Potemkinsche Erdbeeren

5. Juni 2003, 12:17
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Die Frage, ob Optik und Verfügbarkeit mehr zählen als Geschmack, am Beispiel der beliebten Beere

Ab Februar gibt es sie aus Spanien, bis November sind sie ohnehin überall zu bekommen, eigentlich existiert kaum noch eine Zeit, in der man Erdbeeren nicht bekommen kann. Was ja an und für sich eine schöne Sache wäre. Noch dazu, wo Zuchtanstalten Sorten kreiert haben, die nicht nur zwei Wochen lang halten, ohne die Farbe zu verdrehen, sondern auch mengenmäßig ordentlich was hergeben, was den Preis einigermaßen drückt. Und da haben wir jetzt grundsätzlich einmal ja auch nichts dagegen.

Blöd halt nur, dass diese wunderschönen und jederzeit verfügbaren Erdbeeren so etwas von nach überhaupt nichts schmecken, dass man’s schon gar nicht mehr glauben mag. Und das liegt nicht so sehr an der Tatsache, dass die Früchte schön unreif geerntet werden, damit sie im Supermarktregal noch möglichst lange halten (eigentlich ja völlig pervers, aber da haben wir uns ja fast schon daran gewöhnt), weil auch wenn man sie sorgsam nachreifen lässt, will sich der Geschmack nicht einstellen: Erdbeeren, die aus purem Wasser und harten Körndern bestehen, und das auch noch mitten während der Erdbeer-Hochsaison, weil die vom Handel (und damit in gewisser Weise leider auch vom Konsumenten) gewünschten Erdbeeren nun mal nach nichts schmecken; Optik, Verfügbarkeit und Haltbarkeit zählen mehr als Erdbeer-Geschmack (weil den haben wir – künstlich – eh mittlerweile reichlich im probiotischen "Frucht"-Joghurt).

Nur muss das halt nicht so sein, wie immer wieder ein paar visionäre Einzelkämpfer beweisen, die dann etwa Erdbeeren der Sorte Mieze Schindler – hellrosa, hält nur ungefähr einen halben Tag, bis sie sich zu Gatsch verwandelt, hat aber ein Aroma, bei dem man weinen möchte vor Glück – oder Wädenswil – eine alte Züchtung aus der Schweiz, wunderschöne Form, tolle Farbe, Geschmack ähnlich wie die von Walderdbeeren, hält ungefähr einen Tag – anbauen. Klar, die Erträge sind nicht so hoch, das heißt, der Preis ist ungefähr doppelt bis dreimal so hoch wie die geschmacklosen Zellulose-Erdbeeren. Und deswegen und wegen der geringen Haltbarkeit gelangen diese Schätze auch nie in die Öffentlichkeit, sondern werden fast ausschließlich direkt an die Spitzengastronomie geliefert. Das ist zum Heulen, weil wenn man so eine Wädenswil-Erdbeere gekostet hat, lebt dieser Eindruck ungefähr noch drei Tage lang weiter, so toll ist die.

Solange wir als Konsumenten einfach das fressen, was uns vorgesetzt wird und nicht Qualität verlangen, wird sich das freilich nicht ändern, sondern - im Gegenteil - eher schlimmer werden. Bei den Paradeisern haben wir es ja schon erlebt, bei den Gurken ebenfalls, bei den Äpfeln sowieso. Etwas mehr unternehmerischer Mut von Bauern und Züchtern würde aber wahrscheinlich schon auch belohnt werden, denk ich mir.

Von
Florian Holzer
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