Trattoria der Gefühlspuppen

4. Juni 2003, 13:09
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Premiere von Gioacchino Rossinis "Il turco in Italia" an der Volksoper: ein heiter-harmloses Spiel von Dominique Mentha

Premiere von Gioacchino Rossinis "Il turco in Italia" an der Wiener Volksoper: Dominique Mentha, scheidender Volksopernchef, inszeniert ein heiter-harmloses Spiel um Liebe und Triebe und erntet dafür - wie das gesamte Ensemble - sehr freundlichen Applaus.


Wien - Der Chef der Trattoria, Don Geronio, ist zweifellos ein bedauernswertes Kerlchen. Mit einem Toupet, das an Prinz Eisenherz denken lässt, versucht er seine Kahlheit zu bedecken und an der Schönheitsfront zu punkten. Es ist dies ein effektvoller Sprung ins Klägliche; allerdings ist damit noch lange nicht Schluss. Die Götter des Lächerlichen haben es auf ihn abgesehen und demnach mit ihm noch einiges vor.

Ihr "Instrument" ist Geronios Gattin Fiorilla, eine Flirtmaschine mit ernsten Absichten. Sie lässt ihn ausgiebig leiden, und so nach und nach verwandelt sich der tragische Toupet-Wirt in einen "gefährlich" verzweifelten Gastronomen. Er bedroht mit dem Gewehr. Schlägt mit dem Tischtuch zu. Klopft auch an die Tore des Wahnsinns. Schließlich: Emotional zerzaust und - nach dem Zwiegespräch mit dem Gast aus der Türkei - am Fuß verletzt, torkelt er durch sein Lokal und ist am Ende. Noch vor dem Ende.

Doch ist das alles liebes, putziges Theater; und natürlich wird alles gut in Gioacchino Rossinis Il turco in Italia, jenem heiteren Werk, mit dem sich Noch-Volksopernchef Dominique Mentha von Wien als Regisseur verabschiedet: Beim Finale sitzen alle versöhnlich schmausend in der Trattoria bei Wein und Pasta. Das Paar - Geronio und Fiorilla - ist wieder beisammen; und Türke Selim hat seine Zaïda wieder.

Bis es so weit ist, darf Rossinis Maschine der Heiterkeit einigermaßen gut laufen. Mentha erzählt das Stück über Verwirrung und Verstellung brav und setzt doch humorfördernd auf eine gewisse kommentierende Distanz. Die Souffleuse ist fast unentwegt auf der Bühne präsent. Einmal wird der Beginn einer Szene - weil "schlecht geprobt" - dreimal wiederholt; und da wären noch die Übertitel. Sie sind nur punktuell Übersetzungen des Gesanglichen. Zumeist sind es Kommentare und interpretierende Zusammenfassungen der stattfindenden und kommenden Ereignisse.

Das hat etwas Verspieltes, bleibt aber doch dezent, wie alles in dieser Inszenierung, die nirgends die Möglichkeit nutzt, den Kontrollverlust und die Getriebenheit der Figuren in einem produktiven Bühnenexzess bis zum existenziell Äußersten zu treiben. Stattdessen setzt Mentha mitunter auf skulpturales Innehalten, auf zeitlichen Stillstand gleichsam. Dann sind die Figuren staunende Gefühlspuppen, umhüllt von der Musik Rossinis.

Etwas Poesie

Das Ambiente ist zweifellos sympathisch. Hausbühnenbildner Werner Hutterli - in den letzten Jahren für manche räumliche Hässlichkeit verantwortlich - hat einen funktionellen Ort ersonnen, in dem Platz ist für Product Placement und üppige Gruppenszenen. Ja, und auch Poesie wird kredenzt.

Wenn Selim in Italien ankommt, verwandelt sich das Lokal durch blaue Tücher in einen Ort der Meeresfluten. Und turteln Fiorilla und Selim miteinander, werden sie auf ein Podest gehoben - über ihnen erscheint ein Herz, und die ganze Szene ist in Rot getaucht und nett ironisiert.

Je mehr die Buffo-Sache im zweiten Akt ins Tragische kippt, desto stärker wird jedoch der Eindruck, Mentha seien die Ideen etwas abhanden gekommen. Wo vorher einigermaßen flottes Lustspiel war, ist nun Arienabend. Ein gediegen-ansprechender: Akiko Nakajima wird zwar als Fiorilla von der koloraturverliebten Partie an ihre vokalen Grenzen geführt, sie ist in Summe aber eine kompakt quirlige Erscheinung.

Noé Colin leidet als Geronio solide an ihre Seite, Bjarni Thor Kristinsson ist ein etwas behäbiger Selim; dafür gibt Annely Peebo eine lebendige Zaïde; und Adrian Eröd ist als Poet schlichtweg souverän. Außer durch einige von Rossini nicht notierte Töne hat das Volksopernorchester unter Pietro Rizzi niemanden wirklich vom Hocker gerissen. Etwas mehr Esprit und Lebhaftigkeit hätte man gerne ertragen; sie wären auch der Komödie zuträglich gewesen.

Am Ende viel Freundlichkeit seitens des Publikums - durchaus auch für Mentha, der sich am Ende der Saison nach Luzern begibt, wo ihm hoffentlich etwas mehr Glück beschieden sein wird als am Währinger Gürtel. (Ljubisa Tosic/DER STANDARD; Printausgabe, 4.06.2003)

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