Mittelslowakei

Wem die vielen Münzen klingeln

29. November 2011, 16:30
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    foto: mbi5/wikipedia.org

    Die slowakische Stadt Kremnica ist seit dem Mittelalter durch die Gold- und Silberfunde im umliegenden Bergland ein Zentrum der Münzprägung. Selbst Lenin suchte hier um Kredit an.

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    foto: floren

    Von Wien aus erreicht man sowohl Kremnica als auch Banská Stiavnica mit dem Auto in rund zweieinhalb Stunden. Man fährt Richtung Bratislava, dann weiter auf der Autobahn über Nitra. Ebenfalls fahren stündlich Busse von Bratislava ab: cp.atlas.sk/.

    Die Münzprägeanstalt Kremnica befindet sich direkt am Hauptplatz - www.mint.sk - direkt gegenüber vom urigen Wirtshaus "Floren".

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    foto: pivovar erb

    Wer in Banská Stiavnica exzellentes Stark- oder Rauchbier trinken will, sollte dies im "Pivovar Erb" tun, das eine eigene Mikrobrauerei besitzt. Die Holzkirche in der Gemeinde Hronsek (Adresse: 976 31 Hronsek) ist täglich von 10 bis 17 Uhr geöffnet (Tel.: 00421 /481 881 65).

Eine Städtereise zu den Nachbarn: Historische Ortschaften und das Erzgebirge prägen das herbstliche Bild der Mittelslowakei

Seit Jahrhunderten rattern hier die Maschinen und klimpern die Edelmetalle: Ja, die Münzprägeanstalt in Kremnica ist der volle Stolz der Region. Kein Wunder, stellt sie doch seit dem Jahre 1328 Münzen her - und ist damit die älteste Münzprägeanstalt der Welt. In jüngerer Vergangenheit wurden hier die Währungen von rund 60 Ländern produziert, unter anderem die slowakischen Euromünzen, der nordkoreanische Won und der Somalia-Schilling. Besucher können hier neben Sonderausstellungen im Münzmuseum den kompletten Produktionsprozess von der rohen Silberplatte bis zur fertigen Münze nachvollziehen.

In der mittelalterlichen Bergstadt Kremnica dreht sich immer noch alles um das Silber und Gold, das seit etlichen Jahrhunderten von den umliegenden Bergwerken gefördert wurde. Das slowakische Erzgebirge galt unter den ungarischen Herrschern und später den Habsburgern als Geldquelle, was das mondäne Stadtbild immer noch bezeugt. Das Gold zog unter anderem auch die Freimaurer an, die aus Kremnica einst ein europäisches Epizentrum für liberales Gedankengut machten. Der 5500 Einwohner zählenden Stadt haftet noch immer ein internationaler Flair an: Die Bergleute waren einst vornehmlich Deutsche, die Kartoffelbauern Ungarn, für die Architektur waren Italiener zuständig und Slowaken für die Münzprägung.

Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts reiste schließlich auch der russische Journalist Wladimir Uljanow nach Kremnica um nach finanzieller Unterstützung für eine politische Revolution zu bitten. Die Bitte wurde Uljanow, besser bekannt als Lenin, verwehrt, und so zog er weiter in die Schweiz. Der Rest ist Geschichte.

Wer diesen und weiteren Anekdoten lauschen möchte, kehrt am besten gegenüber der Münzstätte ins Gasthaus "Floren" ein. Dessen Besitzer Viliam Janovsky ist ein wandelndes Geschichtsbuch und hat eine ebenso turbulente Geschichte hinter sich wie seine Heimatstadt, die für ihn die schönste der Welt bleibt.

Diesen Titel streitig machen könnte ihr aber auch das etwas doppelt so große Banská Stiavnica, die älteste Bergstadt der Slowakei und seit 1993 Weltkulturerbe der Unesco. In den Straßen von Banská Stiavnica herrscht noch immer mittelalterliches Flair, die Häuserfassaden sind sorgfältig restauriert worden. Einen Überblick über Ort und Landschaft kann man sich am besten von der "Neuen Burg" aus machen, die im 16. Jahrhundert zum Schutz vor den Türkenangriffen erbaut wurde und einen einmaligen Panoramablick gewährt.

Bei all der architektonischen Schönheit und Historie kann man sich nur wundern, wieso die Mittelslowakei touristisch vergleichsweise noch wenig erschlossen ist. Für die Reisenden erscheint dieser Missstand jedoch sehr reizvoll, so kann man hier flanieren oder wandern gehen, ohne Menschenmassen über den Weg laufen zu müssen. Und die Provinzialität bringt übrigens noch einen angenehmen Nebeneffekt mit sich: Sowohl Kremnica als auch Banská Stiavnica sind McDonalds-, Burger-King- und Starbucks-freie Zonen.

Obendrein ist das Gebiet, gemessen am österreichischen Preisniveau, wahnsinnig günstig. Wo sonst kann man ein Bier um einen Euro und deftige Speisen um fünf Euro bekommen? Apropos Bier: Das Wirtshaus "ERB" in Banská Stiavnica beheimatet seine eigene Mikrobrauerei, sodass man bei gediegenem Ambiente exzellentes Stark-, Räucher- oder Dunkelbier aus eigenem Hausanbau verkosten kann.

Ebenfalls bezeichnend für das zurückhaltende Tourismus-Marketing ist, dass in der Ortschaft Hronsek am Wegesrand eines Trampelpfades ganz unscheinbar und kaum ausgeschildert ein Weltkulturerbe der Unesco steht, nämlich eine Artikulare Holzkirche aus dem Jahr 1725. Kaiser Leopold I. sicherte damals der evangelischen Gemeinde den Bau der Kirche zu - jedoch nur unter fünf Bedingungen: Unter anderem musste der Bau komplett aus Holz erfolgen - nicht einmal Eisennägel durften verwendet werden - und innerhalb eines Jahres geschehen.

Entgegen den Erwartungen des Kaisers wurde die Kirche dennoch errichtet und steht heute noch in voller Pracht sowohl für Gottesdienste als auch Hochzeitsfeierlichkeiten zur Verfügung. Die 1100 Sitze im Inneren sind wie im Amphitheater angeordnet, sodass man von überall aus den Altar erblickt. Das Dach gleicht dabei einem kreuzförmigen, umgekehrten Schiffsrumpf. Die einmalige Architektur der Kirche macht sie zu einem ausgesprochenen Geheimtipp - von denen es so einige in der Mittelslowakei zu entdecken gibt. (Fabian Kretschmer/DER STANDARD/Printausgabe/26.11.2011)

Kommentar posten
11 Postings
yotix
 
00
1.12.2011, 14:18

Bier um einen Euro und deftige Speisen unter 5 Euro:
"Top Grill", am nordöstlichen Ende vom Yppenplatz in einer Seitengasse (parallel zur Ottakinger).

Mein erstes Gespräch dort war legendär ...
- "Einmal Leber bitte, und ein Bier"
[es kommt frisch gegrillte Leber, ein selbstgebackenes Brot, rohe Zwiebel, Krautsalat, Paradeiser, Salat, Knoblauchöl, und eine Dose Gösser]
- "Zahlen bitte"
- "vier neunzig"
- "das kann nicht stimmen, ich hatte eine Hauptspeise und ein Bier"
- "des passt, 2,90 die Portion Leber, 2 Euro das Bier, macht 4,90 ..."

... 5 Cevapcici oder ein Pleskavica kosten dort nur unwesentlich mehr.

Alois Kremnitzer
02
1.12.2011, 09:00
Notwendig für Europa

Ja, es ist wirklich erstaunlich, dass dieser Landstrich den Europäern noch weitgehend unbekannt ist: Kremnica - eine offizielle Münzprägeanstalt, die die gesamt Monarchie mit Münzen versorgte; Bansca Stiavnica - der Geburtsort der Montanuniversität Leoben; und Herr Janovsky - über den in den Archiven des ORF einige Unterlagen aus dem Jahre 1968, als der Aufstand in Prag und Bratislava niedergewalzt worden ist, zu finden sein müssten.
Neugierige Europäer sollten diesen Teil der EU wirklich nicht versäumen.

anne manner
00
1.12.2011, 08:49
ergänzung

Auch landschaftlich ist es dort unglaublich schön; ein Paradies zum Wandern (nicht Bergsteigen - die Tatra ist ein bisschen weiter) und Radfahren. Ganz in der Nähe ist außerdem Banska Bystrica, das ist wirklich schon eine Kleinstadt und auch sehr, sehr sehenswert. Insgesamt sicher ein langes Wochenende wert!!

Der Waehlerwille
 
00
30.11.2011, 17:08
und wems noch nicht aufgefallen sein sollte

der vergleiche diese architekturzone mit dem wald und weinviertel.

ps. kommt man zb über norddeutschland durch polen die slowakei runter nach Ö hat man bereits im süden polens das gefühl nach hause zu kommen.

M. P.4
 
05
29.11.2011, 22:18
Bei all der architektonischen Schönheit und Historie kann man sich nur wundern, wieso die Mittelslowakei touristisch vergleichsweise noch wenig erschlossen ist

Nein, nicht die Slowakei ist touristisch unerschlossen, sondern Länder wie Österreich überbeworben. Wenn Japaner und Amerikaner für ein Wochenende nach Salzburg einfliegen und auf "Sound of Music" Touren einem falschen Mythos nachlaufen, so liegt es nur am massiven und teuren Marketing einer sonst eher leeren Hülle (bezeichnend wieder die Werbeeinschaltung unter dem Bericht). Die ehemals kommunistischen Länder werden touristisch völlig unterschätzt, wer war schon in Danzig, oder Zamosc, Vilnius, Sibiu oder der Tatra? Schon allein wegen einer tendentiell negativen Berichterstattung (vermeintliche Kriminalität) haben die Westler Angst vor diesen Ländern. Sogar in Bratislava sind Autos mit Wiener Kennzeichen kaum anzutreffen.

Señor Mascarenas
00
1.12.2011, 13:43
Das stimmt nicht ganz.

Vielmehr liegt es daran, dass die touristische Infrastruktur in der Slowakei auf dem Niveau wie vor 25 Jahren ist (das bestätigen auch die Slowaken selbst) und die Preise unwesentlich niedriger als in Österreich sind.
Österreich ist jeden Euro wert - darum fahren auch die Slowaken nach Österreich in die Berge und nicht in die Tatra.

Flaumsen
03
30.11.2011, 15:09

vilnus bzw. die altstadt is wunderschön, kaunas detto, trakai ein mehr als empfehlenswerter halbtagesausflug

ich war auch schon in kremnica, is definitiv zu klein, um extra angereist zu werden (habs damals mit einem fussballspiel verbunden), die östlichen länder sind durch die bank besuchenswert, entspannte herzliche leute, alles um ein hauseck ehrlicher bzw. nicht so vertouristischt wie bei uns;
von den hübschen frauen, den großartigen getränken und durchwegs moderaten preisen mal abgesehen

aber für den gelernten österreicher, ist das alles gefährlicher no-go ostblock; mich störts nicht 1) freuen sich die leute um so mehr, wenn mal ein österreicher kommt und 2) muss man sich wenigstens net ob seiner mitbüger genieren

tramezzino
71
30.11.2011, 14:04

die erklärung ist ganz einfach: es will niemand dort hin. und wenn man in prag permanent angst haben muss, dass einem das auto gestohlen wird, dann fährt man in solche städte einfach nicht mehr hin (auch nicht mit dem zug, die menschen sind ja dieselben).

coolrob
 
16
30.11.2011, 14:43
die alte leier

@tramezzino - meistens kommen solche kommentare von menschen die sehr vorurteilsbehaftet sind. ich war schon öfters in prag und auch in der mittel - und ostsowakei. kein auto wurde mir gestohlen, freundliche menschen trifft man, die sich wirklich noch freuen, wenn besucher kommen und ihre orte sehen wollen. aber für manche ists auch besser sie bleiben besser zuhause, weil es denen, die dort gerne hin fahren, nur die stimmung verderben würde.

tramezzino
00
30.11.2011, 16:38

nachdem 2 freunden von mir ihr auto gestohlen worden ist, glaube ich nicht mehr an zufälle...

Taji Soron
02
30.11.2011, 15:40

Solche Miesepeter, die nur Angst um ihr ach so tolles Auto haben, sollen doch lieber zuhause bleiben, die gehen einem nirgendwo ab. Die Leute dort merken auch, wenn ihnen a priori mit Mistrauen begegnet wird...
Für alle anderen ist Kremnica eine große Empfehlung. Besonders im Frühling, wenn die Obstbäume blühen ist es dort wunderschön.

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