"Achtung Sprengung"

4. Juni 2003, 19:39
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"Die Teile und das Ganze" - Österreichische Literatur in Marbach

Ein richtiger Chartbreaker in der ewigen Hitliste mit Adorno-Zitaten ist der folgende, Hegel auf den Kopf stellende Aphorismus aus den Minima Moralia: "Das Ganze ist das Unwahre." Eine grundlegende Erfahrung auch der Kunst der Moderne ist darin aufgehoben: Die Vorstellung einer vollkommenen Ganzheit, die immer mehr bedeutete als ihre einzelnen Teile, wurde spätestens um das Jahr 1800 herum fragwürdig.

Die Fragmentierung der Wirklichkeit - Luhmann spricht von einer Abnahme der "Richtlinienkompetenz" der Vergangenheit und von einer Zunahme der "Unsicherheit der Zukunft" - fragmentiert auch das künstlerische Werk, ob es sich dabei um eine bewusste Entscheidung des Autors handelt oder um die Folge unbewältigbarer Komplexität. In der Geschlossenheit liegt zumindest für avancierte Künstler kein Versprechen mehr, nur mehr eine fahle Illusion.

Mit genau dieser Problematik, der Dialektik von Teil und Ganzem, beschäftigt sich nun eine Ausstellung im Deutschen Literaturarchiv in Marbach, die im kommenden Jahr (13. 5.-31. 10. 04) in der Österreichischen Nationalbibliothek zu sehen sein wird. Ihr Fokus richtet sich auf die literarische Moderne in Österreich, was zum einen den Grund hat, dass die Schau vom Österreichischen Literaturarchiv gestaltet wurde.

Zum anderen rührt die Konzentration auch daher, dass die österreichische Literatur hinsichtlich des Wechselspiels von Teil und Ganzem natürlich einiges zu bieten hat: Kafkas allesamt unvollendet gebliebene Romane etwa, Robert Musils Ringen um die Vollendung des Manns ohne Eigenschaften, das durch die ausufernde Reflexion über Form und Inhalt in ein Scheitern mündete, oder auch Konrad Bayers Roman der sechste sinn, in dem Ich und Welt bis ins Kleinste voneinander geschieden werden und wo sprachliche Gewissheiten fast zur Gänze verschwinden.

"WERDEN DIE MITTEL KOMPLEXER, SO WERDEN DIE PROBLEME KOMPLEXER / ABER MAN MUSS VERSUCHEN DIE DINGE IM ZAUME ZU HALTEN", heißt es in einer Notiz zum sechsten sinn.

Die von Bernhard Fetz und Klaus Kastberger kuratierte Ausstellung und mehr noch der ausführliche Katalog machen dieses teils geplante, teils unbeabsichtigte Scheitern als eine grundlegende Eigenschaft der Literatur der Moderne kenntlich: Indem Manuskriptseiten, durchgestrichene und immer wieder umgearbeitete Passagen, Entwürfe, Vorstufen und riesige Planskizzen (etwa zu Doderers Die Dämonen), Bausteine zu Romanen und Gedichten, intermediale Verweise und Textvarianten in den Vitrinen nebeneinander gestellt werden, entsteht anschaulich der Eindruck des Aufgesprengten.

Als Piktogramm behauptet dies auch das knallig orange-rote Plakat zur Ausstellung: "Achtung Sprengung". Was zu sehen ist in dieser Schau, sind Splitter - Fragmente einer Sprache der Moderne.


Papier als Körper

Es geht um den Text, um Textstücke, um Textfetzen, um das Papier als Körper, an dem chirurgische Eingriffe vorgenommen werden: Überschreibungen, Verschiebungen, Aus- und Beschneidungen. Man muss sich mit den Topografien der Textwelt auseinander setzen.

Um die Bändigung des Materials geht es also ganz wesentlich in einer unübersicht- lichen Moderne - und um die immer präsente Einsicht in die Unmöglichkeit dieses Vorhabens. Die Macher der Marbacher Schau sowie des hervorragenden Begleitbuchs stellen nicht unbedingt neue Thesen auf, aber sie gewähren intensive Einsichten ins Laboratorium der Schriftsteller und verfolgen so den Formungs-und zuweilen auch Deformationsprozess des Schreibens mit.
(DER STANDARD, Printausgabe, 5.6.2003)

Ulrich Rüdenauer aus Marbach

"Die Teile und das Ganze. Bausteine der literarischen Moderne in Österreich"; Dt. Literaturarchiv Marbach bis 31. 10.
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