Wien: Fünfjähriger fast verhungert

2. Juni 2003, 18:40
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Mutter gab dem Kind über Jahre zuwenig zu essen - Junge wog nur mehr neun Kilogramm

Wien - "Er hat ganz normal gegessen wie jedes Kind. Zum Frühstück hat er einen Tee und Topfenstrudel bekommen. Zwischendurch Chips. Ich weiß nicht, was das Problem war", so verantwortete sich am Montag im Wiener Straflandesgericht eine wegen jahrelanger Vernachlässigung ihres Kindes angeklagte 26-jährige Hausfrau und Mutter. Philipp brachte nur noch neun Kilogramm auf die Waage, als das Jugendamt nach einer anonymen Anzeige Ende März des Vorjahres einschritt.

Dramatischer Zustand

Die Richterin bescheinigte der Mutter eine "unbeschreibliche Ignoranz". Sie sei am "dramatischen Zustand" des Buben Schuld, "auch wenn sie sich jetzt völlig abputzt". Philipp habe "beträchtliche gesundheitliche Schäden" davongetragen: "Viel hätte nicht passieren müssen, dann wäre das Kind zu Tode gekommen. Wenn nicht Dritte eingeschritten wären, wäre Philipp gestorben."

Beim Arzt war die Mutter mit Philipp nur ein einziges Mal, "sterbenskrank war er ja nicht, und einen Schnupfen haben alle Kinder".

"Lachhafte" Strafe Die Richterin verhängte über die 26-Jährige wegen grober Vernachlässigung eines Unmündigen zwei Jahre unbedingte Haft. Ein "lachhafter" Strafrahmen, kommentierte Richterin Natalia Frohner, "wenn man sich im Vergleich dazu ansieht, wie viel man für Vermögensdelikte bekommen kann".

Verurteilt wurden auch die Großmutter des Kindes sowie der Vater des Buben, die im selben Haushalt gelebt und die Hände mehr oder weniger in den Schoß gelegt hatten, "obwohl sie längst in höchste Alarmbereitschaft versetzt hätten sein müssen", wie die Richterin bemerkte. Der 47 Jahre alten Großmutter hielt sie zugute, dass sie sich auch um ihren kranken, pflegebedürftigen Vater zu kümmern hatte, dem Kindesvater, dass er untertags aus beruflichen Gründen nicht zu Hause war. Er fasste 18 Monate Haft aus, davon sechs Monate unbedingt. Die Oma bekam 15 Monate, wovon fünf zu verbüßen sind. Während diese beiden Urteile bereits rechtskräftig sind, erbat sich die Kindesmutter Bedenkzeit, sie habe nichts falsch gemacht.

Ein Gutachter befürchtet, Philipp könnte dauerhaft am Zentralnervensystem geschädigt worden sein. Das Kind wächst nun in einem SOS Kinderdorf auf. (APA, DER STANDARD Printausgabe 3.6.2003)

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