Gerechtigkeit für Wolfowitz!

4. Juni 2003, 18:31
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Die Kunst des Arrangements - Anmerkungen zu einem umstrittenen "Interview" von Mischa Jäger

Gesicht verloren! Maske fallen gelassen! Spiel durchkreuzt! - Ein "scoop" geistert durch die Medienlandschaft und bietet, insbesondere der europäischen Presse, willkommenen Anlass, alle Spielarten der Meinungsbildung, vom dröhnenden Politkommentar bis zur philosophiegeschichtlich angereicherten Häme im Feuilletonteil, durchzuexerzieren.

Gegenstand der Aufregung: ein Interview im Magazin Vanity Fair mit dem stellvertretenden US-Verteidigungsminister Paul Wolfowitz, der - so die Sprachregelung der Kommentatoren - erstmals "zugegeben" habe, dass die Massenvernichtungswaffen "niemals der wichtigste Kriegsgrund der USA" gewesen seien.

Wahr sei vielmehr: "Aus bürokratischen Gründen habe sich die Regierung auf dieses Thema konzentriert, weil dem jeder zustimmen konnte. Ein viel gravierender Kriegsgrund - ,kaum beachtet, aber sehr bedeutend - sei gewesen, dass die amerikanischen Truppen aus Saudi-Arabien heraus und in den Irak hinein sollten", schrieb etwa zuletzt die Süddeutsche Zeitung.

Und genau so wird es auch von vielen Agenturen, in TV- Berichten und auf den internationalen Meinungsseiten mehr oder weniger genüsslich nachgebetet.

Das Problem: Genau so hat es nicht Wolfowitz vorgebetet, sondern sein Interviewer Sam Tannenhaus. Und die zitierten Behauptungen stammen nicht aus dem Interview selbst, sondern aus dem Vanity-Artikel über das Interview. Welches das Pentagon übrigens Wort für Wort - und zwar schon vor Erscheinen von Vanity Fair - auf seiner Website publiziert hat (um die Selbstdemontage eines ihrer Masterminds zu befördern, oder wie?).

Ein kleiner Test . . .

An dieser Stelle wollen wir Ihr Einfühlungsvermögen ein wenig testen: Stellen Sie sich vor, Sie wären William Kristol, schlagen nichts Böses ahnend beim Frühstückskaffee Vanity Fair auf - und dann das: Gesicht weg! Maske unten! Game over! Was machen Sie?

Zum einen: Sie wissen, dass Sie als Herausgeber eines regierungsfreundlichen Wochenmagazins (des Weekly Standard) und als führendes Mitglied des neokonservativen Thinktanks in Washington mit besten Beziehungen zu Bushs Beraterstab die Sache nicht einfach auf sich beruhen lassen können, richtig. Sie stellen weiters die Integrität des Interviewers in Frage? Das versteht sich von selbst. Sie weisen dezent darauf hin, dass es sich beim Transporteur des Skandalons um ein "Klatschmagazin" handelt? Sehr gut. Der wirkliche William Kristol hat keine dieser Optionen ausgelassen, tat aber noch ein Übriges, indem er nach Lektüre des Originalinterviews den Lesern seines Blattes mitteilte, "was Wolfowitz wirklich sagte":

Drei Gründe

Punkt 1: "Es hat immer drei fundamentale Gründe gegeben: die Vernichtungswaffen, die Unterstützung des Terrors und die verbrecherische Unterdrückung des irakischen Volkes. Aus Gründen, die viel mit der Bürokratie der US-Regierung zu tun haben, haben wir uns aber für das eine Thema als wichtigsten Kriegsgrund entschieden, dem alle zustimmen konnten: die Massenvernichtungswaffen."

Punkt 2: Der in der Tannenhaus-Komposition in Vanity Fair diesem angeblichen "Geständnis" gleich hinzugefügte Satz zum "Kriegsgrund" Saudi-Arabien stammt aus einer völlig anderen Phase des Gesprächs, in dem es um Probleme und Optionen bei der Herstellung einer Nachkriegsordnung geht, und er lautet im Ori^ginal wie folgt:

"Viele Dinge stellen sich nun anders dar, und bisher kaum beachtet, aber sehr bedeutend ist die Möglichkeit, dass wir unsere Truppen nun in beiderseitigem Einverständnis aus Saudi-Arabien zurückziehen können, deren Präsenz unsere Beziehungen immer sehr belastet hat."

Wie nennt man diese Form von Arrangement, die, wie es der Weekly Standard formuliert, "eine schlichte Feststellung über strategische Optionen im Post-Saddam-Irak zu einem unheilschwangeren Geständnis über die eigent^lichen Kriegsmotive aufpeppt"? William Kristols Vorschlag: "Gelinde gesagt: irreführend."

Wie heißt es doch so schön: Die Wahrheit ist das erste Opfer des Krieges. Zu ergänzen wäre, dass die Lüge auch ohne Krieg prächtig gedeiht - nicht nur aufseiten derer, die das Streichholz so gern an die Lunte legen.

Das wäre wohl ein praktikabler Schlusssatz. Irgendwie. Aber: zu hoch angesetzt. Bebt zu sehr. Zu viel Nachhall. Schließlich ist Paul Wolfowitz kein Heiliger, und die Verwirrungen und Ungereimtheiten, die in diesen Tagen über die Kommunikation zwischen Geheimdiensten und Regierungsvertretern vor dem großen Powell- Auftritt im Sicherheitsrat ans Licht gekommen sind, liefern Grundlage genug, die Seriosität des von Amerika und Großbritannien vor dem Krieg entworfenen Bedrohungsszenarios in Zweifel zu ziehen.

Noch ein Test . . .

Gegenangebot - weil das schon vorhin so gut geklappt hat: ein zweiter Test.

Angenommen, Sie haben erst kürzlich den Woodstock-Verschnitt von Dolezal/Rossacher zum Thema "Kunst und Gewalt" (Hermann Nitsch: "Krieg ist nicht fair") gesehen und Sie haben es - im Gegensatz zum Verfasser dieser Zeilen - geschafft, dabei nicht im Affekt zum Bellizisten zu werden - wem würden Sie, völlig unabhängig von Ihren ideologischen Präferenzen, eher eine Zeitung abkaufen: dem Vanity Fair-Interviewer oder William Kristol?

Danke. Sie haben bestanden.(DER STANDARD, Printausgabe, 5.6.2003)

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