Königinnen namens Huhn und Schwein

4. Juni 2003, 19:16
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Ernst-Wilhelm Händler, der Romancier des Turbokapitalismus, war am Mittwoch in Wien zu Gast

Wien - Bisher galt: Je bürgerlicher die Arbeitswelt, je unanschaulicher die geleistete Lohnarbeit - desto peinlicher die Zurückhaltung, die von der Literatur in Bezug auf die Wirtschaft geübt wird.

Noch die klassischen Romanschriftsteller flickten lieber bürgerlichen Individuen am Seelenzeug herum, anstatt die ökonomischen Winkelzüge ihrer Helden anschaulich zu gestalten. Wer je Thomas Manns Buddenbrocks mit Genuss gelesen hat, wird unwillkürlich ins Stocken geraten, sollte er jene Geschäftsanbahnungen, jene unheilvollen Verlustabwicklungen nachzeichnen, die den Niedergang des betuchten Lübecker Kaufmannshauses in Wahrheit ausmachen.

Zirkulierende Geldströme kann man nicht erzählen; und nachdem sich die "New Economy" von der industriellen Fertigung alten Zuschnitts endgültig verabschiedet hatte, schien sich auch die Literatur aus dem bedeutsamsten Feld der Wirklichkeitsproduktion abgemeldet zu haben.

Brecht las noch eingehend Börsenberichte, ehe er Spekulanten zu Shakespeare-Schuften adelte. Der bayerische Romancier und Manager einer Leichtmetallfabrik, Ernst-Wilhelm Händler, Jahrgang 1953, hilft dem zehrenden Wirklichkeitsmangel der Gegenwartsprosa schlagartig ab: Sein dicker Roman Wenn wir sterben, erschienen bei der Frankfurter Verlagsanstalt, ist die raffinierte Einverleibung turbokapitalistischer Wahrnehmungspraktiken und Ausdruckskalküle in den Kanon altehrwürdiger Literatur.

Händlers Buch ersetzt keine Diagramme oder Organigramme. Es biedert sich der modernen Hochleistungsökonomie nicht einfach an. Es benutzt keine Managementbegriffe als Reizstoffvokabeln, um einem schwachen Plot zeitgeistig aufzuhelfen. Es flunkert nichts vor.

Schreckenskammer

Händler erzählt sozusagen aus der innersten Kammer des Schreckens: Er jagt ein Quartett von Managerinnen, die im elektronischen Bauteil-Sektor arbeiten, durch eine zähe Prosamasse wechselnder Stil-Lagen. Die beschworene Freundschaftlichkeit zwischen naturwüchsigen Feindinnen wird zum Wettbewerb der Literaturformen. Die beste Managerin ist diejenige mit der höchsten Beschreibungskompetenz.

In atemloser Folge konjugiert Händler die ihm zur Verfügung stehenden Muster durch: Er macht auf Befehl den Handke, die Kronauer. Er fuchtelt mit den Zustimmungsvokabeln des Popliteraten Rainald Goetz triumphal herum: Sag ja zum Konsum! Er verzieht auf Knopfdruck angeekelt den Mund wie Michel Houellebecq. Dabei ist Sex nur ein lästiges Angebinde auf dem Weg zum durchgeformten Wettbewerbs-Ich.

Da der globale Konkurrenzkapitalismus kein Feld kennt, das er sich nicht untertan zu machen wüsste, fragt Händler mit der Geduld eines deutschen Kathederphilosophen, der zugleich Systemforscher ist, nach dem Kern unserer haltlosen Betriebsamkeit.

Die Übernahmeverfahren lernwilliger Managerinnen, die unter "Relegationsandrohung" die Durchrationalisierung der sie umgebenden Welt betreiben, reißt an unerwarteten Stellen klaffende Lücken auf. Die Damen haben Herz! Man verzehrt sich nach Zustimmung. Man verpfändet die Seele an "kreative Problemlösungen" und wirbt im Jargon "sanft startender Automatisierungsprozessoren" um sein undurchdringliches Gegenüber.
Der Kern dieser tastenden Wirklichkeitsvernichtung steckt im Begriff des "Joint Venture": Der nicht geringste Vorzug dieses im besten Sinne experimentellen Romans liegt in der (feindlichen) Übernahme aller Wahrnehmungsmuster, die unser "Consumer-Ego" mit vorgefertigten Warenangeboten überschwemmen.

Die Kernerzählung in Wenn wir sterben ist ein kleines Märchen, das die siegreiche Managerin der unterlegenen nachreicht. Es ist eine Szene wie aus einem Königsdrama - und die Pointe steckt in einer philosophisch heiklen Frage: Ein Huhn und ein Schwein gründen ein Joint Venture. Auf die Frage des Schweins, was sie denn nun gemeinsam produzieren sollten, antwortet das Huhn: Ham and Eggs.
Es liegt also an dem überlebenden Huhn, sich wie ein Schwein aufzuführen. Und Händlers smarte Managerfiguren leiden daran, dass sie einander zwar ähnlich werden, ihr Inneres dabei aber aus dem Blick verlieren. (Ronald Pohl/DER STANDARD; Printausgabe, 4.06.2003/red)

Ernst-Wilhelm Händler hat einen der wichtigen Romane der letzten Jahre geschrieben; aus Wenn wir sterben trug er Mittwoch im Antiquariat Buch & Wein, 4., Schäffergasse 13A, ab 19.30 Uhr vor.
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    Ernst-Wilhelm Händler

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