Dunkle Seiten, dunkle Zeiten

2. Juni 2003, 17:36
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Der US-amerikanische Autor und (Ex)cyberpunk Bruce Sterling referiert diese Woche bei der Wiener Konferenz "Open Cultures"

In seinen Welten wimmelt es von "postcaninen" sprechenden Hunden und modifizierten Menschen, die digitale Erinnerungspaläste besuchen. Im 2002 erschienenen Buch Zeitgeist regiert die Erde eine Instant-Sample-Girliepopband namens G7, die alles bis ins Letzte marketingmäßig dominiert. "Du kannst ein Soldat sein und gleichzeitig ein großer Entertainer", sagt der Antiheld des Buches. Ähnlichkeiten mit jüngstem Golfkriegsmedien-Militainment sind offensichtlich.

Besser als die Erlebnisberichte der eingebetteten Journalisten

"Aber das lag ja auf der Hand. Im Übrigen gewann Al Jazeera das Militainment. Was die boten, war besser als die Erlebnisberichte der eingebetteten Journalisten." Meint Bruce Sterling (49), seines Zeichens vor allem Sciencefictionautor. Der aus Austin, Texas, stammende Roman- und Sachbuchautor, Journalist, Kritiker und Verleger der Cyberpunk-Anthologie Mirrorshades beehrt diese Woche Wien.

Auf Einladung von "Public Netbase/t0 - Institut für Kulturtechnologien" referiert der u.a. durch seine provokanten Artikel in Wired bekannte Autor auf der Konferenz Open Cultures. Bei dieser am 5. und 6. Juni abgehaltenen Veranstaltung geht es um die Infopolitik im Netz, um die Idee der "digital commons", intellektuellen Eigentums in Zeiten immer größerer Restriktionen. Internationale ExpertInnen aus den Bereichen Wissenschaft, Kunst und Kultur sprechen dort über den freien Zugang zu Information, freie Software, Patente, Alternativen zu Wissensmonopolen, kabellose Community-Networks, offene Distributionskanäle und neue künstlerische Ausdrucksformen.

"Gray Markets and Information Warlords"

Sterlings Vortrag handelt von "Gray Markets and Information Warlords". Es wird um Verbrechen gehen, meint Sterling im STANDARD-Gespräch, "denn wenn Leute Information und deren Zugang beschneiden, schaffen sie einen Schwarzmarkt. Das ist die dunkle Seite der Kommerzialisierung, in dem Fall des Internets. Wenn man nicht kommerzieller Anhänger des freien Informationsflusses ist, wird man als Krimineller angesehen." Der ganze Spam (Müll), der sich in unwahrscheinlicher Geschwindigkeit vermehre, zeige auch, wie Leute die Freiheit misshandeln und das Internet nahezu killen. Sterling vergleicht es mit der politischen Wende 1989, nach der eine "Mafiasation" eingesetzt habe. Kein legales Unternehmen der Menschheit - Sterling kleckert nicht, er klotzt - habe bis dato so viel Geld in den Sand gesetzt.

Ist Cyberland längst abgebrannt? Jetzt gehe es viel mehr um Biologie, um Biotechnologie, sagt der "Pop-Wissenschafter" Sterling, von dem etliche Bücher auch in deutscher Sprache vorliegen. "Richtig enthusiastisch waren wir nie, das Wort Cyberpunk - ein altmodisches 80er-Wort - zeigt ja, dass wir nicht daran glaubten und uns für die dunkleren Seiten interessierten." Sterling amüsiert die Tatsache, dass sein 1981 erschienenes Sachbuch über Computerverbrechen, The Hacker Crackdown, nun in Polizeiakademien der USA für den Unterricht verwendet wird.

"You know, Schengen-style"

Dort, sagt er, gehe es politisch zu wie einst unter der Nixon-Verwaltung, mit Kaltem-Krieg-Denken. Europa, das eine immense Rolle in Sterlings Büchern spielt, sei da viel spannender, vor allem die postkommunistischen Länder. "Etwa Kroatien: ein neuer Staat, eine neue Flagge, neue Währung und Identität. Oder Ostberlin und der Bauboom dort. Wenn man in 50 Jahren 90er-Jahre-Architektur studieren will, hat man das dort auf einem Fleck." Es würde ihn auch nicht überraschen, würde seine Heimatstadt Austin, "eine der linksgerichtetsten Städte des Staates", zu Europa gehören, "You know, Schengen-style", so Mr. Sci-Fi locker.

Wie er sich ein Modell künftiger Gesellschaft vorstellt, skizziert Sterling in seinem im Vorjahr erschienenen "Sachbuch" Tomorrow now. Die Zukunft des Aktivismus, scheibt er da, ganz "Pop-Scientist", gehöre einem sophisticated urbanen globalen Netzwerk, das Geld machen kann - die "Disney-World-Version von Al-Kaida". Es gebe das Microsoft-US-Militär-Modell, der zentralen Weltherrschaft sozusagen und das Internet-Al-Kaida-Modell: dezentralisiert, anarchisch. Die Zukunft gehöre demjenigen, der die besten Aspekte beider Modelle in sich vereinen kann, sagt Sterling:

"Im 21. Jahrhundert wird man um solch ein neues Modell kämpfen. Es gibt zwei Supermächte, die USA und Europa, welches eine zivilisatorische Supermacht darstellt und so funktioniert: Hier ist unser 4000-Seiten-Handbuch, und wenn du das liest, darfst du zu uns gehören. Die US-Version ist die: Mach, was immer du glaubst, außer, es ist was Schlechtes. In diesem Fall töten wir dich."

Ein Modell, das niemanden für seine Ideen killt

Und wieder Brachialvergleiche: "Eine Form von Al-Kaida, die sich mehr beträgt wie Microsoft, das könnte interessant werden. Sophisticated, allgegenwärtig. Ein Modell, das niemanden für seine Ideen killt, sondern sie wachsen lässt."

Wird einem mulmig, wenn Sciencefiction-Prognosen wahr werden? Sterling: "Das gehört zum Berufsrisiko. Beim Erfinden, Vorhersagen, denkt man in einer abstrakteren Form. Die Realität fällt dann immer erniedrigender aus, siehe etwa Internet und Pornografie, it stinks of humanity!" (Doris Krumpl, DER STANDARD Printausgabe, 2. Juni 2003)

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