Systems gründete Marković eine eigene politische Partei: Den "Bund der Reformkräfte Jugoslawiens". Jugoslawien zerfiel jedoch noch vor der ersten Mehrparteienwahl auf Föderationsebene.

Die größte Unterstützung genoss Marković ausgerechnet in Bosnien und Herzegowina. Anfang der Neunziger Jahre zählten viele Prominente zu seinen Parteimitgliedern, wie zum Beispiel der Regisseur Emir Kusturica, der Rockstar und Komponist Goran Bregović, der Dichter und Drehbuchautor Abdulah Sidran, der erfolgreiche Unternehmer Milorad Dodik (heutiger Präsident der Republika Srpska). Trotz seiner Celebrity-Kandidaten erlitt Markovićs Partei bei der Wahl in Bosnien und Herzegowina im November 1990 eine Niederlage.

Als der Krieg ausbrach und Jugoslawien zerfiel, zog Marković nach Österreich, wo er als Consultant arbeitete. Nach dem Krieg initiierte er unternehmerische Projekte in vielen Teilen des Landes, dessen Ministerpräsident er einst gewesen war, aber seine Bemühungen waren nicht von sichtbaren Erfolgen gekrönt. Dennoch erfreute er sich großer Beliebtheit, insbesondere in Bosnien und Herzegowina, unter anderem deshalb, weil er offen davon sprach, wie Milošević und Tudjman vor ihm zugegeben hatten, Bosnien und Herzegowina aufteilen zu wollen.

Im Herbst 2011, während in ganz Europa zahlreiche Konferenzen über den Zerfall Jugoslawiens abgehalten wurden, starb ihr letzter Premier. Heute ist der Tag der Republik, und der Alte hat was getrunken - so lautete eine Songzeile vor mehr als 20 Jahren bei Nele Karajlić, dem Frontman der Sarajevoer Band Zabranjeno pušenje. Heute werden vielleicht auch einige auf Ante Marković, den letzten Premier der jugoslawischen Republik, trinken. (Muharem Bazdulj, 29. November 2011, daStandard.at)

Bei Todesfällen ist das Forum geschlossen.

Share if you care.