Schweigsame Inspiration

4. Juni 2003, 19:59
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Pianist Maurizio Pollini gastierte im Wiener Musikverein

Wien - Die Noten seien nur die Fassade, nur der Bucheinband, sagte einmal Maurizio Pollini; Spinnt man seinen Gedanken weiter, so fällt dem Interpreten die Aufgabe zu, im Buch der Musik zu blättern und aus diesem vorzutragen. In dieser Kunst ist Pollini allerdings kein radikal Subjektiver, eher einer der Maßvollen, dem der musikalische Schein des Effektvollen rein gar nichts bedeutet.

Auf der Suche nach dem klanglichen Sein gelangt er ans Ziel mit klaren, transparenten Aussagen; abseits allen Oberflächenpathos erreicht er vertiefende Werkeinsichten und legt das "Nervensystem" von Stücken bloß. Es gibt natürlich auch bei ihm schlechte Tage und Phasen der Uninspiriertheit, und es klingt dann Pollinis Kunst des Maßvollen seltsam distanziert und matt, kippt ins allzu Kühle, was bei Chopin besonders aufzufallen pflegt, denn Pollini lässt den Klavierorpheus ohnedies lieber nicht feurig-neurotisch singen und tanzen.

Kein Glanz

Zwischendurch leuchtet im Wiener Musikverein am Streiktag natürlich die eine oder andere Nuance auf - ein in die Stille hineingelegter Basston (Chopins Nocturne H-Dur, op. 32/1) trifft ins Mark, ein Lauf streift uns wie eine sanfte Brise; und mitunter baut sich doch auch eine dunkle, imposante Kathedrale der virtuos-expressiven Dramatik auf (Scherzo Nr. 3 cis-Moll, op. 39).

Die meiste Zeit allerdings hat man den Eindruck, dieser Chopin würde weder singen noch sprechen. Er schweigt einfach; da ist kein Glanz. Das meiste klingt ein wenig teilnahmslos und routiniert, als wollte Pollini hinter dem Werk verschwinden. Und auch die Klarheit der Struktur und die dynamische Balance zwischen tiefen und hohen Stimmen verliert sich (an diesem Abend, den Pollini übrigens dem kürzlich verstorbenen Komponisten und Landsmann Luciano Berio gewidmet hat) in einem diffusen Einheitssound.

Der weicht dann ein wenig und werkbedingt bei Claude Debussys Préludes (Band II). Pollini vertieft sich in die grüblerischen Klangbilder, doch zu wirklicher Form sollte er an diesem Abend nicht auflaufen. Das Publikum sah es wieder einmal anders und applaudierte schlussendlich auf das Herzlichste.
(DER STANDARD, Printausgabe, 5.6.2003)

Von Ljubisa Tosic
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