"Wir sind echt tolle Kerle!"

2. Juni 2003, 20:52
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Männer sind "per se hypochondrisch" und Kinder großzuziehen ist deren positive Herausforderung, sagt "Playboy"-Chefredakteur Stefan Schmortte. "Emma" liest er aber trotzdem nicht.

STANDARD: Seit Jänner erscheint die Deutschland-Ausgabe des "Playboy" runderneuert in eleganterer Aufmachung. Wie hat sich Sexualität parallel zum "Playboy" verändert?

Schmortte: Als der Playboy 1972 das erste Mal erschien, war das ein Tabubruch. Sexualität hatte damals einen anderen gesellschaftlichen Stellenwert. Das Interesse daran war aber immer groß. Der Normverstoß war allerdings auch intellektuell unterstützt. Durch Autoren, die für Liberalität im Denken und eben auch für Liberalität in der Sexualität standen. Ob das ein Norman Mailer oder ein Henry Miller war - selbst Jean-Paul Sartre hat im Playboy geschrieben.

STANDARD: Ging aber nicht gerade die "sexuelle Revolution" Ende der 60er-Jahre auch auf Kosten der Frauen?

Schmortte: Wenn ich mich historisch daran erinnere, war das doch im Grunde ein Einverständnis in freiem Leben und freier Liebe. Ich würde darin nie eine Degradierung des weiblichen Geschlechts sehen. Sogar eher ein Kompliment, die Frau so begehrenswert zu empfinden und sie in schönsten Posen zu zeigen.

STANDARD: An welches Zielpublikum richtet sich das Magazin heute?

Schmortte: Das ist schwer in eine soziodemografische Formel zu pressen. Ich stelle mir einen Menschen vor, der mit einem Augenzwinkern durch die Welt geht.

STANDARD: Sie sprechen von "Menschen". Sollen auch Frauen "Playboy" lesen?

Schmortte: Wir haben ungefähr 15 Prozent Leserinnen, sind also in erster Linie ganz klar eine Männerzeitschrift. Das ist auch okay, es gibt so viele Frauenmagazine. Ich habe aber überhaupt nichts dagegen, wenn eine Frau den Playboy liest.

STANDARD: Angeblich suchen beim "Playboy" Frauen die Nackten aus?

Schmortte: Die Promi-Foto- shootings werden von vier Frauen gemacht. Ich halte das für sehr wichtig. Die fotografierten Frauen - die sich in der Regel einmal und nie wieder vor der Kamera ausziehen - fühlen sich gelöster und offener. Die Vorgespräche führe ich mit einer Kollegin. Bei der Fotoauswahl sind selbstverständlich Männer dabei. Was ich ebenfalls für wichtig halte.

STANDARD: Und die nicht prominenten Nacktmodels?

Schmortte: Wir machen regelmäßig Castings. Danach entscheiden wir.

STANDARD: Immer wieder wird kritisiert, dass Männermagazine selbst im Jahr 2003 nackte Frauen brauchen, um interessante Themen oder Personen zu verkaufen. Brauchen Sie die nackten Frauen?

Schmortte: Brauche ich ein gutes Restaurant, wenn ich auch zu McDonald's gehen kann? Warum haben die Menschen immer Angst vor Nacktheit? Ich glaube außerdem, dass es keinen Mann gibt, den das nicht anspricht. Die Kritiker meinen, den Anwalt zu spielen von Frauen, die angeblich von denen, die Frauen ausziehen, unterdrückt werden. Uns schreiben aber Frauen, die genau das gut finden.

STANDARD: In der aktuellen Ausgabe fürchtet ein Leser Herzschlag beim Sex. Ist das bezeichnend für die momentane Befindlichkeit von Männern?

Schmortte: Männer sind per se hypochondrisch. Deswegen brechen wir auch gerne Rekorde und steigen auf hohe Berge, um es uns ab und zu zu beweisen. Wir sind echt tolle Kerle. Die Krise des Mannes? Es gibt eine Vervielfältigung von Männerrollen. Ich persönlich empfinde das aber eher positiv. Dass wir zum Beispiel mehr mit unseren Kindern zu tun haben, als einmal im Halbjahr das Zeugnis vorgelegt zu bekommen. Aber manche Männer mögen vielleicht denken: "Wie kriege ich das alles unter einen Hut?"

STANDARD: Diese Mehrfachbelastung trifft Frauen aber doch mindestens ebenso und auch ein wenig länger, oder?

Schmortte: Ihr hattet die Frauenbewegung. Wir haben zwar keine Männerbewegung - aber dafür den Playboy.

STANDARD: Haben Sie jemals Emma gelesen?

Schmortte: Nein. Ich würde mutmaßen, dass ich nicht unbedingt zur Kernzielgruppe gehöre. Außerdem: Es gibt so viele Zeitschriften zu kaufen, und ich lese ja auch nicht Jagd und Hund. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.6. 2003)

Mit Stefan Schmortte sprach Doris Priesching.
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