Generationenfairness bleibt auf der Strecke

2. Juni 2003, 18:50
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Die Demografie kann man nicht bestreiken - Ein Kommentar der anderen von Georg Pflug

In Streikaufrufen und auf Transparenten taucht das Wort Pensionsraub auf; der Bundeskanzler wird als Raubritter dargestellt. Raubritter sind Symbole für Leute, die, um sich selbst zu bereichern, mit Gewalt etwas eintreiben, das ihnen nicht zusteht. In der österreichischen Tradition denkt man an die Kuenringer, in der englischen würde man sich den bösen Sheriff von Nottingham vorstellen, der den braven "villagers" ihr Hab und Gut wegnimmt, um es zu verprassen. Wo - so fragt sich der besorgte Staatsbürger - ist Robin Hood, der dem bösen Treiben ein Ende macht?

Dieses Bild ist natürlich tendenziös. In einem demokratischen Staatswesen, das Gelder einhebt und wieder verteilt, gibt es bei jeder Veränderung Gewinner und Verlierer. Die Frage ist: Wer sind die Gewinner und die Verlierer? In der Pensionsreform sind die derzeitigen Pensionisten Gewinner, künftige Generationen werden schlechter gestellt.

Ein wesentlicher Erklärungsfaktor der derzeit hohen impliziten Zinssätze ist das stete Steigen der Lebenserwartung. Derzeit nimmt die Lebenserwartung pro Jahr um mehr als drei Monate zu. Dies hat zur Folge, dass alle Prognosen der Pensionsversicherungen notgedrungen falsch sind. Für heute Dreißigjährige muss zur richtigen Bewertung der Pensionsanwartschaft die Prognose jener Sterbetafel herangezogen werden, die in 30 bis 50 Jahren gültig sein wird. Rechnet man die Lebenserwartung eines heute geborenen Mädchens korrekt, wie es am IIASA (Internationales Institut für Angewandte Systemanalyse in Laxenburg) gemacht wurde, so ergibt sich ein Wert von weit über 100 Jahren. Hingegen weist die in der Berechnung derzeit verwendete Sterbetafel eine Lebenserwartung von ca. 81 Jahren für Frauen und ca. 75 Jahren für Männer aus.

In Österreich werden die Regelungen über Einzahlungen und Pensionshöhe im Umlageverfahren nicht nach versicherungs- und finanzmathematischen Grundsätzen berechnet, sondern durch Gesetz dekretiert. Irgendwann rächt sich aber diese Diskrepanz. Abzuwarten und nichts zu tun würde die Lasten immer weiter auf neue Generationen abwälzen und schlussendlich zum Zusammenbruch des ganzen Systems führen.

Kann man überhaupt hohe implizite Zinssätze begründen? Man, kann, falls gewisse Voraussetzungen, nämlich dass die Bevölkerung wächst und sich eine gut geformte Bevölkerungspyramide (viele Junge, wenig Alte) bildet, sowie die Lebenserwartung annähernd konstant bleibt. Beide Voraussetzungen sind nicht eingetroffen.

Eine wachsende Bevölkerung erlaubt so etwas wie ein Pyramidenspiel: Man zahlt wenig ein und bekommt viel heraus. Viele erinnern sich noch an das oberösterreichische Pyramidenspiel, das jäh zusammenbrach und zum Verbot solcher Spiele geführt hat. Es brach zusammen, weil die notwendige exponentielle Zunahme der Mitspieler irgendwann zwangsläufig zu Ende ist. In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich die Bevölkerungspyramide aber gänzlich anders entwickelt: Sie hat sich in eine Bevölkerungsbirne (Abnahme der jungen Jahrgänge) verwandelt und wird bald die Form eines Atompilzes haben, das heißt, einer dünnen Gruppe von Jugendlichen und Kindern steht eine mächtige von alten Menschen gegenüber. Gegen diese Bevölkerungsentwicklung kann man nicht streiken.

Klar ist: Kein einziger Pensionist trägt Schuld an dieser Misere. Dennoch müsste aus Fairnessgründen auch für die derzeitige Pensionistengeneration, insbesondere bei den hohen Einkommen Veränderungen nach unten durchgeführt werden. Anzuregen wäre die Bestellung eines Anwaltes für die nächste Generation beim Verfassungsgerichtshof. Die derzeitigen Verfassungshüter gehen von der Voraussetzung aus, dass der Gleichheitsgrundsatz zwar für Männer und Frauen, jedoch nicht für Generationen gilt. Einem guten Anwalt sollte es gelingen, die Generationenfairness als Verfassungsprinzip auch gegen den Standpunkt der so genannten "wohlerworbenen Rechte" durchzusetzen.(DER STANDARD, Printausgabe, 3.6.2003)

Der Autor ist Vorstand des Instituts für Statistik an der Universität Wien.
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