Absage als Protest gegen den NATO-Angriff, bei dem mehr als 20 pakistanische Soldaten getötet wurden
Islamabad/Berlin - Pakistans Regierung hat den
angekündigten Boykott der Afghanistan-Konferenz in Bonn offiziell
bestätigt. Vor dem Hintergrund des jüngsten NATO-Angriffs auf
pakistanische Militärposten im Grenzgebiet zu Afghanistan mit 24
Toten habe die Regierung am Dienstag entschieden, "nicht an der
Konferenz teilzunehmen", heißt es in einer in Islamabad verbreiteten
Erklärung des Büros von Premierminister Yousaf Raza Gilani. Berlin
versucht Islamabad doch noch zur Teilnahme an der
Afghanistan-Konferenz in Bonn bewegen.
Die Entscheidung sei bei einer Sondersitzung des Kabinetts
getroffen worden. Es habe Einigkeit geherrscht, dass es sich bei dem
NATO-Angriff um eine "einseitige inakzeptable Operation" gehandelt
habe.
Gleichzeitig bekräftigte die Regierung ihre Unterstützung für den
Friedensprozess im Nachbarland Afghanistan sowie einen von den
Afghanen geführten Prozess der Aussöhnung. Daher hoffe Pakistan, dass
die internationale Gemeinschaft bei der Konferenz am kommenden Montag
an ihrer Unterstützung für "Frieden und Entwicklung in Afghanistan"
festhalte, heißt es in der Erklärung weiter. Pakistan erwarte, dass
die Konferenz am kommenden Montag einen Erfolg wird.
Berlin versucht Islamabad doch noch zur Teilnahme zu bewegen
Die deutsche Regierung will Pakistan doch noch zur Teilnahme an
der Afghanistan-Konferenz in Bonn bewegen. "Wir haben immer gesagt,
dass die Konflikte nur in der Region gelöst werden können, und
Pakistan ist Teil dieser Region. Deshalb sind wir natürlich sehr
betrübt darüber, dass heute diese Absage kam. Wir werden sicherlich
auch noch einmal schauen, ob das noch revidiert werden kann", sagte
die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel am Dienstag in Berlin.
Merkel wird zur Eröffnung der mit viel Aufwand organisierten
internationalen Tagung reisen, die am 5. Dezember beginnt.
Merkel erklärte: "Ich verstehe die Sorge Pakistans über die Tötung
von Menschen durch NATO-Truppen. Aber das sollte doch nicht den Blick
dafür verstellen, dass diese Afghanistan-Konferenz zehn Jahre nach
der Konferenz in Bonn eine sehr wichtige Konferenz ist."
Seit Beginn des internationalen Militäreinsatzes in Afghanistan
vor rund zehn Jahren starben in Pakistan noch nie mehr Menschen bei
vergleichbaren Vorfällen mit NATO-Beteiligung. Pakistans Regierung
verurteilte die Attacke und kündigte eine Überprüfung ihrer
Zusammenarbeit mit der NATO und den USA an. Wichtige
Nachschublieferungen aus Pakistan an die NATO-geführten ISAF-Truppen
in Afghanistan wurden ausgesetzt.
Untersuchungskommission unter General Stephen Clark
Die US-Armee kündigte indes an, dass eine Untersuchungskommission
unter Leitung des Generals Stephen Clark aus Florida bis zum 23.
Dezember einen Bericht zu dem Angriff auf den Armeestützpunkt
vorlegen solle. Ein Sprecher von US-Präsident Barack Obama hatte die
Attacke am Montag als "Tragödie" bezeichnet und für eine weitere enge
Zusammenarbeit zwischen seinem Land und Pakistan geworben.
EU-Außenministerium Catherine Ashton erklärte am Dienstag bereits
vor dem Bekanntwerden der Entscheidung über den Boykott der Bonner
Konferenz, Pakistans könne "eine entscheidende Rolle bei der Lösung
des afghanischen Konflikts spielen". Ein Sprecher des afghanischen
Außenministeriums rief Islamabad nach der Entscheidung ebenfalls zur
Teilnahme an dem Treffen auf. "Wir hoffen, dass unsere pakistanischen
Brüder dabei sein werden", sagte er.
Die Absage Pakistans gilt als schwerer Rückschlag für die
Bemühungen, den Konflikt im Nachbarland Afghanistan langfristig zu
beenden. Ohne die Unterstützung Pakistans gilt es als extrem
schwierig, Frieden und Stabilität am Hindukusch zu erreichen.
Ursprünglich wollte Außenministerin Hina Rabbani Khar die
pakistanische Delegation in Bonn anführen. Dort will die
internationale Gemeinschaft über die Zukunft Afghanistans nach dem
Abzug der NATO-Kampftruppen Ende 2014 beraten. Es werden Delegationen
aus 86 Ländern und von 16 internationalen Organisationen erwartet.
Neben der pakistanischen Außenministerin haben 53 weitere
Außenminister ihre Teilnahme zugesagt. (APA)