EU-Leitzinsen auf Rekordtief

6. Juni 2003, 09:31
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Die Europäische Zentralbank senkte den Leitzinssatz auf zwei Prozent - Damit soll das Wachstum unterstützt werden - Die Banken verbilligen prompt die Kreditzinsen

Frankfurt - Experten hatten mit einem Zinsschritt gerechnet - allerdings eher mit minus 0,25 Prozentpunkten. Nun setzte die für ihrer Zögerlichkeit in jüngster Zeit oft gerügte Europäische Zentralbank doch einen deutlicheren Schritt: Der für die Refinanzierung der Banken mit Zentralbankgeld wichtige Schlüsselzins wurde von 2,5 auf zwei Prozent gesenkt - der tiefste Stand der Nachkriegszeit.

Die anhaltend schwache Konjunktur und der starke Euro zum Dollar haben die EZB zur Überzeugung gelangen lassen, dass mittelfristig in der Eurozone keine übermäßige Inflation drohe, hieß es am Donnerstag in Frankfurt seitens Wim Duisenberg, Präsident der EZB. So wurde die erneute geldpolitische Lockerung möglich: Binnen zwei Jahren haben die Währungshüter wegen des stockenden Wirtschaftswachstums den Leitzins siebenmal um insgesamt 2,75 Prozentpunkte nach unten bewegt.

Duisenberg ging auch auf Warnungen vor einem wirtschaftsschädigenden allgemeinen Preisverfall ein: "Es gibt keine Prognose, die das Risiko einer Deflation im Euroraum sieht", so Duisenberg. Im gemeinsamen Währungsgebiet werde sich die Inflationsrate mittelfristig auf knapp unter zwei Prozent einpendeln.

"Zumindest Unterstützungsmoment"

Die heutige Leitzinssenkung sei "zumindest ein Unterstützungsmomentum" für die Wirtschaft, sagt Klaus Liebscher, als Gouverneur der Österreichischen Nationalbank Ratsmitglied der EZB. Niedrigzinsen könnten dringende Struktur- und Reformmaßnahmen der Wirtschaftspolitik aber nicht ersetzen.

Ob die EZB-Leitzinssenkung der Konjunktur wirklich auf die Sprünge hilft, wird auch von Bankvolkswirten bezweifelt: Für Peter Brezinschek, Chefökonom der Raiffeisen Zentralbank, ist der Zinsschritt "eher eine Reaktion auf ein schwächer gewordenes Konjunkturumfeld, als dass man von dieser Maßnahme maßgebliche Wachstumsimpulse erwarten könne."

Felderer skeptisch

Auch die Wirtschaftsforscher bleiben skeptisch, ob der Wirtschaft das jetzt auch den erhofften Wachstumseffekt bringt. Der Leiter des Instituts für Höhere Studien (IHS), Bernhard Felderer, wertet den Zinsschritt zwar als richtig. "Es gibt aber auch andere Faktoren, die das Wirtschaftswachstum wesentlich beeinflussen: die Erwartungen der Unternehmen".

Und die Erwartungen vor allem der Investoren seien "insgesamt schlecht", sagte Felderer in der "Zeit im Bild 2". Dadurch werde der heutige Zinsschritt auch nicht sofort zu "Wundern" führen, so Felderer.

Unbeeindruckt

Weiters glaubt Brezinschek, dass die im Markt vorhandenen Spekulationen auf noch tiefere Zinsen wohl nicht abebben werden. Die Aktienmärkte zeigten sich eher unbeeindruckt - ein Trendwende nach oben wurde nicht ausgelöst. Der mittelfristige Trend eines stärker werdenden Euro werde durch den heutigen Zinsschritt nicht gebrochen, denn dieser sei von Ungleichgewichten bestimmt (Leistungsbilanzdefizit der USA). Der Zielwert Euro/Dollar bis Jahresende liege laut RZB bei 1,22.

Für Bankkunden zeigt die Leitzinssenkung sofortige Auswirkungen: Kredite werden erneut billiger, Sparbücher werfen demnächst weniger ab als bisher. Die größte Bank in Österreich, die Bank Austria Creditanstalt (BA-CA), senkt ihre Zinssätze für Kredite nach Angaben eines Banksprechers je nach Produkt um 0,25 bis 0,5 Prozentpunkte mit Wirkung von heute, Freitag. Bei den Spareinlagen bleiben die Zinssätze der BA-CA unverändert, das gelte auch für täglich fälliges Geld.

Kredite billiger

In der Bawag/PSK werden Privatkredite um bis zu 0,5 Prozentpunkte billiger - ab sofort. In der Erste Bank müssen sich Kreditnehmer noch gedulden. Voraussichtlich in der kommenden Woche werde bis zu 0,5 Prozentpunkte gesenkt.

Auch Sparkunden der Erste müssen sich künftig mit weniger begnügen. Auch die s Bausparkasse reagiert auf den Zinsschritt, sie wird ihre Darlehenszinsen mit 10. Juni senken.

Prompt reagierte auch die Volksbank Wien, die auch am Freitag schon die Kreditzinsen im vollen Ausmaß des heutigen EZB-Zinsschrittes um einen halben Prozentpunkt senkt. Die Sparzinsen werden je nach Laufzeit um 0,25 bis 0,5 Prozentpunkte zurückgenommen. "Jetzt ist die Zeit, einen Kredit aufzunehmen", so Georg Kraft-Kinz, Vorstand der Raiffeisenlandesbank NÖ-Wien. (DER STANDARD, Printausgabe, 6.6.2003)

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    Von der EZB-Zinsentscheidung sollen deutliche Impulse für die schwächelnde Konjunktur ausgehen.

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