Bulimie im Vormarsch

4. Juni 2003, 12:27
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Zahl der Anorexie-PatientInnen steigt nicht - Bei der Ursachenforschung mangelt es an Studien

Wien - Laut amerikanischen Studien hat bereits jedes 3. Kind im Grundschulalter eine Diät hinter sich, jedes zweite Mädchen im Pubertätsalter ist mit ihrer Figur unzufrieden. "Die Zunahme der Essstörungen geht hauptsächlich auf die Bulimie zurück", berichtet Univ.-Prof. Dr. Andreas Karwautz, Leiter der Essstörungsambulanz an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Wiener AKH. "Bei der Anorexie zeigt sich keine Zunahme in der PatientInnenanzahl, doch eine deutliche Verschärfung des Krankheitsbildes. Essgestörte PatientInnen gehen oft sehr wüst mit ihrem eigenen Körper um. Häufig gehen Essstörungen mit anderen Missbrauchsverhalten einher: Drogen- und Laxantienmissbrauch stehen an der Tagesordnung. Außerdem scheinen sich die klinischen Kategorien geändert zu haben. War früher die restriktive Anorexie (Magersucht) das häufigste Krankheitsbild, kommt heute fast immer binge-purging Verhalten (Essstörungen mit Brechanfällen) bei den PatientInnen vor, so Karwautz.

Komplexe Krankheit

Essstörungen sind komplexe Krankheiten mit verschiedensten Aspekten, monokausale Zusammenhänge gibt es bei dieser Krankheit nicht. Risikofaktoren bzw. Einflussfaktoren zu definieren, ist schwierig, da prospektive Studien über Jahrzehnte und vor allem vor Auftreten der Störung begonnen werden müssten. Dennoch zeigen sich laut Karwautz gewisse Ursachen, die das Risiko einer Essstörung erhöhen und zu berücksichtigen sind:

Neben biologischen und genetischen Ursachen spielt natürlich auch das psychosoziale Umfeld der PatientIn eine große Rolle. Mangelnder Selbstwert, aber auch der Wunsch nach Perfektion und hohe Disziplin verleiten junge Frauen zu Essstörungen, spezielle Hobby- und Berufsklassen sind dabei besonders betroffen (Berufswunsch Model, Ballett, Sportarten wie Judo). Missbrauch in der Familie und/oder zu hohe Erwartungen seitens der Eltern, was Ausbildung und Entwicklung betrifft. Oft trifft es Menschen mit einer geringen/gestörten Beziehung zum eigenen Körper bzw. Jugendlichen, die zur Introvertiertheit neigen.

Diese grobe Ursachendefinition bestätigt auch Mag. Christian Zitt, Leiter der psychotherapeutischen Abteilung von sowhat aus seiner langjährigen Erfahrung in der Arbeit mit essgestörten PatientInnen.

Die Vielfalt der Ursachen bedeutet, dass eine Therapie nur dort erfolgreich sein kann, wo sie multimodal ansetzt, denn die Risikofaktormuster sind bei jedem Menschen anders. "Wichtig ist es, eine mehrdimensionale Diagnostik zu gewährleisten. Genau zu schauen, was wirklich notwendig ist, dann an die jeweiligen ExpertInnen zu delegieren, die Kontrolle darüber zu halten und über die Jahre zu beobachten und zu kontrollieren, ob auch alles gemacht wird und alle Beteiligten mitmachen, beurteilt Dr. Karwautz den Erfolgsfaktor einer Therapie.

Aufklärung auf mehreren Ebenen

Präventionsprogramme sind nur bedingt erfolgsgekrönt, denn sie sind hochkomplex und langwierig. Aufklärungsarbeit muss dabei auf mehrere Aspekte abzielen: Ernährung, Körperbild und Selbstwert. Sinnvolle Aufklärungsarbeit ist dort erfolgreich, wo sie kontinuierlich und in verschiedenen Kontexten (Eltern, LehrerInnen, Jugendliche...) betrieben wird. Hier reicht es allerdings nicht aus, nur auf der kognitiven Ebene aufzuklären. Die individuelle Geschichte jedes einzelnen ist zu berücksichtigen. Die Möglichkeit für persönliche Gespräche bereits in der Aufklärungsarbeit erhöht die Chance des rechtzeitigen Erkennens möglicher Essstörungen deutlich.

Umgang mit essgestörten Kindern

Wenn Eltern den Verdacht haben, dass ihr Kind an einer Essstörung leiden könnte, ist der erste Schritt, ein Gespräch mit Vertrauenspersonen, professionellen Stellen, HausärztInnen, SchulpsychologInnen, SchulärztInnen oder Selbsthilfezentren zu suchen. "Wichtig ist, keine Scheu zu haben, einfach den ersten Schritt zu tun und sich irgendwoher einen fachlichen Rat zu holen, um auch für sich Sicherheit zu gewinnen. Es liegt in der Verantwortung der Eltern, fachkundige Hilfe für ihre betroffenen Kinder zu organisieren, denn sie kennen ihr Kind am Besten," rät Karwautz ratsuchenden Müttern und Vätern. (red)

Links

Sowhat? - Beratungsstelle für Menschen mit Essstörungen

www.fem.at – Frauengesundheitszentrum in der Semmelweis-Frauenklinik und Kaiser-Franz Josef Spital

Hotline für Essstörungen, Wiener Frauengesundheits- programm, Tel: 0800 20 11 20

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