Die Suche nach der Gedächtnisspur

10. September 2003, 20:19
7 Postings

Statt Ehrungen wünschte sich Nobelpreisträger Eric Kandel ein Symposion zur Aufarbeitung der Vertreibung der Wissenschaft 1938 aus Österreich - ein Gespräch

Wien - "Ich bin Amerikaner", sagt am Morgen nach seinem Vortrag im Jüdischen Museum der Neurobiologe und Medizinnobelpreisträger Eric Kandel im Hotel Regina, gar nicht weit von der Wohnung in der Severingasse 8, aus der er und sein Bruder mit Eltern und Großeltern 1938 in die USA flüchten mussten.

Nach der Zuerkennung des Nobelpreises im Jahr 2000 für seine Forschungen zu den neurobiologischen Grundlagen des Lern-und Erinnerungsvermögens war der 1929 geborene Verfasser des (auch für Laien gut lesbaren) Standardwerks Neurowissenschaften von Bundespräsident Thomas Klestil als "Austrian Nobel Prize Winner" begrüßt worden.

Dagegen verwahrte sich Eric Kandel und bat anstelle von offiziellen Ehrungen um eine Aufarbeitung der Geschichte der aus Österreich 1938 vertriebenen Vernunft (siehe Kasten rechts): Dieses Symposion ist wohl auch als Beitrag zur gegenwärtigen Bildungsdebatte zu sehen, denn am Exodus der Wissenschaft - mehr als die Hälfte der Physik- und Medizinprofessoren an der Universität Wien im Jahr 1938 war jüdisch - krankt die österreichische Forschungslandschaft noch heute.

Eric Kandel ist ein Musterbeispiel auch dafür, wie Wissenschaft in einem guten Umfeld wie in den Laboratorien der USA gedeihen kann: "In den National Health Laboratories (NHL) gab es in den 50er-Jahren Hunderte von Anregungen und Seminaren." Auf die Frage, ob er denn aus der Erfahrung mit genuin österreichischer Geschichtsverdrängung heraus schon um 1950 zu seinem Lebensthema, der Biologie des Gedächtnisses, gekommen sei, sagt Eric Kandel aber in wundervoller wissenschaftlicher Trockenheit: "Eine sehr philosophische Überlegung. Ich brauchte zu der Zeit keine Philosophie, nein. Ich lebte in einer sehr guten Umgebung damals. Und da wurde ich vertraut mit den ,experimental approach' und suchte nach einem System, an dem die Funktionen des Lernens zu zeigen wären. Ein einfaches System. Das hatte die Meeresschnecke Aplysia."

Eine Meeresschnecke, deren Nervenzellen so groß waren, dass sie und ihre Antworten auf Reize leicht zu beobachten waren: "Viele sagten damals, das sei doch zu simpel. Aber es war ein Modell, an dem sich Komplexes sichtbar machen ließ." Das sei, meint der Kunstkenner Kandel ("Meine Frau und ich sammeln besonders Expressionisten, Kirchner, Schiele, Kokoschka"), wie in der großen abstrakten Kunst eines Mark Rothko: kein Reduktionismus, sondern Konzentration auf Strukturen.

Also kein Körper-Geist Problem, wie es philosophisch von Locke über Kant zu Popper erörtert wurde? - "Der Neurologe John Eccles war da interessierter. Ich bin zwar befreundet mit Philosophen wie John Searle. Aber mein wissenschaftliches Interesse ist die biologische Fundierung der Neurowissenschaft."

Diese Wissenschaft, der Eric Kandel beim Nobelpreisbankett für das 21. Jahrhundert dieselbe Bedeutung voraussagte, wie sie die Genetik für das 20. Jahrhundert hatte, die begann für ihn eigentlich doch schon in Wien: Sigmund Freud nämlich hatte am Beginn seiner Laufbahn schon die Wirkungsweise von Synapsenverbindungen - er nannte sie noch "Kontakte" - untersucht, aber erkannt, "dass die chemischen Grundlagen seiner Zeit noch nicht ausreichten". Auch sind berühmte freudianische Begriffe wie die "Gedächtnisspur" ursprünglich ganz körperlich und keineswegs abgehoben-spekulativ gedacht.

Und auf die Suche nach dieser Gedächtnisspur begab sich Eric Kandel, der ursprünglich Literaturwissenschaft studiert, in New York aber die Familie von Ernst und Marianne Kris (beide gehörten dem Freud-Kreis an) kennen gelernt hatte. So kam er zu Psychoanalyse und Medizin, danach ins Labor des Neurobiologen Harry Grundfest an der Columbia University. Eric Kandel suchte am einfachen Modell nach der Architektur des Verhaltens und wie sie zu ändern wäre: "Die Reaktionen der Aplysia wurden stärker, wenn sie bedroht war. Und sie konnte auch etwas dagegen entwickeln."

Nach solchen Mitteln gegen Angst und Gedächtnisverlust sucht Eric Kandel inzwischen schon lange in einem eigenen Labor in seiner Firma "Memorial Pharmaceuticals". Auch das klingt ja fast als ein Heilmittel für Österreich oder als Motto für das Symposion. Das Labor mit ca. 20 Mitarbeitern sucht nach Medikamenten gegen Gedächtnisverlust im Alter ("nicht Alzheimer, sondern einfachere Fälle"). Labortier ist jetzt die Maus: "Wir haben diesen Gedächtnisverlust bei der Maus untersucht und Medikamente entwickelt, die diesen dramatisch verkürzen. Mäusen können wir helfen - wir sind noch nicht sicher, ob wir Menschen helfen können. Aber wir hoffen." (Richard Reichensperger/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5 .6. 2003)

Symposium "Österreich und der Nationalsozialismus. Die Folgen für die wissenschaftliche und humanistische Bildung"
5.-6. Juni: Universität Wien, Kleiner Festsaal; Programm

Kurzfassungen der Vorträge und Informationen zu den Vortragenden auf der Webseite.

Eric Kandel im Gespräch mit Werner Hanak, Jüdisches Museum Wien, Dorotheergasse 11, 1010 Wien, 19.30 Uhr, Eintritt frei
  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.