Neues aus dem Bereich Elektronik und Gesang

11. Juni 2003, 11:20
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... auch wenn dieser mal Pause macht: Alben von Coloma, New Wet Kojak, Tomahawk und Four Tet

COLOMA
Finery
(Ware/Ixthuluh)
Sänger Rob Taylor und Instrumentalist Alex Paulick, ein deutsch-britisches Duo aus Köln, definieren nach dem ansprechenden Debüt Silverware mit dem Album Finery den Elektro-Pop des denkenden Mannes neu. Im Stile der Ziehväter von den Sparks oder von den Associates wird unter Einbeziehung neuester Errungenschaften aus dem klickenden Kugelschreiber-Techno unter Beifügung von zarten House-Beats und einem realen Streichquartett eine Form von reflektiertem Pop geschaffen, die heute möglicherweise Altvordere wie Heaven 17 produzieren würden, wenn sie nicht so sehr mit 80er-Jahre-Revival beschäftigt wären.

NEW WET KOJAK
. . . This Is The Glamorous . . .
(Konkurrel/Ixthuluh)
Scott McCloud und Johnny Temple feiern ansonsten in ihrer Stammband Girls Against Boys den von Fugazi her berühmten, allerdings traditionalistisch rocklastiger gedeuteten Stil der Schule des in Washington DC beheimateten Labels Dischord und dessen Ausläufer und Weiterentwicklungen von gitarrenlastigem Emo-Core. Mit New Wet Kojak wird unter Beifügung von Saxophon und Elektronik nicht nur Motown-Soul mit Glamrock gekoppelt, sondern auch die E-Gitarre in den Dienst der Tanzfläche gestellt. Einzig der etwas uninspirierte Sprechgesang McClouds verhindert, dass dieses Konzeptalbum zum Thema Nachtleben ein Album des Jahres wird. In kleineren Dosen, jeweils drei bis vier Songs lang bei voller Lautstärke genossen, allerdings ein richtiger Kracher.

TOMAHAWK
Mit Gas
(Ipecac/Trost (1) 330 01 63)
Das US-Allstar-Quartett um Sänger Mike Patton (Faith No More), Gitarrist Duane Denison (The Jesus Lizard), Kevin Rumanis (Melvins) und Drummer John Stainer (Helmet) klingt teilweise so, als ob man Pattons alte Stammband durch den Fleischwolf gedreht und die Überreste dem Wiener Avantgarde-Sperrmüll-Label Mego zum Remixen gegeben hätte. Harter Rock mit Fehler im Laptop. Anstrengend, mitreißend und gut.

FOUR TET
Rounds
(Domino/Zomba)
In Großbritannien wird das neue instrumentale Soloalbum vom ansonsten mit seinem Projekt Fridge bekannten Kieran Hebden als neues Wunderding auf dem Elektroniksektor gefeiert. Das mag zum einen daran liegen, dass Hebden beim Hobeln gerne Holzscheite produziert und Spieldosenmelodien mit altbekannten Downtempo-Beats kombiniert und grobe Samples aus der Heimwerkerabteilung stanzt. Andererseits ist dieses Album ein Paradebeispiel dafür, wie eklektizistisch und gleichzeitig einfallslos Elektronik werden kann, wenn Hundertschaften von Musikern die mittlerweile längst globalisierten Identprogramme auf dem Computer verwenden. Konsens bedeutet Stillstand. (DER STANDARD, Printausgabe, 6.6.2003)
Von
Christian Schachinger
  • COLOMA Finery (Ware/Ixthuluh)
    foto: ixthuluh

    COLOMA
    Finery
    (Ware/Ixthuluh)

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