"Elektrosmog ernst nehmen"

3. Juni 2003, 20:07
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Fazit einer deutschen Studie: Mobilfunker und Handyhersteller sollten das Thema nicht wie bisher herunterspielen

Wien - "Mobilfunker und Handyhersteller sollten Strahlungsängste der Bevölkerung ernster nehmen", resümiert Christian Lipski vom deutschen Marktbeobachter Soreon Research. "Es könnte ihnen sonst etwas ähnlich wie der Zigarettenindustrie passieren." Durch die zunehmende Debatte um den so genannten Mobilfunk-Elektrosmog entstünden nämlich erhebliche finanzielle Risiken für die Telekommunikationsunternehmen.

Soreon hat in den letzten Monaten Interviews mit deutschen, österreichischen und Schweizer Mobilfunkbetreibern geführt und deutsche Handyuser befragt. Demnach geben schon heute 16 Prozent der befragten Handynutzer an, dass sie Gespräche mit dem Handy aus gesundheitlichen Gründen zeitlich kurz halten. Zwölf Prozent der Nutzer telefonieren deshalb weniger als vor einem Jahr. Noch gravierender sind die Ängste gegenüber den Sendeanlagen der Mobilfunkbetreiber: 48 Prozent der Handynutzer haben gesundheitliche Bedenken gegenüber Mobilfunkmasten.

Soreon hat nun versucht, diese Aussagen für die deutschen Telekombetreiber hochzurechnen und die finanziellen Auswirkungen festzumachen. In drei Szenarien wurde errechnet, welche Umsatzeinbrüche die Telekombetreiber aufgrund der Smogdebatte haben könnten. Im wahrscheinlichsten Szenario - es kommt weiterhin zu keiner wissenschaftlich fundierten Aussage über die Auswirkungen von Elektrosmog - droht aufgrund einer "schleichenden Angst" bis zum Jahr 2006 ein Umsatzeinbruch von etwa zwei Mrd. Euro.

Dabei, so die Studie, könnten strahlungsärmere Handys zu höheren Preisen verkauft werden. Fast die Hälfte der Konsumenten wäre bereit, dafür Geld auszugeben. Auch Netzwerklieferanten hätten höhere Umsätze.

Derzeit jedoch würde das Thema von der Industrie "net amoi ignoriert", beobachtet Lipski: "In Deutschland gibt es tausend Anti-Elektrosmog-Bürgerinitiativen, aber keinen Dialog mit ihnen. Nicht einmal grundlegende Informationen für Handyverkäufer gibt es." Die Diskussion um einem Vorsorgewert in Salzburg ("Salzburger Milliwatt") sieht der Experte als beispielhaft: "Diese Forderungen sind im Vergleich zu anderen Bürgerbewegungen nicht mal so hoch." (Johanna Ruzicka/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4.6. 2003)

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