"Vermächtnis" des Paten beschäftigt Justiz

2. Juni 2003, 18:52
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Fünf hohe Kriminalisten und ein Exfahnder werden unter die Lupe genommen

Wien - Auch nach seinem Suizid beschäftigt Jeremiasz Baranski weiter die Justiz. Die Staatsanwaltschaft Wien sieht im handschriftlichen "Vermächtnis" des Paten doch mehr als bloß einen gemeinen Racheakt. Gegen fünf Beamte des Bundeskriminalamtes sowie gegen einen ehemaligen Mafiafahnder wurden nun gerichtliche Vorerhebungen wegen Amtsmissbrauchs eingeleitet. Das bestätigte am Montag Helmut Kellner, der Sprecher der Anklagebehörde, auf STANDARD-Anfrage.

In der Zelle gefunden

Wie berichtet, war Baranski in den Morgenstunden des 7. Mai tot in seiner Zelle in der Haftanstalt Wien-Josefstadt aufgefunden worden. Er hatte sich mit seinem Gürtel am Fensterkreuz erhängt. Nur wenige Tage später hätte der Prozess gegen ihn zu Ende gehen sollen, die Anklage warf ihm mehrere Mordaufträge vor. Darunter auch das Attentat auf den polnischen Exsportminister Jacek Debski vom 12. April 2001 in Warschau.

Polizeispitzel

Baranski, der lange auch als Polizeispitzel tätig war, hatte die Vorwürfe stets bestritten, doch in den letzten Verhandlungen war seine Verantwortung zusammengebrochen. Unter anderem flog auf, dass er per Handy aus seiner Zelle heraus falsche Entlastungsaussagen bestellt hatte.

Brief vor Suizidversuch

Nur drei Tage vor seinem Suizid verfasste er einen sechsseitigen Brief an die Oberstaatsanwaltschaft, in dem er beschrieb, wie die frühere Zusammenarbeit mit Fahndern des Innenministeriums gelaufen sein soll: so behauptete der gebürtige Pole, dass er 1997 für die österreichische Staatsbürgerschaft eine Million Schilling (72.673 Euro) Schmiergeld bezahlt habe. Für 14.353 Euro sei eine Finanzvorstrafe aus Deutschland "verschwunden".

In einem anderen Fall schilderte Baranski, dass er einmal die Verantwortung für einen Verkehrsunfall übernommen habe, den eigentlich ein betrunkener Agent verursacht haben soll.

Weiters behauptet Baranski in seinem "Nachlass", dass er über das Innenministerium an das deutsche Bundeskriminalamt als Informant vermittelt worden sei. Was er dort an Spitzellohn verdiente, habe er zur Hälfte an österreichische Beamte abliefern müssen.

Die Überprüfung der Vorwürfe werde "einige Wochen" dauern, sagte Staatsanwalt Helmut Kellner. (Michael Simoner, DER STANDARD Printausgabe 3.6.2003)

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