Bürgerkommission: Antidepressiva machen Menschen zu Mördern

Interview29. November 2011, 10:13
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Die Linzer Psychiaterin Adelheid Kastner spricht dagegen von anekdotischen Fallberichten

Ein 17-Jähriger bringt seinen besten Freund um. Die Bürgerkommission für Menschenrechte - gegründet von der Scientology-Kirche Österreich - sieht einen Zusammenhang mit Antidepressiva, die der Jugendliche laut Medienberichten seit geraumer Zeit eingenommen hat. Die Frage ob ein Antidepressivum einen Menschen zum Mörder machen kann, beantwortet die Bürgerkommission plakativ mit: Ja. Die Psychiaterin Heidi Kastner hält diese Aussage für vollkommen unzulässig. 

derStandard.at: Die Bürgerkommission für Menschenrechte behauptet, dass Antidepressiva einen Menschen zum Mörder machen können. Ist da was dran? 

Kastner: Diese Aussage ist in dieser verkürzten und plakativen Form vollkommen unzulässig. Die Depression ist eine Erkrankung, die mit dem Symptom des Antriebsverlustes einhergeht. Das bedeutet, depressive Menschen haben weniger Fähigkeit tätig zu und auch tätlich zu werden. Wird diese Störung behandelt, und damit auch Antriebsminderung oder Antriebslosigkeit, dann kann es auch zu einer Steigerung des Antriebs kommen und damit verbunden ist der Betroffene natürlich auch eher in der Lage aggressive Handlungen zu setzen. Die bekannterweise generell verminderte Gewaltbereitschaft Depressiver beruht auch auf eben der Erkrankung zuzurechnenden Antriebsstörung. 

derStandard.at: Eine Erhöhung der Gewaltbereitschaft ist also denkbar?

Kastner: Prinzipiell bringen Antidepressiva den verminderten Antrieb auf ein normales Niveau. Allerdings kann man nur Impulse ausagieren, die einer Person grundsätzlich auch zu eigen sind. Es ist aber ganz sicher nicht so, dass Antidepressiva Impulse oder Bedürfnisse implantieren, die nicht aus dem Zusammenspiel von Persönlichkeit und Situation resultieren. Aus heiterem Himmel wird ein Mensch auch nach Einnahme eines Antidepressivums nicht zum Berserker und wild auf einen anderen Menschen losgehen. 

derStandard.at: Diese Diskussion wird bereits seit 20 Jahren geführt und hat nach einem Amoklauf in Winnenden begonnen. Damals wurde der Amoklauf konkret mit selektiven Serotoninaufnahmehemmern (SSRI) in Verbindung gebracht. 

Kastner: Die antriebssteigernde Komponente der SSRI ist sehr wirksam und der Grund warum gerade diese Antidepressiva immer wieder unter medialen Beschuss geraten. Es wird auch regelmäßig darüber debattiert, ob SSRI die Suizidalität steigern. Das muss man im selben Kontext betrachten. Wenn also jemand zu wenig Antrieb für einen Suizid hat, dann kann er diesen nach Einnahme eines Antidepressivums wieder erlangen. 

derStandard.at: Grund genug, um einem Patienten kein Antidepressivum anzubieten?

Kastner: Man muss sich die Relationen anschauen. Die Depression ist - auch nach Aussagen der WHO - eine der invalidisierendsten Erkrankungen, die es in unserer Gesellschaft gibt. Sie ist für einen sehr großen Anteil aller Krankenstände verantwortlich. Zum Glück gibt es die Möglichkeit diese wichtige Erkrankung zu behandeln. In Relation zu den weltweit akkumulierten Behandlungstagen dieser Medikamentengruppe handelt es sich bei Aggressionshandlungen nach Antidepressivaeinnahme, aber um anekdotische Fallberichte. Der Anteil gewalttätiger Handlungen ist im Verhältnis zu den Gesamteinnahmezahlen nicht einmal im Promillebereich messbar. Ich halte es für fatal, eine hilfreiche Medikamentengruppe zu stigmatisieren und pauschal zu behaupten, dass ein Mensch mit der Einnahme eines Antidepressivums zum Mörder wird. Das stimmt einfach nicht. 

derStandard.at: Die Kritik bezieht sich speziell auf die Behandlung von Kindern und Jugendlichen. Die Testung von Medikamenten ist bei Kindern nicht möglich. Wie kann man also sicher sein, dass Antidepressiva bei jungen Menschen nicht doch eine gefährliche Wirkung besitzen?

Kastner: Man kann sicher sein, dass es unter dem Einfluss der Antidepressiva auch bei jüngeren Menschen zu einer Antriebssteigerung kommt. In welche Richtung sich diese manifestiert ist ein anders Thema. Klinische Studien dürfen an Jugendlichen nicht durchgeführt werden. Es gibt also keine Zahlen dazu, genauso wenig wie bei Schwangeren, die ebenfalls nicht Gegenstand einer klinischen Studie sein dürfen. Sämtliche Daten werden hier über die Anwenderjahre akkumuliert und werden zum Teil aus Off-Label-Anwendung gewonnen. 

derStandard.at: Die Bürgerkommission warnt vor der Massenmedikation von Kindern und Jugendlichen. Werden Jugendliche oft überflüssig mit Psychopharmaka versorgt?

Kastner: Vor einer Massenmedikation von Kindern und Jugendlichen würde ich auch warnen, aber ich weiß nicht wer so etwas macht. Massenmedikation heißt für mich unreflektierte Verschreibung von Medikamenten ohne klare Indikationsstellung. Es ist ein gravierender Vorwurf, einer ganzen Berufsgruppe zu unterstellen, dass sie eben genau das tut. So einen Vorwurf kann man jemandem, der in einem verantwortungsvollen Beruf tätig ist nicht a priori machen. 

Was man aber mittlerweile weiß ist, dass sämtliche psychische Erkrankungen auch im jugendlichen Alter bereits auftreten können. Früher wurde das weitgehend ausgeblendet, war nicht selbstverständlicher Teil klinischen Wissens. Heute ist bekannt, dass auch Jugendliche depressiv oder schizophren sein könne. Die frühere Diagnose geht natürlich auch mit einer früheren Behandlung einher und ist einer der Gründe, warum Antidepressiva-Verschreibungen so exorbitant zunehmen. Ich glaube aber nicht, dass die Menschheit insgesamt depressiver geworden ist, vielmehr denke ich, dass man in der Diagnostik viel aufmerksamer, sorgfältiger und präziser geworden ist. 

derStandard.at: Verschiedene andere Medikamente, wie Halcion oder Ritalin werden auch immer wieder als aggressionsfördernd eingestuft? 

Kastner: Halcion ist ein Schlafmittel und gehört zu den Benzodiazepinen. Ich bin mir sicher, dass kein Arzt einem Jugendlichen sorglos Benzodiapezine verschreibt, wohlwissend, dass dieses Medikament ein beträchtliches Suchtpotential besitzt. Ritalin ist ein Medikament, das zur Behandlung der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung eingesetzt wird. Das ist eine diagnostische Entität, die von Psychiatriegegnern generell in Frage gestellt wird beziehungsweise sehr kontroversiell diskutiert wird. 

Das Drama ist die verkürzte Darstellung all dieser Geschichten. So werden Menschen kopfscheu gemacht und hilfreiche Behandlungen verhindert. Gerade bei Jugendlichen ist die Prognose bei unbehandelten Depressionen mit nur 50-prozentiger Heilungsrate schlecht. Angenommen jemand hat eine Lungenentzündung und nimmt Antibiotika ein. Dieser Person von einer Behandlung generell abzuraten mit dem Hinweis auf eventuelle Resistenzentwicklungen, wäre wirklich übel. (derStandard.at, 29.11.2011)

Adelheid Kastner ist Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie an der Linzer Wagner-Jauregg-Nervenklinik, sie hat u.a. das psychiatrische Gutachten von Josef F. erstellt.

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    Kastner: "Ich halte es für fatal eine hilfreich Medikamentengruppe zu stigmatisieren und pauschal zu behaupten, dass ein Mensch mit der Einnahme eines Antidepressivums zum Mörder wird. Das stimmt einfach nicht".

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