Aufarbeitung des Wissenslochs

10. September 2003, 20:19
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Das Programm des Symposions

Wien - Heute, Donnerstag, und morgen unternimmt ein großes Symposion eine andere, eine wissenschaftsgeschichtliche Aufarbeitung der Vergangenheit, initiiert vom 1938 als Kind emigrierten Medizinnobelpreisträger des Jahres 2000, Eric Kandel: "Österreich und der Nationalsozialismus. Die Folgen für die wissenschaftliche und humanistische Bildung" (Universität Wien, Kleiner Festsaal, jeweils von 9 bis 12 Uhr und von 14 bis 18 Uhr).

Diese Folgen wirken bis heute. Das Symposion, das Naturwissenschafter wie den Chemienobelpreisträger Walter Kohn ebenso aufbieten kann wie Historiker vom Range eines Fritz Stern (beide am Freitag ab 15 Uhr), hat also mit der Gegenwart ebenso viel zu tun wie mit der Vergangenheit. Denn die Vertreibung und Liquidierung primär von Natur-und Sozialwissenschaftern (wie Marie Jahoda) wirkt an den österreichischen Universitäten bis heute nach: Sie hinterließen ein strukturelles Loch des Wissens, das erst auf dem Umweg über die USA mühsam zurückgeholt werden konnte.

Das am Donnerstagnachmittag präsentierte Forschungsprojekt aus dem Umfeld des mitveranstaltenden Instituts Wiener Kreis über Berufsverbote an der Universität Wien 1938/39 wird die statistischen Daten liefern: Über die Hälfte der Mathematik-und Physikprofessoren und Dozenten verloren ihren Lehrstuhl - und die Mitläufer, die ihn einnahmen, gaben ihn nach 1945 nicht mehr her.

Überdies bietet das Symposion auch die Gelegenheit zum Vergleich von Wissenschaftskulturen: Viele der heute Weltberühmten kamen noch als Kinder in die USA und durchliefen dort den Bildungsweg (dazu Gerald Holton aus Harvard am Freitagnachmittag).

Im Arkadenhof der Universität zeigt - ideal für den Pausenaufenthalt - eine Ausstellung konkret den Exodus der Mathematik, darunter die Spitze der Wiener Versicherungsmathematiker: dazu Vorträge am Freitagvormittag. Noch einmal die Konflikte im Einzelfall bündeln wird, ebenfalls am Freitag, Ruth Lewin am Beispiel der aus Berlin geflohenen Lise Meitner und der aus Wien vertriebenen Marietta Blau. (rire/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5 .6. 2003)

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