Erholung wird nicht ausgeschlossen

28. Mai 2005, 20:55
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Das Queer Film Festival "Identities" feiert mit einem umfangreichen Programm sein Zehn-Jahres-Jubiläum

Eine Woche lang - bis 12. 6. im Wiener Filmcasino und im Schikaneder - werden auf vielfältige Weise homo- und transsexuelle Identitätsentwürfe thematisiert.


Wien - Wer in die Kamera schaut, ist mit dem Medium nicht vertraut. Einen Blick nach dem nächsten führt die Montage zusammen, beinahe jeder davon irritiert, zerstört ein wenig die Illusion, steigert vielleicht den Kitzel durch Authentizität.

The Fall of Communism as Seen in Gay Pornography von William E. Jones betreibt Filmanalyse anhand von Schwulenpornos, die von Ausländern für Ausländer in ehemaligen kommunistischen Ländern produziert werden. Jones stöbert nicht nur exotische Ausstattungsdetails auf, er fragt nach der Attraktion der Filme und untersucht die ökonomischen Bedingungen ihres Entstehens.

My Queer Babuschka nennt sich eines der viel versprechenden Specials der jüngsten Ausgabe von Identities, bei dem neben The Fall of Communism ... noch weitere Arbeiten aus osteuropäischen Ländern zu sehen sind. Das heimische Queer Film Festival, im zehnten Jahr erstmals eigenständig finanziert, bietet eine Woche lang ein umfangreiches Angebot an Spiel-, Dokumentar-, Animations- und Kurzfilmen, in denen homo-und transsexuelle Identitätsentwürfe thematisiert werden.

Zeigt sich im oben erwähnten Special die Suche nach bisher eher vernachlässigten Filmkulturen, ist das New Queer Cinema - vor zehn Jahren überwiegend auf Low-Budget-Filmen aufbauend - im Spielfilmbereich schon als Marktnische verankert, die auf ihr Zielpublikum zählt.

Befreiungsschritt

Das wird mitunter auch an einer Regelhaftigkeit der Erzählungen deutlich, wie sie etwa Bob Gosses Eröffnungsfilm Julie Johnson bedient: Zwei befreundete Hausfrauen (Lily Taylor und Courtney Love) scheren aus ihrem passiven Dasein aus, um sich auf eigene Beine zu stellen, und verlieben sich dabei. Die Stars verleihen den Figuren zwar eine erdige Präsenz, die Motivation für deren Befreiungsschritte bleibt jedoch eher papieren - Taylors heimliche Liebe, die dafür den Ausschlag gibt, ist die Quantenphysik.

Da wird der Alltag des Helden in Laura Muscardins Giorni schon selbstverständlicher infrage gestellt: Claudio ist HIV-positiv, seine Therapie verlangt, dass er einem sehr geregelten Leben nachgeht. Durch die Begegnung mit dem leidenschaftlichen Andrea riskiert er daher nicht nur das Ende seiner Beziehung, sondern auch das seines Leben.

Die Liebe wird in Giorni zum moralischen Dilemma - weniger aus sozialen Zwängen als aufgrund ihrer nihilistischen Kraft. Muscardin gelingt es, diese melodramatische Fabel in distanziertem Tonfall umzusetzen - es geht weniger um Affekte als darum, Entscheidungsfindungen nachvollziehbar zu machen.

Even Benestads Dokumentarfilm Alt om min far besticht hingegen durch persönliches Engagement: Er porträtiert seinen Vater Esben, der manchmal auch Esther heißt und gerne Frauenkleider trägt. Die Arbeit ist einerseits intimes Porträt, das Videointerviews mit Super-8-Familienaufnahmen und imaginären Szenen variiert. Zugleich verhandelt der Sohn das Thema aber auch als emotionellen Generationenkonflikt, der zeigt, dass die Aufgabe traditioneller Rollenbilder ein durchaus schmerzvoller Prozess sein kann.

Das Verhältnis von Krankheit zum Begehren steht dagegen im Mittelpunkt von The Odds of Recovery der lesbischen Experimentalfilmemacherin Su Friedrich, der ein eigenes, sehr sehenswertes Special gewidmet ist. Eine schier endlose Serie von Operationen dient ihr als Ausgangspunkt eines ebenso witzigen wie intelligenten Essays über die Eigendynamik, die die unaufhörliche Beschäftigung mit dem eigenen Körper annehmen kann.

Alles hat mit allem zu tun: Die Libido leidet unter einer hormonellen Überfunktion, deren Behandlung wiederum die Partnerschaft belastet. Friedrich geht mit den Arztbesuchen äußerst pointiert um, indem sie Gesichter meidet, dafür das private Rückzugsgebiet eines Gartens einmontiert. Wiewohl ihr Film betont persönlich ist, sucht sie eine gewisse Anonymität, die ihre "Geschichte" zu einer allgemeinen macht, in der es indirekt auch um die Angst vor dem Altern geht.
(DER STANDARD, Printausgabe, 5.6.2003)

Von
Dominik Kamalzadeh

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identities.at
  • "Rules of The Road" von Su Friedrich (8.6., 16:00, Filmcasino): "Identities" widmet der Filmemacherin ein sehenswertes Special.
    foto: identities

    "Rules of The Road" von Su Friedrich (8.6., 16:00, Filmcasino): "Identities" widmet der Filmemacherin ein sehenswertes Special.

  • "The Odds of Recovery" von Su Friedrich (9.6., 18:00, Filmcasino)
    foto: identities

    "The Odds of Recovery" von Su Friedrich (9.6., 18:00, Filmcasino)

  • "Giorni" von Laura Muscardin (6.6., 22:00, Filmcasino)
    foto: identities

    "Giorni" von Laura Muscardin (6.6., 22:00, Filmcasino)

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