Die Öffi-Sinnfrage nach der entspannten Entschleunigung

3. Juni 2003, 19:51
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Die Öffis streikten und trotzdem kam jeder irgendwann dort an, wo er hinwollte. Daraus zu schließen, dass ohne Bus und Bim ausgekommen werden kann, hieße die falschen Verkehrsschlüsse zu ziehen ..

Wien/Graz - "Der Gedanke tut weh." Johann Ehrengruber ist entsetzt. Eines, so der Sprecher der Wiener Linien, habe man mit dem Streik nicht beweisen wollen: dass die Stadt ohne öffentliche Verkehrsmittel funktioniere. Das könne man "so nicht sagen". Sicher: Die angesagten Staus blieben auch beim zweiten Öffi-Streik aus. Radfahrer, Skater und Fußgänger machten den Dienstag zum "Tag des gesunden Bewegungsapparates". Fahrgemeinschaften boomten. Irgendwie kamen ja alle an, wo sie hin wollten. Wer braucht da noch Öffis?

Ehrengruber antwortet trocken: 34 Prozent aller Wege werden in Wien mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurückgelegt. "Mag sein, dass das einen Tag gut geht. Wenn das Wetter mitspielt, Schüler und Pendler wegfallen und man vorab disponieren kann. Aber mehrere Tage? Ein Horror."

Angesichts des am Dienstag so wie in Wien entspannt-entschleunigten Grazer Stadtbildes, gibt Ulrich Bergmann, Verkehrsexperte an der Technischen Universität Graz, zu, habe er sich die Öffi-Sinnfrage auch gestellt. Freilich nur kurz: Das idyllische Bild sei trügerisch, da wesentlich weniger Verkehrsteilnehmer unterwegs gewesen seien.

Ulrich Bergmann, der am TU-Institut für Straßen- und Verkehrswesen forscht und lehrt, glaubt nicht, dass der Dienstag den zukünftigen Verkehrsalltag verändern wird: "Sobald man sieht, dass wieder genügend Platz auf der Straße ist, wird man wieder auf das eigene Fahrzeug umsteigen." Es herrsche so etwas wie ein Naturgesetz im Straßenverkehr: Lücken werden sofort aufgefüllt.

Auch Christian Gratzer vom Verkehrsclub Österreich (VCÖ) warnt vor falschen Schlüssen. "Die, die der Stillstand von Bahn, Bim und Bus am meisten getroffen hat, waren ja nicht zu sehen, weil sie zu Hause bleiben mussten." Ältere Menschen oder sozial schlechter Gestellte etwa.

Lehren, so Gratzer, solle man dennoch ziehen: Fahrgemeinschaften müssten nun in der alltäglichen Praxis angewendet werden. Dafür sollte es Förderungen geben, fordert der VCÖ. Und: Wiens Radinfrastruktur sei völlig ungenügend. Mittelfristig, erhält Gratzer da Schützenhilfe aus dem Büro von Planungsstadtrat Rudolf Schicker, werde man hier massiv ausbauen müssen.

Für die Grünen ist das alles zu kurz gegriffen: "Der Dienstag hat gezeigt, dass eine Halbierung des Autoverkehrs möglich ist", erklärt Grünen-Klubobmann Christoph Chorherr - und fordert "Mut zu unpopulären Maßnahmen: Eine City-Maut würde aufregen - aber funktionieren".

Weniger drastische Schlüsse zieht Andreas Käfer vom Verkehrsplanungsinstitut Trafico: "Die wichtigste Lehre ist wohl, dass nicht alles immer so dringend ist, wie es oft scheint." (mue, rott, simo/DER STANDARD, Printausgabe 04.06.2003)

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    Die meisten Öffifahrer stiegen auf Drahtesel um ...

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