Erfahrungsblitze: Der Streik und sein Mehrwert

4. Juni 2003, 17:39
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Das öffentliche Leben war nicht bloß lahm gelegt - der öffentliche Raum wurde neu definiert - Ein Kommentar der anderen von Robert Misik

Slavoj Zizek, dem Philosophen-Entertainer, verdanken wir den Hinweis darauf, welche Bilder die Infotainmentkultur über die Arbeitswelt parat hält - meist keine. Hollywood, beispielsweise, imaginiert eine Welt, in der Produktion nicht stattfindet. Nur in symptomatischen Einzelfällen kommen Arbeiter ins Bild - etwa, wenn in 007- Streifen der Bösewicht den Agenten des Guten durch die Laboratorien und Montagehallen (für Bomben, Giftgas, Raketen oder Ähnliches) führt, die bezeichnenderweise immer unter der Erde liegen.

Als wirkliche, polierte Realität gilt die Oberfläche der Glitzerwelt, unterhalb derer die schmutzigen, verborgenen Handarbeiten getan werden. Es ist dies der Mechanismus, mittels dessen auch jenseits von Hollywood eine Realität unserer Gesellschaft systematisch ausgeblendet wird. Es ist dann fast dramatisch, wenn dieses Reale in die "wirkliche Wirklichkeit" einbricht.

Dieses Einbrechen ist das vielleicht nachhaltigste und erfreulichste Resultat der langsam Gewohnheit werdenden "Dienstagsstreiks". (Ist schon jemandem aufgefallen, wie es offenbar auch in den traditionellen Apparaten Übung wird, sich für ihre Aktivitäten einen Wochentag zu reservieren, wie das von den "Donnerstagsdemonstrationen" eingeführt wurde?)

Und diese Verdrängung eines Aspekts der Realität ist genau der Grund, warum sich Wolfgang Schüssel so verkalkuliert hat; dass da etwas existiert, was medial nicht repräsentiert, aber dennoch da ist - eine Menge an Leuten mit Gerechtigkeitsgefühlen und widerständischen Sentiments, eigener Urteilskraft und der Fähigkeit zu behelfsmäßiger Praxis, wenn Bus, Straßenbahn und Züge einmal nicht fahren. Eben keine "kleinen Leute", vollgestopft mit Ressentiments und immer bereit zu meckern, nie fähig zum Eigensinn.

Darum haben diese Streiks, über den unmittelbaren Anlass - Pensions-"Reform" - hinaus, auch einen unbestreitbares Mehrwert: Sie gehen in den Erfahrungsschatz des Gemeinwesens ein. Erstens, dass es erfrischend ist, eingefahrene Pfade zu verlassen. Jeden Abend im TV erleben wir heute, dass selbst in einen Mann wie Fritz Verzetnitsch Leben fahren kann, als hätte ihn ein Blitzschlag getroffen.

Und es war, dies zum Zweiten, eine buchstäblich un- fassbare Erfahrung, wie sehr sich etwa in einer Großstadt wie Wien der Rhythmus des Lebens wandeln kann - spürbar für jeden, der noch Sinne hat zu fühlen. Nicht nur dass Öffis, Müllabfuhr, Kindergärten, Post streikten - die Betriebsamkeit, diese Bewegungsform spätkapitalistischer Geistlosigkeit, war mit einem Mal sistiert; Punks und Hochwürden nebeneinander am Fahrrad, Ministerialbeamte am Scooter ihrer Kinder, Angestellte in Rollerblades.

Und jenseits dieses Bildes: eine Art anderer Gesellschaftlichkeit, Familien etwa, die die Kinderbetreuung mit anderen gemeinsam organisieren. Es zeigte sich wieder: Ein Streik enthält immer auch ein Moment des Einschnitts, der Möglichkeiten eröffnet.

Es gibt, jenseits des Streiks in den Fabriken und Remisen, auch den Aspekt des "Metropolenstreiks", der sich nicht im Lahmlegen des öffentlichen Lebens erschöpft, sondern den öffentlichen Raum im Gegenteil neu definiert, in dem, wenn auch nur in Bild- und Erfahrungsblitzen die Möglichkeit anderer Bewegungs-, Kommunikations- und Kooperationsformen aufscheint. Womöglich nimmt diese Sistierung der hektischen Routine durch die vielen, die sonst gewiss wenig vereint, soziale Protestformen des Informationszeitalters vorweg, das ja nicht mehr in erster Linie von der Zusammenballung mächtiger Arbeiterheere in Großunternehmen geprägt ist - und doch von Arbeit in vielfältigster Form.

Es sind Erfahrungsblitze wie diese, die den emanzipatorischen Kern erhellen, der auch in einem braven Ein-Tages-Streik sitzt. Wer den nicht wahrzunehmen vermag, nur auf die zweifelsfrei vorhandenen Beschränktheiten heutiger Gewerkschaftsaktivität starrt oder gar auf das Gambling der Politik-Politik (kommt Haider?, wie stimmt Fasslabend?), der braucht sich nicht zu wundern, wenn es ihm immer wieder passiert, was Wolfgang Schüssel dieser Tage widerfuhr: dass Dinge geschehen, die er nicht für möglich gehalten hätte.(DER STANDARD, Printausgabe, 5.6.2003)

Robert Misik, freier Autor, lebt als Ich-AG in Wien.
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