Begierige Blicke hinter hohle Spiegel

3. Juni 2003, 19:15
posten

Nach Parma zeigt das Kunsthistorische Museum zum 500. Geburtstag des Malers "Parmigianino und der europäische Manierismus"

Ein frühreifes Talent, ein Alchimist, ein Säulenheiliger des Manierismus.

Doris Krumpl

Wien - Geburtstagspartys im Kunsthistorischen, beide Jubilare zählen ein knackiges halbes Jahrhundert: Ferdinand I. und - ab heute - Parmigianino. Letzterer gilt den Italienern als einer ihrer Maler-Nationalheiligen, international steht er etwas im Schatten von Raffael und Konsorten. Angehenden Kunsthistorikern wird als Schlüsselwerk des Manierismus die Madonna mit dem langen Hals vorgebetet.

Die Langhalsige wird man in Wien nun vermissen, sie musste "wegen ihrer Fragilität" zu Hause bleiben. Aber sonst stellte das Kunsthistorische eine passable Schau zusammen, Parmigianino und der europäische Manierismus. Oft sieht man nämlich gerade eine Hand voll Werke des ausgerufenen Künstlers, den Rest füllt mittelmäßiger Umkreis. Für diese Schau aber, die etwas variiert im Museum des Hauptleihgebers Parma dieses Frühjahr zu sehen war, kommen 30 Ölbilder des frühreifen, im Alter von 37 Jahren gestorbenen Genies zusammen. Darunter die drei berühmten aus dem Kunsthistorischen, allen voran das Selbstbildnis im Konvexspiegel.

Das kleine Rundbild fungierte für Parmigianino, der eigentlich Francesco Mazzola hieß und zuweilen auch mit "Parmesan" signierte, quasi als Visitkarte, mit der er seine Künste in Rom dem Papst schmackhaft machte. Dem liegt wie vielen anderen Bildern eine gewisse Geheimniskrämerei und Dramatik zugrunde, die nichts mehr mit den in sich ruhenden Renaissance-Menschen zu tun hat.

Dramatik

Parmigianino wusste wohl den aus der Antike gespeisten Kanon und überlieferte Ikonografie meisterhaft zu verzerren zugunsten einer subjektiveren Sichtweise. Der Sturz des Saulus (Bekehrung des Saulus) wird fast soghaft-filmisch. Die Maltechnik, ein Wechsel von flott-lockerem Pinselstrich und airbrushmäßiger Opakheit, steigert die dramatische Wirkung.

Chronist Vasari, dessen Lebensbeschreibung des Malers 2004 im Wagenbach-Verlag erscheint, charakterisiert die Figuren mit einer gewissen Anmut, einer Zartheit und einem Liebreiz der Haltungen. Gleichzeitig erzürnt er sich über die Bestrebungen des Künstlers, Quecksilberexperimente dem Malen zeitweise vorzuziehen.

Parmigianino vereint Michelangelos Terribilit`a, Raffaels Grazie und Leonardos Naturmystizismus - und baut sie weiter aus. Auch Carracci übte Einfluss aus, was die Abteilung der Vorgänger Parmigianinos demonstriert. In der älteren italienischen Literatur gilt der Künstler als Erfinder der Radierung, was zwar nicht stimmt, doch war er von höchster Bedeutung für diese Technik und die Zeichnung schlechthin. Rund 80 - zuweilen erstaunlich "moderne" - Beispiele des Künstlers und dessen Umkreis belegen dies.

Ein spätes Selbstporträt zeigt den einst bildschönen Jüngling greisenhaft-bärtig, mit keck-absurdem roten Hut. In seinen letzten Lebensjahren verzögerte er einen Auftrag in Parma so lange, dass er deswegen ins Gefängnis gesteckt wurde - und daraus floh. Parmigianino hat mindestens zwei Gesichter, ein seltsam entrücktes und ein handfestes weltliches. Jedenfalls einladend, hinter Spiegel zu blicken. (DER STANDARD; Printausgabe, 4.06.2003)

  • Vom 5. Juni bis zum 14. September zeigt das Kunsthistorische Museum (KHM) die Ausstellung 'Parmigianino und der europaeische Manierismus'
    khm

    Vom 5. Juni bis zum 14. September zeigt das Kunsthistorische Museum (KHM) die Ausstellung 'Parmigianino und der europaeische Manierismus'

Share if you care.