Respektlose Verfechterin der Utopie

12. Juni 2003, 20:22
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Die Schriftstellerin Christine Nöstlinger erhielt den Astrid-Lindgren-Preis

Mit über hundert Büchern Millionenauflagen erschreiben, das ist vielleicht noch gar nichts soo Besonderes - auch wenn oft übersehen wird, dass Christine Nöstlinger schon allein aus statistischen Gründen zu den erfolgreichsten Autoren und Autorinnen zählt, die Österreich je hervorgebracht hat. Dies trifft aber nicht den Kern eines Phänomens und einer Leistung, die jetzt in Stockholm mit der Verleihung des ersten Astrid-Lindgren-Preises gewürdigt wurde: Mit dem US-Illustrator und Autor Maurice Sendak teilt sich Nöstlinger seit gestern die mit insgesamt 540.000 Euro dotierte Auszeichnung.

Aber, wie gesagt, Geld ist nicht einmal soo wichtig, weil sich hier vor allem eine Wertschätzung manifestiert, die nicht nur Astrid Lindgren für die Bücher der Wiener Schriftstellerin empfand. Eine Anerkennung dafür, dass Nöstlinger einen Humanismus, eine Skepsis gegenüber jeglicher Autorität und gleichzeitig einen Respekt vor ihrer Leserschaft gepflogen hat, der bis heute auf jede Form der Anbiederung verzichten kann. Von Anfang an hat sie ignoriert, was man in Kinder- und Jugendbüchern angeblich nicht schreiben darf.

Vielleicht hilft zur Verdeutlichung dessen, was Christine Nöstlinger seit ihrem ersten Erfolg, der Feuerroten Friederike (1970), geleistet und verkörpert hat, eine Erinnerung an Kindheitstage: Eine öffentliche Lesung von ihr hatte nichts von den üblichen Kinderanimationsnachmittagen. Alles an ihr signalisierte eine gesunde Distanz, auch den eigenen Erinnerungen (etwa in Maikäfer, flieg!, 1973) gegenüber, was ihr wiederum eine umso klarere, unprätentiösere Sprache erlaubte.

Großtaten wie "Rosa Riedl Schutzgespenst" oder "Der Hund kommt" oder die "Geschichten vom Franz" muss man wohl nicht mehr herbeizitieren: Christine Nöstlinger, 1936 in Wien als Tochter eines Uhrmachers geboren, hat bereits in Zeiten multimedial Erfolge gefeiert, in denen Thomas Brezina noch überlegte, wie man Knickerbockerbande schreibt. Manche ihrer Bücher wurden verfilmt, einige fürs Theater adaptiert. Der berühmte Dschi-Dschei Wischer war eine der erfolgreichsten Figuren der heimischen Radiogeschichte. Und auch als Kolumnistin hat sich Christine Nöstlinger versucht: "Aber den Lesern von täglich Alles konnte man nichts beibringen", erzählte sie einmal dem STANDARD. "Schuhkartons voll feindseligen oder obszönen Briefen hab' ich gekriegt."

In ihren besten Zeiten schrieb sie an vier bis fünf Büchern gleichzeitig. Dass sie zuletzt auch hier kürzer getreten ist, liegt einerseits an einer Krebserkrankung, die sie in den letzten Jahren überwunden hat. Und andererseits an einer gewissen Desillusioniertheit: "In den letzten Jahren wäre mir nichts mehr eingefallen, was ich Kindern als Utopie vorstellen könnte." (Claus Philipp, DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 5.6.2003)

  • Christine Nöstlinger
    foto: standard/cremer
    Christine Nöstlinger
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