Keine Lifestyle-Medizin

2. Juni 2003, 21:10
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Dank Viagra wird seit einiger Zeit immerhin offener über die Problematik der sexuellen Funktionsstörungen gesprochen. Im Zuge dieser Enttabuisierung tritt nun auch die Andrologie als darauf spezialisierte medizinische Disziplin verstärkt ins Rampenlicht.

Die von Viagra ausgelöste und von den Medien lustvoll betriebene Enttabuisierung der "erektilen Dysfunktion" hat durch die wachsende Bereitschaft der Männer, sich diesem Problem zu stellen, auch zu einem verstärkten Interesse an der Andrologie geführt.

Als Teilgebiet der Urologie befasst sie sich speziell mit den funktionellen Störungen der männlichen Geschlechtsorgane - also erektilen Dysfunktionen, Hormonmangelzuständen und Unfruchtbarkeit. Besonders intensiv erforscht wird zurzeit - neben den Erektionsstörungen - die hormonelle Veränderung des älteren Mannes.

Reizbar

Der Begriff "männliches Klimakterium", der in den letzten Jahren immer wieder durch die Medien geisterte, ist für die Andrologen ein Reizwort: "Dieser Ausdruck ist im Grunde genommen nicht korrekt", meint Gerhard Lunglmayr, Vorstand der Abteilung für Urologie im Krankenhaus Mistelbach. "Denn während bei der Frau in einer bestimmten Lebensphase der Eierstock das weibliche Geschlechtshormon Östrogen nicht mehr bzw. kaum noch bildet und sie damit unfruchtbar wird, bilden sich beim Mann bis zu seinem Tod Geschlechtshormone." Die Freude an dieser theoretischen Fruchtbarkeit ist nicht ungetrübt, denn die männliche Hormonproduktion fällt mit zunehmendem Alter kontinuierlich ab. Die medizinisch korrekte Bezeichnung für dieses männliche Gegenstück zum Klimakterium: "Padam" (Partielles Androgendefizit des alternden Mannes).

Michael Dunzinger, Vorsitzender des Andrologischen Arbeitskreises, warnt vor einer undifferenzierten Anwendung von Hormontherapien bei Männern: "Von den infrage kommenden Hormonen kennt man heute lediglich - und das nur bedingt - die Langzeitwirkung von Testosteron, dem wichtigsten männlichen Geschlechtshormon. Für alle anderen Hormone, also Östrogene, das Wachstumshormon und DHEA, gibt es noch keine entsprechenden Studien."

Krebsrisiko sinkt

Wie wichtig aber dieses Wissen als Basis für entsprechende Therapien ist, verdeutlicht Dunzinger am Wachstumshormon. Davon werden mit zunehmendem Alter immer geringere Mengen produziert, wodurch vermutlich allerdings auch das Krebsrisiko sinkt. "Es gibt demnach Überlegungen, dass man das Krebsrisiko erhöht, wenn man einem älteren Mann Wachstumshormone zuführt. Wir wissen heute einfach noch nicht, ob die für die Therapie einsetzbaren Hormone tatsächlich auf lange Sicht eine positive Wirkung haben."

Unumstritten ist derzeit nur, dass rund ein Viertel aller Männer im Laufe ihres Lebens an einem partiellen Testosteronmangel leiden und eine Hormontherapie brauchen. "Unsere Aufgabe als Andrologen ist es", so Dunzinger, "diese Gruppe herauszufiltern, damit die Männer nicht im Zuge einer Lifestyle-Medizin übertherapiert werden."

Noch vor 15 Jahren dominierte in Medizinerkreisen die Überzeugung, dass Impotenz vor allem psychische Ursachen hat. "Mittlerweile", so der Urologe Stephan Madersbacher, "weiß man, dass etwa zwei Drittel aller Erektionsstörungen organische Ursachen haben und dass die physischen Risikofaktoren mit zunehmendem Alter eine immer größere Rolle spielen."

Ursachen der Impotenz

Auch wenn die Ursachen häufig organischer Natur sind - die Psyche ist immer beteiligt. Es ist in der Andrologie deshalb heute selbstverständlich, erektile Dysfunktionen aus medizinischer und psychologischer Perspektive zu betrachten. Von allen Risikofaktoren für Impotenz ist jedoch das Alter der signifikanteste. Und da die Lebenserwartung weiter ansteigt, werden auch mehr Männer mit diesem Problem konfrontiert werden.

Im Zunehmen sind aber nicht nur die Potenzstörungen, sondern andrologische Erkrankungen generell: "Zu den altersbedingten sexuellen Funktionsstörungen kommt bei Männern ein wachsendes Infertilitätsproblem dazu, das mit dem immer späteren Kinderwunsch einhergeht", berichtet Michael Dunzinger. Bei der Erforschung der männlichen Unfruchtbarkeit fanden die großen Fortschritte bereits vor einigen Jahren statt, als man die Befruchtung erstmals unter dem Mikroskop durchführen konnte.

Seither spielt die Andrologie bei der Samengewinnung eine zentrale Rolle. Aus andrologischer Sicht sind also die Zukunftsperspektiven der Männer - zumindest in den Industrienationen - nicht gerade rosig: Wird ihnen doch die Freude an den gewonnenen Jahren durch zunehmende Impotenz und Unfruchtbarkeit vergällt. Dennoch kein Anlass zur Resignation: Immerhin kann bereits heute rund 70 Prozent der betroffenen Männer geholfen werden. Die Andrologie in Kooperation mit Viagra & Co macht es möglich. (Doris Griesser/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.6. 2003)

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